Home
http://www.faz.net/-gqz-6ko7t
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Berliner Großflughafen Arkadien riecht nach Kerosin

Die geänderten Startrouten des neuen Großflughafens im Süden Berlins drohen die Schlösserlandschaft rings um den Wannsee zu einer Lärm- und Abgaszone zu machen - das Weltkulturerbe ist in Gefahr.

© APN Bedrohte Idylle: Schloss Pfaueninsel, einstiges Liebesnest des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm II.

Auf barocken Landschaften, wie sie in der Gemäldegalerie Friedrichs des Großen in Sanssouci hängen, ist die Bedrohung am Bildrand erkennbar. Ein Sturm zieht auf, er wird die Nymphen und Faune vertreiben, doch der Betrachter ist gewarnt. Die Wirklichkeit des Jahres 2010 bietet ein anderes Bild. Ein Unwetter ballt sich über den Schlössern und Gärten rings um Potsdam zusammen, und noch hat es fast niemand gemerkt.

Andreas  Kilb Folgen:

Dabei ist es höchste Zeit, die Zeichen der Zerstörung ins Tableau des preußischen Arkadien einzutragen. Ihre Bahnen zerschneiden den Himmel über der Idylle aus Marmor, Stuck und Grün, und ihr Wirken steht unter dem Schutz der zuständigen Landesregierung. Es sind die Verkehrsflugzeuge, die, wenn die Deutsche Flugsicherung ihre Pläne nicht mehr ändert, vom neuen Super-Airport Berlin Brandenburg International (BBI) in Schönefeld aus nach Westen starten werden. Ihre Abflugroute führt direkt über das Weltkulturerbe. Was sie mit sich bringt, kann sich jeder leicht vorstellen: Lärm, Dunst, Erschütterungen, Kerosin.

Mehr zum Thema

Ein Märchen aus Kindertagen

Am östlichen Rand des Potsdamer Ensembles, schon auf Berliner Stadtgebiet, liegt das zum Landschaftspark ausgebaute Liebesnest des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm II. und seiner Geliebten Wilhelmine Encke: die Pfaueninsel. Es ist ein Ort, wie er im schlösserreichen Deutschland kein zweites Mal vorkommt, ein Traum aus gebändigter Natur und neugotischer Architektur. Für Fontane war es ein Märchen aus Kindertagen: „Ein Schloss, Palmen und Kängurus; Papageien kreischen; Pfauen sitzen auf hoher Stange oder schlagen ein Rad, Volieren, Springbrunnen, überschattete Wiesen; Schlängelpfade, die überall hinführen und nirgends; ein rätselvolles Eiland, eine Oase, ein Blumenteppich inmitten der Mark.“

Marmorpalais © dpa Vergrößern Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten hofft noch - auch für das Marmorpalais im Neuen Garten in Potsdam

Über dieser Blumeninsel sollen nun ab Juni 2012, wenn der neue Großflughafen eröffnet wird, die von Schönefeld bei vorherrschendem Westwind gestarteten Düsenjets eine weite Rechtskurve fliegen, um über den südwestlichen Stadtteilen Berlins auf Ostkurs zu ihren Zielen in Polen, Russland, China und Japan zu gelangen. Der Geräuschpegel, der dabei entstehe, so verkündet die Flugsicherung, sei nicht lauter als der einer Nähmaschine, die Flughöhe betrage mehr als zweitausend Meter. Ohnehin rechne man nur mit wenigen „Luftfahrzeugen“ pro Tag.

Der Wille zur größtmöglichen Auslastung der Anlage

Das klingt wie ein Schlaflied aus jener Zeit, in der Fontane auf der Pfaueninsel die Kängurus hüpfen sah. Wer sich von den Beschwichtigungsversuchen der Flugsicherung nicht einlullen lässt, sieht rasch ein anderes Bild: Flugzeuge, die im Viertelstundentakt über dem Wannsee drehen, Kerosingeruch über dem Schinkelschen Kavaliershaus und der von Stüler und Schadow gebauten Peter-und-Pauls-Kirche am Seeufer, Turbinengekreisch, das die Stille der Lennéschen Gärten zerreißt. Denn natürlich sind die Start- und Landebahnen des Großflughafens nicht auf denkmalschonenden Luftverkehr, sondern auf Hochkapazität ausgelegt. Und es ist gerade der Wille zur größtmöglichen Auslastung der Anlage, der die Änderung der Flugrouten zum Schaden des Weltkulturerbes erzwingt.

Nur im „unabhängigen Parallelbetrieb“ nämlich, wie es im Jargon der Flugsicherheit heißt, können die beiden Schönefelder Rollbahnen maximal genutzt werden. Für dieses parallele Flugkarussell aber gilt unvermeidlich jene Grundregel der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation ICAO, die das seitliche „Abknicken“ der Routen startender und landender Flugzeuge um jeweils fünfzehn Grad vorsieht.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Monstera Schaut auf dieses Blatt!

Die Beliebtheit der Monstera ist ungebrochen. Woran liegt das? Auf den Spuren einer echten Berliner Pflanze. Mehr Von Florian Siebeck

20.06.2015, 18:50 Uhr | Stil
Madeira Funchal - verträumte Hauptstadt der Blumeninsel

Blumeninsel oder Grüne Insel - so wird die portugiesische Insel Madeira oft genannt. Grund dafür ist das angenehm milde Klima. In der Hauptstadt Funchal gibt es fast an jeder Ecke grüne Parks und private Gärten - und auch sonst einiges zu entdecken. Mehr

14.01.2015, 10:47 Uhr | Reise
Queen’s Lecture Idyll mit deutschen Hunden

Die Liebe zu Hunden und Gärten verbindet Briten und Deutsche. In dieser Zuneigung steckt auch noch eine starke politische Botschaft, befand Neil MacGregor in seiner Berliner Queen’s Lecture, die wir in leicht gekürzter Fassung dokumentieren. Mehr Von Neil MacGregor

25.06.2015, 13:01 Uhr | Feuilleton
Kalifornien Puma streift durch Wohngebiet

Im kalifornischen San Mateo hat ein Puma Polizei und Wildhüter auf Trab gehalten. Dort war die Raubkatze stundenlang durch die Gärten gezogen. An einem Stausee in den Bergen am Stadtrand wurde das Tier schließlich wieder freigelassen. Mehr

20.05.2015, 13:12 Uhr | Gesellschaft
Sportimperium von Red Bull Das Mysterium Dietrich Mateschitz

Als Unternehmer regiert Dietrich Mateschitz ein Sportimperium. Als Mensch ist der steinreiche Red-Bull-Chef ein großer Schweiger. Auch andere möchten nichts über ihn sagen. Nur einer spricht offen über Mateschitz. Mehr Von Michael Wittershagen, Spielberg

21.06.2015, 11:54 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 29.09.2010, 09:00 Uhr

Glosse

Tunnelblickrock

Von Dietmar Dath

Altmodischer Gitarrendresche, Beckenschläge und Drumroll: Mit „Selbstauslöser“ putzt sich der S-Bahn-Fahrer die Ohren frei. Dann steigt ein Pärchen ein, und plötzlich wird das Abteil zur Musikvideo-Kulisse. Mehr 1