http://www.faz.net/-gqz-6ko7t
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 29.09.2010, 09:00 Uhr

Berliner Großflughafen Arkadien riecht nach Kerosin

Die geänderten Startrouten des neuen Großflughafens im Süden Berlins drohen die Schlösserlandschaft rings um den Wannsee zu einer Lärm- und Abgaszone zu machen - das Weltkulturerbe ist in Gefahr.

von
© APN Bedrohte Idylle: Schloss Pfaueninsel, einstiges Liebesnest des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm II.

Auf barocken Landschaften, wie sie in der Gemäldegalerie Friedrichs des Großen in Sanssouci hängen, ist die Bedrohung am Bildrand erkennbar. Ein Sturm zieht auf, er wird die Nymphen und Faune vertreiben, doch der Betrachter ist gewarnt. Die Wirklichkeit des Jahres 2010 bietet ein anderes Bild. Ein Unwetter ballt sich über den Schlössern und Gärten rings um Potsdam zusammen, und noch hat es fast niemand gemerkt.

Andreas  Kilb Folgen:

Dabei ist es höchste Zeit, die Zeichen der Zerstörung ins Tableau des preußischen Arkadien einzutragen. Ihre Bahnen zerschneiden den Himmel über der Idylle aus Marmor, Stuck und Grün, und ihr Wirken steht unter dem Schutz der zuständigen Landesregierung. Es sind die Verkehrsflugzeuge, die, wenn die Deutsche Flugsicherung ihre Pläne nicht mehr ändert, vom neuen Super-Airport Berlin Brandenburg International (BBI) in Schönefeld aus nach Westen starten werden. Ihre Abflugroute führt direkt über das Weltkulturerbe. Was sie mit sich bringt, kann sich jeder leicht vorstellen: Lärm, Dunst, Erschütterungen, Kerosin.

Mehr zum Thema

Ein Märchen aus Kindertagen

Am östlichen Rand des Potsdamer Ensembles, schon auf Berliner Stadtgebiet, liegt das zum Landschaftspark ausgebaute Liebesnest des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm II. und seiner Geliebten Wilhelmine Encke: die Pfaueninsel. Es ist ein Ort, wie er im schlösserreichen Deutschland kein zweites Mal vorkommt, ein Traum aus gebändigter Natur und neugotischer Architektur. Für Fontane war es ein Märchen aus Kindertagen: „Ein Schloss, Palmen und Kängurus; Papageien kreischen; Pfauen sitzen auf hoher Stange oder schlagen ein Rad, Volieren, Springbrunnen, überschattete Wiesen; Schlängelpfade, die überall hinführen und nirgends; ein rätselvolles Eiland, eine Oase, ein Blumenteppich inmitten der Mark.“

Marmorpalais © dpa Vergrößern Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten hofft noch - auch für das Marmorpalais im Neuen Garten in Potsdam

Über dieser Blumeninsel sollen nun ab Juni 2012, wenn der neue Großflughafen eröffnet wird, die von Schönefeld bei vorherrschendem Westwind gestarteten Düsenjets eine weite Rechtskurve fliegen, um über den südwestlichen Stadtteilen Berlins auf Ostkurs zu ihren Zielen in Polen, Russland, China und Japan zu gelangen. Der Geräuschpegel, der dabei entstehe, so verkündet die Flugsicherung, sei nicht lauter als der einer Nähmaschine, die Flughöhe betrage mehr als zweitausend Meter. Ohnehin rechne man nur mit wenigen „Luftfahrzeugen“ pro Tag.

Der Wille zur größtmöglichen Auslastung der Anlage

Das klingt wie ein Schlaflied aus jener Zeit, in der Fontane auf der Pfaueninsel die Kängurus hüpfen sah. Wer sich von den Beschwichtigungsversuchen der Flugsicherung nicht einlullen lässt, sieht rasch ein anderes Bild: Flugzeuge, die im Viertelstundentakt über dem Wannsee drehen, Kerosingeruch über dem Schinkelschen Kavaliershaus und der von Stüler und Schadow gebauten Peter-und-Pauls-Kirche am Seeufer, Turbinengekreisch, das die Stille der Lennéschen Gärten zerreißt. Denn natürlich sind die Start- und Landebahnen des Großflughafens nicht auf denkmalschonenden Luftverkehr, sondern auf Hochkapazität ausgelegt. Und es ist gerade der Wille zur größtmöglichen Auslastung der Anlage, der die Änderung der Flugrouten zum Schaden des Weltkulturerbes erzwingt.

Nur im „unabhängigen Parallelbetrieb“ nämlich, wie es im Jargon der Flugsicherheit heißt, können die beiden Schönefelder Rollbahnen maximal genutzt werden. Für dieses parallele Flugkarussell aber gilt unvermeidlich jene Grundregel der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation ICAO, die das seitliche „Abknicken“ der Routen startender und landender Flugzeuge um jeweils fünfzehn Grad vorsieht.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Großer Verdi-Warnstreik Streik In Hessen wird morgen gestreikt

Morgen wird in Hessen gestreikt. Nur wann und wo ist nicht klar. Es werden Arbeitsniederlegungen am Flughafen, bei Kitas und der Müllabfuhr erwartet. Mehr

26.04.2016, 07:11 Uhr | Rhein-Main
Video Wilder Bär liefert sich Verfolgungsjagd mit Polizei

Ein wilder Bär hat in einem Ort in der Nähe von Los Angeles für Aufregung gesorgt. Um Polizei und Wildhütern zu entkommen, rannte das Tier durch Gärten und kletterte über Zäune der Wohnsiedlung. Mehr

27.04.2016, 16:42 Uhr | Gesellschaft
Fluggesellschaft Air Berlin mit Rekordverlust

Nachdem das Unternehmen schon letztes Jahr den bis dato größten Verlust seiner Geschichte vermelden musste, ist der Fehlbetrag in 2015 nochmals gewachsen. Konzernchef Stefan Pichler blickt dennoch hoffnungsvoll in die Zukunft. Mehr

27.04.2016, 22:25 Uhr | Wirtschaft
Video Minenräumung in Palmyra

Nach russischen Militärangaben wurde in der antiken Stadt Palmyra, die zum Weltkulturerbe gehört, mit den Minen-Räumungsarbeiten begonnen. Die Arbeit wird vermutlich noch Monate dauern. Mehr

08.04.2016, 11:49 Uhr | Politik
Vor Gipfel der Länderchefs Länder fordern zwölf Milliarden Euro wegen Flüchtlingskrise

Der Vorsitzende der Ministerpräsidentenkonferenz, Carsten Sieling, fordert ein stärkeres Engagement des Bundes bei den Kosten für Integrationsmaßnahmen. Bundesfinanzminister Schäuble ist wenig begeistert. Mehr

21.04.2016, 05:34 Uhr | Politik
Glosse

Bayerische Gleichberechtigung

Von Patrick Bahners

Im Zuge des Neubaus des Münchner Hauptbahnhofs wird auch dessen Vorplatz neu gestaltet. Eine Frau soll dort zu sehen sein – aber ist Bayern schon soweit? Mehr 5

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“