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Berlinale : Gefangen als Voyeur

Die rumänische Filmemacherin Adina Pintilie posiert mit ihrem Goldenen Bären Bild: Reuters

Der Goldene Bär für „Touch Me Not“ bei der Berlinale ist eine riesige Überraschung. In dem Film geht es um masturbierende Callboys, Transvestiten und Darkrooms. Der Ansatz ist beklemmend. Ein Kommentar.

          Es hätte alles auch ganz anders kommen können. Ästhetische Urteile sind Geschmacksurteile, und wenn sechs Menschen wie diese sechs aus der Jury zusammenhocken und versuchen, über 18 Filme zu einer Mehrheitsmeinung zu kommen, muss man bewundern, wenn überhaupt etwas dabei herauskommt.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Was bei der 68. Berlinale unter Vorsitz von Jury-Präsident Tom Tykwer herauskam, ist eine riesige Überraschung. „Touch Me Not“ der rumänischen Regisseurin Adina Pintilie gehörte zu denen Filmen, die mir überhaupt nichts sagten, deren Ansatz für mich möglicherweise dokumentarisch interessant gewesen wäre, mir im Spielfilmformat aber unangenehm war. Möglicherweise sollte das so sein. Es geht um eine Frau, die sich nicht berühren lassen kann und deshalb vor allem Zuschauerin ist. Sie schaut dem Callboy, den sie bestellt hat, beim Masturbieren zu, sie beobachtet eine Selbsterfahrungsgruppe behinderter Menschen und ihrer Pfleger bei Körperkontaktübungen und so weiter. Ich wusste nicht, wer sie eigentlich ist. Ich verstand nicht, warum eine Filmkamera immer wieder ins Bild kam – oder doch: sie sollte wohl verhindern, dass ich vergesse, dass dies alles vor einer und für eine Kamera stattfindet. Nein, das vergaß ich nie. Dennoch löste sich dadurch die Beklemmung nicht auf, in einer voyeuristischen Position gefangen zu sein, in die ich mich nicht freiwillig begeben hatte.

          Die Grenzen der Intimität

          Ich fühlte mich manipuliert, und dass dort Grenzen von Intimität verhandelt wurden, dass es um eine Frau um die Fünfzig geht und um einen Mann, der einen Körper ähnlich dem von Stephen Hawking hat und ein erfülltes Sexleben, von dem er gern und stolz berichtet – ich wollte das alles nicht wissen. Weil ich daran festhalten wollte, im Kino zu sein, nicht in einem Therapiezentrum. In einem Spielfilm, keiner Dokumentation. Ich erkannte nicht, was erzählt wurde. Mich ermüdete das unbewegte Gesicht der Hauptdarstellerin Laura Benson, mich ermüdeten die Typen, die vorgeführt wurden wie in einem Panoptikum, ein origineller österreichischer Transvestit, ein britischer SM-Experte, Dicke in Darkrooms. Die Jury sah das anders und gab dem Film den Goldenen Bären.

          In diesem Jahr hatte man schon früh im Verlauf des Festivals das Gefühl, dass ein wenig die Luft raus war. Das hatte auch mit den Diskussionen über die Zukunft der Berlinale zu tun, die auf vielfach unfaire Weise mit Kritik an Festivaldirektor Dieter Kosslick verbunden wurde. Ein merkwürdig wichtigtuerischer Ton macht sich da seit langem schon unangenehm in den Medien bemerkbar. Wenn wir über die Zukunft der Berlinale ernsthaft sprechen wollen, ist die Personalfrage die allerletzte, die zählt. Vorher geht es um Interessen, und die müssen transparent gemacht werden. In der Film- und Fernsehbranche wird viel Geld bewegt, es wichtig zu zeigen, woher es kommt, wer es verteilt und an wen.

          Aber wir sollten nicht so tun, als hätte die Politik, als hätten die Gremien, Förderanstalten und wer auch immer sonst noch seine Finger beim Geldverteilen im Spiel hat, tatsächlich Antworten auf die wichtigste Frage überhaupt: was ein Filmfestival angesichts unseres völlig veränderten Medien- und Bilderkonsums überhaupt noch sein kann. Wozu es gut ist, warum wir es brauchen und wie es sinnvoller Weise gestaltet werden könnte. In dieser Frage wäre die Kritik gefragt, die Kritiker, die immer nur über Kosslick klagen oder diskutieren, ob vielleicht die Sektion Panorama teilweise entbehrlich wäre? Das ist grotesk. Das Problem ist größer, und die Politik ist nicht die Instanz, es zu lösen. Die Personalfrage steht ganz am Ende dieser Überlegungen. Dass die Politiker, die über sie entscheiden, das begreifen: Das wäre die wichtigste Aufgabe der Diskussion über die Zukunft der Berlinale.

          Letztlich geht es darum, wie das Kino der Zukunft aussieht. Stellen sich die Mitglieder der Jury, Tom Tykwer vor allem vor, dass „Touch Me Not“ den Weg zur Antwort weist oder in einer solchen Art Film, der an einer entscheidenden Weggabelung im Produktionsprozess auch eine Installation, ein Konzeptkunstwerk vielleicht hätte werden können (und vielleicht sollen), den Weg weist? Wahrscheinlich ist es ganz anders gewesen, und die Entscheidung war von solchen Überlegungen ganz frei.

          Zu klären bleibt, was zu einem Festival des internationalen Films dazugehört, ob es alle Inhalte auf allen Abspielplattformen sind oder ob das Kino einen Platz behauptet oder auch nur behaupten sollte. Ob ein so riesiges Festival wie die Berlinale möglicherweise seinen Sinn auch darin hat, den Ungleichzeitigkeiten einen Raum zu geben – Filmen aus Ländern, etwa Paraguay – der Film von dort: „Las herederas“, gewann einen Silbernen Bären –, deren Kinokultur überhaupt erst entsteht, während sie anderswo bereits ihre Dämmerung erlebt. Diese Ungleichzeitigkeit zu dokumentieren, auszuhalten und ja, auch sie zu feiern: Das ist auch in diesem Jahr geglückt, und allein dafür war das Festival jede Anstrengung und jeden Ärger wert.

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