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Fernsehserie „Top of the Lake“ Die Detektivin und das Mädchen im See

 ·  Fernsehen beim Filmfestival: Kaum einer verließ den Saal, als Jane Campions herausragende Miniserie „Top of the Lake“ sechs Stunden lang auf der Berlinale lief. Eine melancholische Neuseeland-Feier.

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© Berlinale Vergrößern Magische Bilder vom Rand der Welt: „Top of the Lake“

Wenn auf Filmfestivals wie der Berlinale als außerordentliches Ereignis eine Fernsehserie gezeigt wird - und seit ein paar Jahren geschieht das regelmäßig -, liegt die Frage nahe, ob das Kino damit einknickt vor der kreativen Übermacht dieses Formats. Sich ein Stück abzuschneiden versucht von der Popularität der sogenannten Qualitätsserien, von denen es immer wieder heißt, sie seien sowieso das bessere Kino.

Man muss aber, bevor sich dieser Eindruck festsetzt, dann doch genau hinschauen, was das für Serien sind. Auf der Berlinale war es jetzt „Top of the Lake“ von Jane Campion, eine Miniserie in sechs Teilen, Gesamtlaufzeit 353 Minuten. Knapp sechs Stunden also, das lässt sich in einer Sitzung bewältigen. Warum es richtig und wichtig ist, so etwas auf der Berlinale zu zeigen, hat allerdings einen anderen Grund. Denn eine Miniserie wie diese ist nicht etwa nur die Kurzform einer auf mehrere Staffeln angelegten Fernsehserie. Sie ist vielmehr eine ganz eigene Form, die mehr mit dem Kinofilm als mit Fernsehserien zu tun hat. Das liegt vor allen Dingen daran, wie sie gemacht ist.

Eine Verschwundene steht im Zentrum

Entwickelt und geschrieben hat „Top of the Lake“ die Regisseurin Jane Campion mit ihrem Koautor Gerard Lee, Regie geführt hat bei den Teilen eins, vier und sechs Jane Campion, bei den anderen der Australier Garth Davis. Adam Arkapaw war der Kamermann für alle sechs Teile, gedreht wurde in Neuseeland, Jane Campions Heimatland. Die wichtigste Einzelperson bei einer Fernsehserie (wir sprechen hier von den erfolgreichen Serien der großen amerikanischen Sender) hingegen, die auf mehrere Staffeln angelegt ist oder von Saison zu Saison verlängert wird, bis die Möglichkeiten der Geschichten vollends ausgeschöpft sind, ist der „creator“ - und dann kommen die Autoren, viele und oft hervorragende Autoren, die immer weiter gemeinsam daran arbeiten, neue Spannungsbögen, Figurenkonstellationen und Wendungen zu erfinden. Fernsehserien entstehen unter Studiobedingungen, Miniserien wie „Top of the Lake“ als Autorenfilme.

Im „Haus der Berliner Festspiele“ waren am Sonntag fast alle Plätze besetzt, in den Pausen wurden die Butterbrote ausgepackt. Bevor es losging, trat Jane Campion vor die Zuschauer und sagte, sie sei froh, dass ihr Film erst mal auf einer Leinwand laufe, wie eben ein Kinofilm. Sie hatte Gerard Lee und einige der Schauspieler mitgebracht, Holly Hunter etwa, die im Film die langen weißen Haare trägt, die das Erkennungszeichen von Jane Campion sind, und den überragenden Peter Mullan, der mit nicht nur hinterhältigem Charme den Bösewicht Matt Mitcham in „Top of the Lake“ spielt, einen Drogenboss mit Macht über eine verzweigte Familie und den gesamten Ort Laketop im Süden von Neuseeland. Es ist ein abgelegenes wohlhabendes Städtchen in überwältigend schöner Landschaft mit einem dunklen See, umgeben von bewaldeten Bergen. Am Anfang sehen wir, wie die zwölfjährige Tui (Jacqueline Joe), Tochter von Mitch aus irgendeiner seiner Ehen, in den See geht, wie sie gerettet und vernommen, wie eine Schwangerschaft festgestellt wird und wie Tui dann verschwindet. Als Verschwundene bildet sie das Zentrum für das, was folgt.

Selbstflagellieren am Grab der Mutter

Um dieses Zentrum kreist neben Matt und seinen Söhnen vor allem die Kriminalbeamtin Robin, die an dem Fall ein besonderes Interesse entwickelt. Elisabeth Moss, bekannt als Peggy in „Mad Men“, spielt sie als bis zur Obsession ehrgeizige Polizistin, die ein Geheimnis hat, das sie mit dem Fall verbindet. Robin, längst aus Laketop nach Australien ausgewandert, ist zurückgekommen, weil ihre Mutter im Sterben liegt. Und Holly Hunter mit den weißen Haaren, sie kommt als Guru einer Gruppe verzweifelter Frauen und mit einigen Tiefladern, die bunte Container am Seeufer aufstellen. Die Container dienen als Schlafplätze. „Let’s play house“, sagt GJ, so der Name dieser Figur, und weist ihren Schützlingen noch mit anderen meist einsilbigen Weisheiten den Weg aus ihrem Elend.

Es gibt in dieser Serie, die ein Mysterythriller in ferner Verwandtschaft von David Lynchs „Twin Peak“ ist, mehr Frauen als Männer. Alle sind sie Versehrte, krank wie Robins Mutter, geschlagen, missbraucht, verlassen wie die Frauen um GJ, ausgebeutet wie die Arbeiterinnen in der Drogenküche, belogen und für dumm verkauft wie die geschiedene Frau eines Mordopfers, geschunden wie Robin. Und jede sucht auf eigenem Weg eine Identität, die davon wenn nicht unberührt, so doch nicht gänzlich bestimmt ist. Keine akzeptiert, Opfer zu sein, allen voran Robin nicht. Als es wirklich brenzlig wird und jemand meint, man müsse nun endlich Hilfe rufen, sagt sie nur: „I am the help“, obwohl Erinnerungen, Wiederbegegnungen und Misstrauen sie an den Rand des Erträglichen treiben.

Dass Matt, der Unangreifbare, am Grab seiner Mutter heult wie ein wunder Wolf und den Gürtel zum Selbstflagellieren gleich am Grabstein hängen lässt, so oft ist er in Benutzung, macht den Unterschied deutlich. In der Welt von „Top of the Lake“ verletzen die Männer sich selbst. Kaum einer hatte den Saal verlassen, bevor es am Ende doch noch ganz anders kam.

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