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Berliner Großflughafen Arkadien riecht nach Kerosin

 ·  Die geänderten Startrouten des neuen Großflughafens im Süden Berlins drohen die Schlösserlandschaft rings um den Wannsee zu einer Lärm- und Abgaszone zu machen - das Weltkulturerbe ist in Gefahr.

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Auf barocken Landschaften, wie sie in der Gemäldegalerie Friedrichs des Großen in Sanssouci hängen, ist die Bedrohung am Bildrand erkennbar. Ein Sturm zieht auf, er wird die Nymphen und Faune vertreiben, doch der Betrachter ist gewarnt. Die Wirklichkeit des Jahres 2010 bietet ein anderes Bild. Ein Unwetter ballt sich über den Schlössern und Gärten rings um Potsdam zusammen, und noch hat es fast niemand gemerkt.

Dabei ist es höchste Zeit, die Zeichen der Zerstörung ins Tableau des preußischen Arkadien einzutragen. Ihre Bahnen zerschneiden den Himmel über der Idylle aus Marmor, Stuck und Grün, und ihr Wirken steht unter dem Schutz der zuständigen Landesregierung. Es sind die Verkehrsflugzeuge, die, wenn die Deutsche Flugsicherung ihre Pläne nicht mehr ändert, vom neuen Super-Airport Berlin Brandenburg International (BBI) in Schönefeld aus nach Westen starten werden. Ihre Abflugroute führt direkt über das Weltkulturerbe. Was sie mit sich bringt, kann sich jeder leicht vorstellen: Lärm, Dunst, Erschütterungen, Kerosin.

Ein Märchen aus Kindertagen

Am östlichen Rand des Potsdamer Ensembles, schon auf Berliner Stadtgebiet, liegt das zum Landschaftspark ausgebaute Liebesnest des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm II. und seiner Geliebten Wilhelmine Encke: die Pfaueninsel. Es ist ein Ort, wie er im schlösserreichen Deutschland kein zweites Mal vorkommt, ein Traum aus gebändigter Natur und neugotischer Architektur. Für Fontane war es ein Märchen aus Kindertagen: „Ein Schloss, Palmen und Kängurus; Papageien kreischen; Pfauen sitzen auf hoher Stange oder schlagen ein Rad, Volieren, Springbrunnen, überschattete Wiesen; Schlängelpfade, die überall hinführen und nirgends; ein rätselvolles Eiland, eine Oase, ein Blumenteppich inmitten der Mark.“

Über dieser Blumeninsel sollen nun ab Juni 2012, wenn der neue Großflughafen eröffnet wird, die von Schönefeld bei vorherrschendem Westwind gestarteten Düsenjets eine weite Rechtskurve fliegen, um über den südwestlichen Stadtteilen Berlins auf Ostkurs zu ihren Zielen in Polen, Russland, China und Japan zu gelangen. Der Geräuschpegel, der dabei entstehe, so verkündet die Flugsicherung, sei nicht lauter als der einer Nähmaschine, die Flughöhe betrage mehr als zweitausend Meter. Ohnehin rechne man nur mit wenigen „Luftfahrzeugen“ pro Tag.

Der Wille zur größtmöglichen Auslastung der Anlage

Das klingt wie ein Schlaflied aus jener Zeit, in der Fontane auf der Pfaueninsel die Kängurus hüpfen sah. Wer sich von den Beschwichtigungsversuchen der Flugsicherung nicht einlullen lässt, sieht rasch ein anderes Bild: Flugzeuge, die im Viertelstundentakt über dem Wannsee drehen, Kerosingeruch über dem Schinkelschen Kavaliershaus und der von Stüler und Schadow gebauten Peter-und-Pauls-Kirche am Seeufer, Turbinengekreisch, das die Stille der Lennéschen Gärten zerreißt. Denn natürlich sind die Start- und Landebahnen des Großflughafens nicht auf denkmalschonenden Luftverkehr, sondern auf Hochkapazität ausgelegt. Und es ist gerade der Wille zur größtmöglichen Auslastung der Anlage, der die Änderung der Flugrouten zum Schaden des Weltkulturerbes erzwingt.

Nur im „unabhängigen Parallelbetrieb“ nämlich, wie es im Jargon der Flugsicherheit heißt, können die beiden Schönefelder Rollbahnen maximal genutzt werden. Für dieses parallele Flugkarussell aber gilt unvermeidlich jene Grundregel der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation ICAO, die das seitliche „Abknicken“ der Routen startender und landender Flugzeuge um jeweils fünfzehn Grad vorsieht.

Verlogene Informationspolitik

Die Deutsche Flugsicherung hat diese Abweichung der ursprünglich genau parallel geplanten Flugrouten, wie jetzt bekannt wurde, schon vor zwölf Jahren der für den neuen Flughafen zuständigen Genehmigungsbehörde mitgeteilt. Die zuständigen Politiker aus Berlin und Brandenburg, die sich die Macht im Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft teilen, wollten die Nachricht aber offenbar nicht hören. Statt dessen wiegten sie Zehntausende von Bewohnern der südwestlichen Vororte Berlins in der Illusion, ihr Gebiet werde vom Fluglärm verschont bleiben. Als die Täuschung vor gut zwei Wochen aufflog, wurden in aller Eile Protestbüros und Bügerinitiativen gegründet, in denen sich inzwischen bereits mehr als zweihunderttausend Menschen organisiert haben.

Bei einer Anhörung in Schönefeld am Montag aber zeigte sich, dass der BBI-Streit, falls nichts Entscheidendes passiert, wieder einmal den üblichen Berliner Weg gehen könnte: Erst spaltet sich der Protest entlang der alten west-östlichen Gräben, dann trinkt er vom Gift des Sozialneids, und zuletzt handelt der Senat, wie es ihm gefällt. In Schönefeld redeten die Fluglärmgegner aneinander vorbei, Zuhörer aus Blankenfelde mokierten sich über die Sorgen der Wannsee-Anwohner, und die Planer des Flughafens erklärten salomonisch, man werde es nicht jedem recht machen können. Dabei liegt der wahre Skandal nicht in der mangelnden Rechtsabwägung, sondern in der verlogenen Informationspolitik der Landesregierungen von Berlin und Brandenburg – und in der Betriebsblindheit, mit der die Verantwortlichen über Menschenleben und Kulturgüter gleichermaßen verfügen.

Hat sich die Deutsche Flugsicherung überlegt, was ihre Planungen bedeuten?

Über die künftige Schadstoffbelastung im Einzugsbereich der Startrouten beispielsweise hat die Flugsicherung wohlweislich nichts mitgeteilt. Nach Auskunft von Fachleuten stößt ein Düsenjet in der Startphase so viel Abgase aus wie viertausend Autos. Das ergäbe einen fünfzehn Kilometer langen Stau, dessen qualmendes Ende über der Pfaueninsel und der Stülerschen Heilandskirche in Sacrow den Wannsee erreichte. Eine zweite Flugroute führt über die Heilandskirche und den nördlichen Teil von Potsdam mit Schloss Cecilienhof, dem Marmorpalais und dem Krongut Bornstedt nach Westen. Hat sich die Deutsche Flugsicherung überlegt, was ihre Planungen für die Wahrnehmung des Welterbes im Ausland bedeuten? Würde sie ihre Nähmaschinen auch über Neuschwanstein kreisen lassen?

Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, die die Hinterlassenschaften der preußischen Könige betreut, ist bis heute nicht offiziell über die Routenpläne unterrichtet worden. Aus der Stiftungsdirektion heißt es vorsichtig, man hoffe, dass die Erschütterungen durch den Flugbetrieb nicht allzu stark ausfielen. Die Hoffnung endet ja nie. So wie die Illusion, es werde so schlimm schon nicht kommen. Wer aber den Schleier ablegt, der sieht, dass hier ein schreckliches Zeichen gesetzt ist. Die Kulturnation Deutschland, sehen wir, nimmt es im Bedarfsfall mit ihrer Kultur nicht so genau. Wenn es den Verkehrsplanern passt, müssen die Schlösser zittern. Und statt nach Blumen riecht es in Arkadien bald nach Kerosin.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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