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Zum Abschluss der Berlinale : Der Goldene Bär geht nach China

Regisseur Diao Yinan (r.), Schauspieler Liao Fan und Schauspielerin Haru Kuroki haben die Preise für den besten Film und als beste Darsteller erhalten Bild: REUTERS

Die Jury der Berlinale hat entschieden, und Freude und Enttäuschung halten sich die Waage. Richard Linklaters umjubelter Film „Boyhood“ gewann nur den Regiepreis, der Goldene Bär dagegen ging an den chinesischen Film „Black Coal, Thin Ice“.

          Es war ja absehbar gewesen, auch wenn man sich ein anderes Ergebnis gewünscht hätte: Bei drei chinesischen Beiträgen im Wettbewerb der 64. Berlinale musste wohl einer ganz vorne landen. Und so vergab die Jury unter Vorsitz des amerikanischen Produzenten James Schamus den Goldenen Bären an „Bai Ri Yan Huo“ („Black Coal, Thin Ice“) von Diao Yinan. Zugleich erhielt Fan Liao den silbernen Bären für den besten Hauptdarsteller.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Yinans Beitrag ist eine chinesische Variation von Motiven des Film noir. Im Zentrum stehen ein ehemaliger Polizist und eine attraktive junge Frau, die in einer Reinigung arbeitet und bei der die Spuren verschiedener mysteriöser Mordfälle zusammenführen. Yinans Versuch, ein vertrautes Genre einer neuen Umgebung auszusetzen, ist sehenswert und insofern auch kein Gewinner, mit dem man hadern müsste.

          Linklaters „Boyhood“ bekam nur den Bären für die beste Regie

          Ähnliches gilt für den Großen Preis der Jury. Ihn erhielt Wes Andersons Film „Grand Budapest Hotel“, der das Festival am 6. Februar eröffnet hatte.. Die Fangemeinde des Amerikaners unter den Festivalbesuchern ist im Übrigen auch viel zu groß, als dass man von einer Überraschung reden könnte.

          Eine eher unerfreuliche Überraschung war dagegen, dass Richard Linklaters Beitrag „Boyhood“, der in sämtlichen Vorführungen begeistert aufgenommen worden war, nur den Silbernen Bären für die beste Regie bekam. Den kann Linklater, wenn ihm danach sein sollte, zu dem anderen Regiebären stellen, den er schon 1995 für „Before Sunrise“ erhalten hatte.

          Die Jury belohnte den Stilwillen von „Kreuzweg“

          Den deutschen Filmen hat das Gesetz der großen Zahl allerdings nicht geholfen. Obwohl vier Beiträge im Wettbewerb vertreten waren, reichte es nur für einen Silbernen Bären. Er ging an den Regisseur Dietrich Brüggemann und dessen Schwester Anna für das gemeinsame Drehbuch zu „Kreuzweg“, einem Film, der mit viel Stilwillen davon erzählt, wie ein 14-jähriges Mädchen von ihrer fundamental-katholischen Umwelt und ihren religiösen Phantasmen zu Grunde gerichtet wird. Dominik Grafs Schiller-Film „Die geliebten Schwestern“ ging ebenso leer aus wie Edward Bergers „Jack“ und Feo Aladags „Zwischen Welten“.

          Auch bei den übrigen Preisen ist nicht immer recht nachvollziehbar, was die Jury zu ihren Ratschlüssen bewogen hat. Es hat sicher nicht an überzeugenden Kandidatinnen für den Darstellerinnenpreis gefehlt. Dass Haru Kuroki den Silbernen Bären für ihre Rolle in „Chiisai Ouchi“ („The Little House“) bekam, mag damit zusammenhängen dass der japnaische Regisseur Yoji Yamada, 82, schon lange zu den Berlinale-Stammgästen gehört.

          Ein Nachwuchspreis für den großen Alain Resnais

          Noch etwas schwerer begreiflich ist, dass der Kamerapreis Zeng Jian für seine Arbeit in dem chinesischen Film „Tui Na“ („Blind Massage“) zugesprochen wurde. Und bei allem Respekt für das Lebenswerk von Alain Resnais - ob der Alfred-Bauer-Preis, der den Zusatz „für einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet“ trägt, nun die richtige Auszeichnung für den großen, inzwischen 91-jährigen Franzosen ist, kann man nach Ansicht von „Aimer, boire et chanter“ bezweifeln.

          Als bester Erstlingsfilm schließlich wurde „Güeros“ von Alonso Ruizpalacios aus Mexiko geehrt, der in der Panorama-Sektion lief. Der Goldene Bär für den besten Kurzfilm ging an Caroline Poggi und Jonathan Vinel für „Tant qu’il nous reste des fusils à pompe“, den silbernen erhielt „Laborat“ von Guillaume  Cailleau.

          Mit der Preisverleihung im Berlinale-Palast und der Vorführung des Siegerfilms ging die 64. Berlinale am Samstagabend zu Ende. Der Sonntag ist allein dem Publikum vorbehalten. Es war kein Jahrgang, an den man sich länger erinnern wird. Schon eher bestätigte sich der Eindruck, dass es Berlinale-Chef Dieter Kosslick und seiner Auswahlkommission einfach nicht gelingen will, eine hinreichend große Zahl wirklich überzeugender Filme für den Wettbewerb eines A-Festivals zu finden.

          Die Preisträger

          Goldener Bär: „Bai Ri Yan Huo“ („Black Coal, Thin Ice“) von Diao Yinan.

          Silberner Bär bester Darsteller: Fan Liao, „Bai Ri Yan Huo“ („Black Coal, Thin Ice“)

          Silberner Bär beste Darstellerin: Haru Kuroki, „Chiisai Ouchi“ („The Little House“)

          Silberner Bär beste Regie: Richard Linklater für „Boyhood“

          Silberner Bär beste Kamera: Zeng Jian („Tui Na“, „Blind Massage“)

          Silberner Bär bestes Drehbuch: Anna und Diterich Brüggemann für „Kreuzweg“

          Großer Preis der Jury: „Grand Budapest Hotel“ von Wes Anderson

          Alfred-Bauer-Preis: „Aimer, boire et chanter“ von Alain Resnais

          Bester Erstlingsfilm: „Güeros“ von Alonso Ruizpalacios

          Goldener Bär bester Kurzfilm: „Tant qu’il nous reste des fusils à pompe“ von Caroline Poggi und Jonathan Vinel

          Silberner Bär Kurzfilm: „Laborat“ von Guillaume Cailleau

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