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Berliner Ausstellung „Agoraphobie“ : Der Raum, in dem Protest möglich wird

  • -Aktualisiert am

In Istanbul wird seit Wochen protestiert. Spiegelt sich das in der neuen türkischen und internationalen Kunst? Die Kuratorinnen Bige Örer und Fulya Erdemci gehen dieser Frage in Berlin nach.

          Manchmal bekommen Kunstausstellungen eine plötzliche, geradezu gespenstische Aktualität - weil ein Thema, das sich in der Kunst schemenhaft abbildete, plötzlich eine politische Sprengkraft und Dringlichkeit entwickelt, mit der kaum jemand rechnen konnte. So ist es mit einer aktuellen Ausstellung im Berliner Kunstraum Tanas. Es ist keine Ausstellung zu den Unruhen in der Türkei und in Brasilien - aber sie widmet sich dem Thema der Agoraphobie, also der Angst vor großen Plätzen, in der Gegenwartskunst, während die Bevölkerung auf die Plätze und Straßen der türkischen Metropolen Istanbul und Ankara strömt, um eben genau das zu tun, wofür die Agora, der Versammlungsort, bestimmt ist: die Meinung frei zu äußern, sich an politischen und sozialen Debatten zu beteiligen.

          Erdogan reagiert mit Sturheit und hartem Polizeieinsatz gegen alle, die den öffentlichen Raum nutzen, um gegen die Instrumentalisierung des öffentlichen Raumes durch den muslimisch-konservativen Staat zu demonstrieren, und Erdogans Rücktritt fordern, und so liest sich diese Ausstellung, die als Prolog zur 13. Istanbul Biennale konzipiert wurde, die vom 14. September bis zum 10. November stattfindet, wie eine Anleitung und ein Spiegel, der in die Zukunft gerichtet ist: Die türkischen Kuratorinnen Fulya Erdemci und Bige Örer untersuchen die Funktion des öffentlichen Raumes, die Schnittstelle, an der das Private in das Gesellschaftliche eingreift und umgekehrt.

          Den Aktivismus um Poesie erweitern

          Urbane Freiräume in den Städten sind für sie die notwendigen Ausgangspunkte, an denen Unzufriedenheit und Kritik an bestehenden ökonomischen und politischen Verhältnissen aufbrechen. Aber was genau sind das für Freiräume? Und wodurch werden sie politische Räume wie in Istanbul, wo die grundlegenden politischen Unruhen ja nicht etwa ausgelöst wurden durch Proteste gegen Erdogan oder eine Muslimisierung, sondern durch vergleichsweise harmlose städtebauliche Umplanungen des Gezi-Parks? Und was ist die Rolle von Kunst in diesen Freiräumen?

          Der öffentliche Raum, so die Kuratorinnen, könne jenseits der politischen Reibungsflächen durch künstlerische Maßnahmen und Interventionen zu einer weiteren Dimension der Auseinandersetzung verwendet werden, die politische Motivation ergänzen und, wie Fulya Erdemci sagt, den Aktivismus um Poesie erweitern. Wie hat man sich dies vorzustellen?

          „Protest is Beautiful“ von Free
          „Protest is Beautiful“ von Free : Bild: Ben Fitton, Courtesy Freee

          Die ägyptische Künstlerin Amal Kenawy zeigt in ihrem Video „Silence of the Sheep“, das 2009 in Kairo entstand, eine Gruppe von Männern, die wie Schafe auf den Knien durch eine Straße kriechen. Sie führt diese Herde selbst an, die Performance endet mit der Verhaftung der Beteiligten. In der islamischen Gesellschaft ist eine Horde von Männern, die wie Vieh von einer Frau durch die Öffentlichkeit getrieben wird, ein Angriff auf die patriarchalischen und religiösen Grundvorstellungen. Jahre vor dem arabischen Frühling, der vom Tahir-Platz ausging, zeigte diese Performance von Kenawy so bereits Grenzen und Ängste der ägyptischen Gesellschaft, ohne die die politischen Handlungen nicht zu verstehen sind.

          Eine Arbeit, die ebenfalls die Schwelle des öffentlich Erträglichen auslotet, ist das Video einer Aktion der brasilianischen Künstlerin Cinthia Marcelle. Eine Gruppe von Menschen jongliert an einer Fußgängerampel in Belo Horizonte mit brennenden Fackeln. Schaltet die Ampel für die wartenden Autos auf Grün, räumen die Künstler die Kreuzung, um dann wieder in der nächsten Rotphase mit weiteren Jongleuren fortzufahren. Am Ende der Performance - mittlerweile ist die ganze Straßenbreite besetzt - bleiben die Künstler auf der Straße und blockieren den Verkehr. Die Geduld der Autofahrer ist sehr schnell zu Ende, das kollektive Aushalten des künstlerischen Eingriffs in den rasanten Fluss im urbanen Raum endet mit dieser übergriffigen Kunstaktion gegen die Verkehrsteilnehmer, die nun mit ihren Fahrzeugen sehr rabiat die Sperre der Fackeljongleure durchbrechen.

          Als Vorbereitung auf die Auseinandersetzung mit der Funktion der Stadt und den Möglichkeiten der Bewohner, im urbanen, öffentlichen Raum demokratisch zu agieren, sieht der Hamburger Künstler Christoph Schäfer seine Zeichnungen. Er erklärt, wie die Stadt als Fabrik, als Produktionsraum für gesellschaftliche Strömungen und Ideen, funktionieren könnte, die den öffentlichen Raum als Gegenpol zu neoliberaler Stadtplanungspolitik erklärt. Christoph Schäfer bezieht sich auf die Ideen des französischen, marxistischen Philosophen Henri Lefebvre, der in den siebziger Jahren die Zukunft der Stadt als eigenen Produktionsort sah, der aus kollektiven urbanen Räumen entstehen sollte.

          Gerade im Zusammenhang mit den aktuellen Entwicklungen in der Türkei ist diese Arbeit eine grundlegende Erinnerung daran, dass der urbane Raum durch öffentliche Besetzung durch die Bürger - und auch durch Künstler - mitgestaltet werden muss und weder staatlichen Planern noch den überwiegend gewinnorientierten Projektentwicklern und Großkonzernen überlassen werden darf, schon weil sonst der Raum des Protests verbaut und so der Protest unmöglich oder zumindest unsichtbar würde.

          Quelle: F.A.Z.

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