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Veröffentlicht: 09.02.2017, 09:44 Uhr

Kostümfilme auf der Berlinale Hauptsache, historisch

Der Kostümfilm hätte eigentlich mit dem Beginn des neuen Jahrhunderts erledigt sein können. Trotz aller Gegenwartsverwirrungen erlebt er auf der diesjährigen Berlinale eine Wiederbelebung. Ob das so gut ist?

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Auf dieser Berlinale kann man sehen – in einem Film von Raoul Peck –, wie „Der junge Karl Marx“ gelebt hat. Man erfährt (in „Viceroy’s House“ von Gurinder Chadha), wie Lord Mountbatten die britische Kolonialherrschaft in Indien beendete. Man erlebt die sterbende DDR an einem ihrer letzten festlichen Abende (in Matti Geschonneks Romanverfilmung „In Zeiten des abnehmenden Lichts“). Man verbringt mit Moritz Bleibtreu als jüdischem Kleidergroßhändler David Berman einige Tage in einem Vertriebenenlager bei Frankfurt kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs (in Sam Garbarskis „Es war einmal in Deutschland“). Und man verfolgt, in Etienne Comars Eröffnungsfilm, wie der Sinti-Musiker Jean „Django“ Reinhardt einen Wohnwagenbrand überlebt und zum größten Jazzgitarristen seiner Zeit aufsteigt. Und das ist erst der Anfang.

Andreas  Kilb Folgen:

Der Kostümfilm, als Genre wie als ästhetische Haltung, hätte eigentlich mit dem Beginn des neuen Jahrhunderts – genauer: mit dem 11. September 2001 – erledigt sein können. Komplizierte Zeiten erfordern geschmeidige Formen, und das Kostümdrama, dieses Lieblingsspielzeug der Ausstatter und Kulissenschieber, der Gipsfabrikanten und Oldtimerverleiher, ist nicht reformierbar.

44688667 © CineDiaz Vergrößern In der Forum-Reihe der Berlinale zu sehen: „Motherland“ von Ramona S. Diaz

Oder doch? Auffällig am Programm der diesjährigen Berlinale ist die Anzahl der Ausstattungsfilme mit politischem Touch. Da rollen eben nicht nur aufgetakelte Kutschen und Gesellschaftsdamen durchs Bild, sondern es geht um Höheres: hier um die Befreiung der Arbeiterklasse, dort um die Unabhängigkeit und familiäre Versöhnung der indischen Hindus und Muslime. Oder, wie bei Garbarski, um das Geschäft, das sich mit der ungebrochenen Borniertheit und Leichtgläubigkeit der besiegten Deutschen machen lässt.

Gegengewicht zum Boom des Dokumentarischen

Aber vielleicht liegt gerade in dieser kritischen Grundierung des Gefälligen der wahre Eskapismus. Es sind ja doch alles erledigte Fälle: der historische Marx (nicht sein Denken!), das Ende des Kolonialismus, der Untergang des Arbeiter-und-Bauern-Staats.

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Auch die künstlerische Moderne ist zum Gegenstand des Andenkens geworden, jedenfalls für Stanley Tucci, der in „Final Portrait“ den Schauspieler Geoffrey Rush als Alberto Giacometti kostümiert und ihn in den Kulissen der Pariser Bohème der sechziger Jahre sein Bildhauerleben rekapitulieren lässt. Wie dieses Paris auszusehen hat, wie eine Trümmerstadt im Nachkriegsdeutschland aussieht oder eine Teestunde bei Familie Mountbatten, wissen wir ganz genau, denn wir haben es gesehen, unzählige Male: im Kino.

44688674 © Ma Li Vergrößern Auch „Inmates“ von Ma Li läuft in der Reihe Forum.

Ebendieses Kino steht in Berlin von jeher besonders unter Druck. Es soll aktuell und zugleich ästhetisch überzeugend sein, realitätsnah und routiniert, aufrüttelnd und abgezockt. Dass das Festival vierhundert Filme zeigt, macht die Last der Erwartung für jeden einzelnen nicht leichter. Tatsächlich gibt es aber Beiträge, bei denen man jetzt schon sicher sein kann, dass sie zumindest den Anspruch auf Aktualität erfüllen. Es sind die Dokumentarfilme der Nebenreihen: über das griechische Prekariat, die chinesische Psychiatrie, eine Geburtsklinik in Manila und so fort.

44688568 © Allstar/UNIVERSAL/STUDIOCANAL Vergrößern Szene aus Michael Ciminos „Deer Hunter“ aus dem Jahr 1978

Der Boom des Dokumentarischen ist das Gegengewicht zur Blüte des Kostümfilms. Wo im Kulissengenre der Ausstatter den Ton angibt, ist es in den Dokumentationen die Kamera. Die filmische Einstellung, die hier mit Requisiten und Komparsen vollgestopft wird, kann dort gar nicht grell und formlos genug sein, um „real“ zu wirken. Der schlechte Kostümfilm ist ein Zerrbild von Geschichte. Der schlechte Dokumentarfilm ist eine Karikatur von Authentizität.

44688576 © Allstar/MGM Vergrößern William Dafoe in Oliver Stones „Platoon“ (1986)

Geschichten für die Zukunft des Kinos

Zwischen den beiden Extremen liegt jene Spielart des Kinos, die auch in Berlin immer noch den Wettbewerb dominiert: Filme von Autoren-Regisseuren mit Schauspielern und Geschichten, die ohne die Krücke einer historischen Figur oder eines tagesaktuellen Aufhängers auskommen. Der Ruf der Berlinale als politisches Festival, vom dem auch der heutige Direktor Dieter Kosslick zehrt, verdankt sich den Debatten, die von solchen Filmen ausgingen: Michael Ciminos „Deer Hunter“ in den siebziger, Oliver Stones „Platoon“ und Zhang Yimous „Rotes Kornfeld“ in den achtziger und das neue iranische Kino seit den neunziger Jahren.

© dpa, reuters Vorfreude bei wartenden Berlinale-Fans

Auch darin wurde Zeitgeschichte abgehandelt, aber nicht als Kulissenshow, sondern als Bühne menschlicher Gefühle, Schicksale und Konflikte. Mittlerweile sind die weltweit operierenden Streaming-Dienste mit ihren aufwendig produzierten Serien dabei, in der Weiterentwicklung der Kunst des Erzählens in Filmbildern die Führung zu übernehmen. Die Zukunft des Kinos als einer „Form, die denkt“ (Godard) hängt auch davon ab, ob es ihm gelingt, auf diesem Terrain die Initiative zurückzugewinnen. Nicht mit Kostüm-Orgien oder Dokuformaten: mit Geschichten.

Glosse

Stolz aufs Vorurteil

Von Franziska Müller

Die amerikanische Rechte feiert ausgerechnet Jane Austen als Symbol einer konservativen, behüteten Welt. Hat man hier lediglich eine Satire nicht verstanden, oder ist die Sache gar noch simpler? Mehr 0

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