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Veröffentlicht: 15.02.2017, 15:27 Uhr

Kaurismäki auf der Berlinale Jung sind nur die Schläger und ihre Opfer

Aki Kaurismäkis hat im Kino eine ganz eigene Welt geschaffen, die auf den ersten Blick wiedererkennbar ist. „Die andere Seite der Hoffnung“ im Wettbewerb gehört zu den besten Filmen der Berlinale.

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Im diesjährigen Wettbewerbsprogramm ist Aki Kaurismäki einer der bekannteren Namen. Überraschungen sind von ihm nicht zu erwarten. Das ist kein Manko, denn es hat nicht damit zu tun, dass er einer Masche folgte, sondern damit, dass er im Kino eine ganz eigene Welt geschaffen hat, die auf den ersten Blick wiedererkennbar ist. In dieser Kaurismäki-Welt werden mit minimalem Aufwand radikale Entscheidungen getroffen. Es geht melancholisch und bizarr und absurd in ihr zu, und dennoch trägt sie etwas von unserer Welt in sich, das wir erkennen.

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In diese Welt führen alle seine Filme und erzählen uns von Außenseitern, die durch sie hindurchgehen, manchmal hängenbleiben, manchmal sich mit ein paar anderen solidarisch in ihr einrichten. Im Laufe der Jahre konnte das trotz und mit dem einsilbigen Humor ein wenig eintönig werden. Vielleicht auch für ihn, den Regisseur selbst, denn die Pausen zwischen den Filmen wurden länger. 2011 schließlich kam „Le Havre“, der beim Filmfestival in Cannes gezeigt wurde und etwas Frisches hatte. Eine Dringlichkeit, die man lange bei dem Finnen nicht gespürt hatte. In seinem jüngsten Film, „Toivon Tuolla Puolen“ (Die andere Seite der Hoffnung), gibt es diese Dringlichkeit auch. Diese Haltung, dass es wieder um etwas geht.

Von einem neuen Leben träumen

Dieses Gefühl von etwas Neuem in einer uns so bekannten Stilisierung entsteht, weil Kaurismäki sein Thema für neue Geschichten in der von ihm erschaffenen Welt gefunden hat: Die Außenseiter kommen von weit her. Sie bringen eine andere Welt mit. Wenn sie Glück haben, behaupten sie sich in dieser besonderen Kaurismäki-Welt, und es entsteht etwas Drittes. Das Dritte in diesem Fall ist Hoffnung, wie der Filmtitel andeutet.

Kaurismäkis Welt ist rot, blau und gelb, mit Schwarz an den Rändern. Es ist eine Welt der schweigsamen Menschen, die mit uns alt geworden sind, wie wir hier sehen können. Jung sind zwei von drei Schlägern der „Finland Liberation Army“, und jung sind die, die sie zusammenschlagen, die, die keine Finnen sind. Außer den Schlägern sind alle Finnen alt.

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Nicht so alt allerdings, dass sie nicht noch von einem anderen Leben träumen würden. Dass ihnen nicht der Sinn danach stünde, etwas ganz anderes zu tun als das, was sie immer schon getan haben. Der Hemdenvertreter Wikström etwa, der eines Morgens seinen Koffer packt, seiner Frau neben den Kaktus auf dem Frühstückstisch, hinter dem die Schnapsflasche versteckt ist, den Wohnungsschlüssel hinlegt und seinen Ehering dazu, macht sich auf, ein neues Leben zu finden. Er kauft ein Restaurant mit drei Angestellten und einem Hund. Und bald noch einem vierten Helfer. Das ist Khaled aus Syrien. Er hat sich aus der Kohleladung eines Frachters herausgeschält, der ihn als blinden Passagier nach Helsinki brachte. Seine Geschichte und die von Wikström laufen eine Weile parallel, aber weil sich ihre Wege gleich am Anfang einmal gekreuzt haben, als Wikström im Auto auf eine Straße bog, die Khaled gerade überquerte, ahnen wir, sie werden einander begegnen.

Dass es gut wird, verdanken wir der Haltung Kaurismäkis, der es wieder schafft, mit ein paar seltsamen Figuren, die einander auf ihre verquere Art halten, ein Stück Utopie zu entwerfen. Dass es zwischendurch lustig ist, liegt an ein paar uralten Rock’n’Rollern. Und dass es mit uns zu tun hat, liegt daran, dass Khaled übers Wasser schaut und nicht Rot, Blau und Gelb mit schwarzen Rändern sieht, sondern einen Hafen mit Schiffen, die manchmal Menschen tragen, wie er einer ist. Aki Kaurismäki hat einen der besten Filme nach Berlin gebracht. Er sollte seinen Lohn dafür erhalten.

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