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Berliner Flughafen Ein Stresstest für die Demokratie

Als Airport mag der Berliner Flughafen nicht abheben, als soziale Installation funktioniert er zuverlässig. Nun ist der 25.000 Seiten lange Werkskatalog erschienen.

Als jetzt wieder einmal Ortstermin war auf dem neuen Berliner Flughafen, gab es am Tag danach in der Zeitung ein Foto, das den Staatssekretär aus dem Bundesbauministerium vor einem Haufen Kabel zeigt, die alle dieselbe Farbe hatten und derart endlos ineinander verschlungen lagen, dass es genauso hundert oder auch nur ein einziges Kabel sein könnten.

Bei all dem verständlichen Ärger darüber, dass der Flughafen als Flughafen immer später fertig wird, ist es nun doch einmal an der Zeit, daran zu erinnern, dass er als soziales Kunstwerk recht zuverlässig funktioniert. Oder erinnert sich niemand mehr an die zahllosen Einsprüche der Anwohner, an die Debatte um Flugrouten, Lärmschutz und Kerosin im Vorgarten, an all die Bürgerinitiativen, die sich gründeten, und an die ausgefeilten bürokratischen Verfahren, in denen sie sich durchsetzten oder aber untergingen? Waren das nicht hochpräzise Stresstests für die Demokratie? Und erst der Bau selbst mit seiner irren Konstruktion aus Aufsichtsräten, Generalunternehmern, Subunternehmern und mehreren hundert Planänderungen, bis die einen nicht mehr wussten, was die anderen bauten?

Von der kaputten Fliese zur nicht funktionierenden Brandschutzanlage

War das alles je anders gedacht denn als großangelegtes Experiment in Organisationssoziologie? Und hat es als solches nicht die allerschönsten Ergebnisse gebracht? Vor einigen Tagen ist nun offenbar der Katalog zu dieser Installation fertig geworden. Er wird von den Kuratoren des Projekts bislang unter Verschluss gehalten, aber nach allem, was man hört, umfasst er unglaubliche fünfundzwanzigtausend Seiten und listet auf jeder davon jeweils genau einen Fehler auf, den die Konstruktion als Flughafen noch immer hat. Von der kaputten Fliese bis zur weltgrößten, aber leider nicht funktionierenden Brandschutzanlage arbeitet sich dieser „Fortschrittsbericht“ durch die Baustelle und führt Problem, Ort, Status, Termin und Kostenprognose auf.

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Entstanden ist darüber ein grandioses Dokument über die Komplexität unserer Welt, das eine Zukunftsfrage stellt, die so präzise und dringlich bislang kaum formuliert wurde: Wie sollen wir jemals zur einfachen Lösung zurückfinden, wenn schon der Versuch, sich einen Überblick über die Probleme zu verschaffen, alles nur unübersichtlicher macht? Womöglich
gibt uns der Bau aber auch darauf die Antwort, indem er immer weniger wird, was er sein soll, umso mehr wir es versuchen.

Quelle: F.A.Z.

 
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