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Drei Filme im Berlinale-Wettbewerb Es geht darum, den Helden unter die Haut zu schauen

 ·  Adam und Ewa in Polen, dicke Kinder aus Österreich und ein Gaskonzern namens Global: Neue Filme von Gus Van Sant, Ulrich Seidl und Malgoska Szumowska im Wettbewerb behandeln die Probleme der Welt.

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© dapd Vergrößern Man würde ihm jederzeit einen Gebrauchtwagen abkaufen, und das macht er sich knallhart zunutze: Matt Damon als Energiekonzernvertreter in „Promised Land“

Man muss es schon einen Hattrick nennen, was dem Österreicher Ulrich Seidl mit den Filmen seiner „Paradies“-Trilogie gelungen ist: auf allen drei großen Festivals hintereinander in den Wettbewerb zu kommen. Offenbar zog eine Einladung die andere nach sich, auf Cannes folgte Venedig, und nun läuft nach „Liebe“ und „Glaube“ der letzte Teil, „Paradies: Hoffnung“, in Berlin. Diesmal geht es um Melanie, die Tochter der Frau, die im ersten Teil in Kenia auf der Suche nach käuflichem Sex und unbezahlbaren Gefühlen war, und die Nichte jener anderen, die im zweiten mit einer Muttergottesstatuette unter dem Arm in Wiener Armenvierteln missionierte.

Aber ein guter Trick ist noch kein gelungener Film, und das gilt besonders für „Paradies: Hoffnung“, in dem Seidls ehrgeiziges Konzept an seine banalen Grenzen stößt. Es geht um eine Diätkur in den Bergen, bei der Melanie, wie ihre Mutter fettsüchtig, ein paar Kilo zu verlieren versucht und wo sie sich in den Klinikleiter verliebt, einen älteren, aber jugendlich wirkenden Arzt. Die Aufnahmen von nackten, schreienden oder mit dem Kruzifix im Bett liegenden Frauen, in denen sich „Glaube“ und „Liebe“ gefielen, fehlen fast völlig, nur einmal sieht man, wie der Doktor, auf allen vieren kriechend, an der bewusstlos auf dem Waldboden liegenden Melanie herumschnüffelt - eine Szene, die in einem anderen Film vielleicht ein Inbild verzweifelter Lust oder Sehnsucht wäre, hier aber bloß wie ein Schmankerl wirkt, mit dem Seidl seine halbdokumentarischen Einblicke in den Alltag des Diätcamps aufzuhübschen versucht.

Denn genauso wie dieser Arzt schnüffelt auch Seidls Regie nur an den Figuren herum, statt sich auf sie einzulassen. Ulrich Seidls Filme sind Oberflächenkino, sie betrachten das Leben wie ein Wimmelbild. Aus dieser Distanz sieht man dann lauter seltsame, formlose, hässliche Wesen, die einander auf der lachhaften Suche nach Erfüllung quälen und kränken. Diesen Zirkus kann man eine Weile interessant finden, aber seine Attraktivität verbraucht sich rasch. In „Paradies: Hoffnung“ hat sie sich verflüchtigt.

Wie man eine ganz ähnliche Geschichte ganz anders erzählen kann, zeigt Malgoska Szumowskas „W imię“ („Im Namen von...“), der zweite Wettbewerbsfilm dieses Festivaltags. Ein Dorfpfarrer in der polnischen Provinz, ein Heim für schwererziehbare Jugendliche, ein Junge von einem nahen Bauernhof, das sind die Elemente, aus denen Szumowska ihre Erzählung gewinnt. Aber anders als Seidl weiß sie nicht schon immer im Voraus, was sie von ihren Figuren zu halten hat. Am Anfang sieht man, wie Adam, der Priester, von der Frau des Heimleiters (sie heißt Ewa) umworben wird, und man erwartet, dass jetzt ein Drama um Versuchung und Entsagung beginnt. Doch dann erweist sich, dass Adams Versuchungen von ganz anderer Art sind, und in demselben Maß, wie er ihnen zu widerstehen versucht, werden sie für die Kamera sichtbar.

Man kann nicht behaupten, dass Szumowska, deren Film „Elles“ mit Juliette Binoche im letzten Jahr im Panorama lief, mit dieser Geschichte wirklich neues Terrain für das Kino erschließt. Aber es gelingt ihr, einige bewegende Bilder für den inneren Kampf ihres Helden zu finden, Einstellungen, die uns für Augenblicke unter die Haut dieses Mannes blicken lassen. Und darum vor allem geht es im Kino, nicht um die Glätte der Komposition.

Wenn die Kamera am Anfang von Gus Van Sants „Promised Land“ dem Schauspieler Matt Damon ins Gesicht schaut, weiß man, dass man bis zum Ende des Films zu ihm halten wird, ganz gleich, was er sagt oder tut. Und wenn dann noch Frances McDormand dazustößt, um Damon bei seinem Job zu helfen, möchte man am liebsten mit den beiden mitfahren auf ihrer Reise in die tiefe amerikanische Provinz. Der Trick bei Van Sant ist aber gerade der, dass Damon und McDormand für die falsche Seite unterwegs sind - einen Energiekonzern mit dem sinnigen Namen Global, der im Mittleren Westen den Grund und Boden einer Kleinstadt aufkaufen will, um darunter mit dem Fracking-Verfahren Erdgas zu gewinnen.

Der besondere Charme der Probleme

Sie versprechen den bankrotten Farmern eine goldene Zukunft, und anfangs will auch fast jeder unterschreiben. Aber dann erstehen den beiden Landkäufern in einem pensionierten Ingenieur (Hal Holbrook) und einem jungen Umweltaktivisten ebenbürtige Gegner, und der Schlagabtausch beginnt. Matt Damon, der auch am Drehbuch mitschrieb, hat dabei den härtesten Part, er muss die Ambivalenzen seiner Figur bis zur bitteren Neige ausschöpfen. Dafür gewährt ihm der Film aber auch einen Abgang, wie er eines Kinohelden würdig ist, mit großer Abschiedsrede, moralischer Läuterung und einem Liebesglück aus dem Bilderbuch. Und genau darin liegt die Enttäuschung von „Promised Land“. Der Film sucht nach einer neuen erzählerischen Formel für den schrecklichen Zwiespalt zwischen Verelendung und Umweltzerstörung, aber dann entscheidet er sich doch nur für die übliche Lösung. Er nimmt einen starken Anlauf in die Realität - und landet in Hollywood.

Dicke Kinder in Österreich, verzweifelte Priester in Polen, Fracking in Amerika: die Berlinale ist kein Festival zum Entspannen, sie verhandelt die Probleme der Welt. Das ist ihr Problem. Und ihr besonderer Charme.

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