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Drehbuchautoren und Regisseure : Eine Branche in Angststarre

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Was ist mit ihrem Werk passiert, bevor das Publikum es sieht? Über die Arbeit von Drehbuchautoren wird bei der Berlinale viel gesprochen – auch wenn meist unklar bleibt, was Produzenten und Regisseure damit gemacht haben. Bild: Picture-Alliance

Letztlich geht es nur darum, die schönsten Szene, die interessantesten Stoffe vor der Sense der Bighead-Meinungen zu retten: Warum Drehbuchautoren und Regisseure mehr denn je zusammenhalten müssen. Ein Gastbeitrag.

          Wenn am Donnerstag die 66. Berlinale beginnt, wird auch wieder ausdauernd über Drehbücher diskutiert werden, wenngleich notorisch unscharf, weil ja nie ganz klar ist, was genau Produzenten oder Regisseure mit einem Buch im Prozess der Adaption alles angestellt haben. Drehbuchautoren, im klassischen Hollywood zwar gut bezahlt, aber behandelt wie sprechende Schreibmaschinen, stehen im Kino immer ein wenig im Schatten, in klarem Missverhältnis zu ihrer Bedeutung für das Gelingen eines Films. Auch deshalb wurde vor zehn Jahren „Scenario“ gegründet, finanziert aus Filmfördermitteln; Herausgeber Jochen Brunow hatte kaum damit gerechnet, dass man jetzt die zehnte (und womöglich letzte) Ausgabe des „Film- und Drehbuch-Almanachs“ würde feiern können. In diesen Jahren hat „Scenario“ durch Essays, Backstorys und Werkstattgespräche nicht nur die Selbstverständigung der Autoren befördert, sondern darin zugleich den Funktionswandel des Drehbuchs reflektiert. Genau davon handelt auch der hier in Auszügen abgedruckte Text des Regisseurs Dominik Graf, der zuletzt, in seinem Kinofilm „Die geliebten Schwestern“, selber wieder einmal Autor war. Graf, 63, hat immer gewusst, was er „seinen“ Autoren, den Ideen, Recherchen und Büchern eines Günter Schütter, Markus Busch oder Rolf Basedow verdankt. Auf der Berlinale wird Graf zusammen mit Johannes F. Sievert den gemeinsamen Dokumentarfilm „Verfluchte Liebe deutscher Film“ vorstellen.

          Vor etlichen Jahren habe ich von einer befreundeten Drehbuchautorin, mit der sich bis heute leider nie eine Zusammenarbeit ergab, eine SMS mitten in der Nacht bekommen, darin stand nur ein Satz: „keiner liebt einen mehr für das was man schreibt“, ohne Groß- und Kleinschreibung, ohne Satzzeichen. Die SMS ist mir seitdem nie wieder aus dem Kopf gegangen. Sie mag entstanden sein im Orkan einer impertinent befohlenen Verbesserungsorgie bei irgendeinem TV- oder Kino-Großprojekt. Vielleicht in der Trauer über ein in Ensemble-Diskussionen zerstörtes „Tatort“-Drehbuch. Sie traf jedenfalls den deutschlandweiten Nagel, was die persönliche und die professionelle Situation der Drehbuchautoren angeht, präzise auf den Kopf.

          Inzwischen, sagt man, sei alles ja noch viel schlimmer. Liebe zu den Projekten und Büchern erwartet sowieso keiner mehr. Autoren sind überwiegend Werkzeuge, derer man sich bedient. Funktionieren sie nicht nach den Wünschen der Entscheider, werden sie ausgetauscht. Die Debatten-Wütigkeit über Stoffe, Dramaturgien, Hauptfiguren, über einzelne Sätze nimmt überhand. Finale Ablehnungen von Drehbüchern und Projekten werden gar nicht mehr bekanntgegeben, es ruft den Autor einfach keiner mehr an. Und wenn er nachfragt, so bekommt er gequälte Auskünfte. Der Redakteur sagt ihm vielleicht, „der Produzent hat sich entschlossen, noch einen anderen Autor dranzusetzen“, der Produzent sagt, die Redaktion war’s. Autoren werden von den Entscheidern nicht mehr zur Abnahme ihrer fertigen Filme eingeladen.

          Viel verdruckster als früher

          Eine Branche mit angeblichen Talenten im Überfluss dünnt sich selbst aus, kastriert sich, arbeitet sich vor allem an den Drehbüchern ab bis zur Untotheit. TV-Intendanten bauen derweil ihre Sender für die „Zukunft“ um und geben dabei Geld aus, das den Kreativen, den Produktionen vorenthalten wird. Jedes Fiction-Projekt, abgesehen von „Tatort“ und „Polizeiruf“, ist bedroht, könnte stets kippen, weil das Geld anderswo in der Bürokratie gebraucht wird. Eine Branche in Angststarre.

          Ja, die Hierarchien und die Entscheidungslabyrinthe haben sich in den letzten 15 Jahren noch mal verschärft, und die gesamte Kommunikation in der Branche ist aufgrund der Abhängigkeiten erheblich verdruckster als früher. Man kann all dies beklagen. Aber für Autoren ist die Sachlage in Deutschland in ihrer grundlegenden Fatalität lediglich stabil geblieben. Oder kurz gesagt: Es war immer schon so.

          Bloß nicht glauben, es sei mal besser gewesen

          Ich habe in den 1980ern Drehbuchsitzungen bei deutschen Filmproduzenten erlebt, die an verbaler Klarheit - „also wir finden die neue Fassung totale Scheiße“ - nichts zu wünschen übrig ließen. Und in den boomenden 90ern wurden auch ständig vielversprechende Drehbücher en gros zerrupft, zerredet, zerschlissen. Mindestens ein halbes Dutzend spannender Projekte, die ich kannte (nicht meine), wurden fallengelassen, gar nicht erst in Angriff genommen oder nicht gefördert. Und einige große Kinoerfolge wären zuvor um ein Haar im Papierkorb gelandet. Nicht aus Kosten- oder Produktionsgründen, sondern weil bis kurz vor Ultimo kein Vertrauen in die Drehbücher zu finden war.

          Wir auf der Berlinale zusammen mit Johannes F. Sievert den gemeinsamen Dokumentarfilm „Verfluchte Liebe deutscher Film“ vorstellen: Dominik Graf

          Ich habe mir irgendwann mal eine Hitliste der eindrucksvollsten, entscheidendsten Drehbuchsitzungen meines bisherigen Regisseurslebens gemacht, ich habe sogar die Sitzordnungen aus der Erinnerung notiert (wer wo sitzt, das war immer ganz entscheidend, eine Frage der psychologischen Kriegsführung), ich habe versucht, die härtesten Argumentationen im Gedächtnis zu behalten – um später bloß nicht auf die Idee zu kommen, irgendetwas an den Stoffentwicklungsabläufen im deutschen Film sei irgendwann mal besser gewesen.

          Das hat diese Branche ja nie gewollt

          Und im Grunde könnte dies ja von heute aus gesehen fast ein tröstlicher Gedanke sein: Es drehte sich für Autoren und Regisseure letztlich stets darum, die schönsten Szenen, die interessantesten Stoffe irgendwie durchzuschmuggeln, sie zu retten vor der Sense der Bighead-Meinungen (bis auf ein paar magische Zufallsmomente, von denen ich auch ein, zwei miterleben durfte). Von sieben Versuchen kam vielleicht ein einziges geliebtes Projekt irgendwie halbwegs durch. Und vielleicht war diese Ausbeute sogar immer schon das maximal Mögliche in einer Kinoindustrie, die nach Oberhausen nie mehr eine funktionierende Industrie war und die sich mit jeder Generation mehr verstrickte in germanische Rechthaberei, kleinbürgerliche Geschmacksverirrung, in Frontenbildung und eifersüchtigen Partikularismus?

          Jetzt, als älter werdender Regisseur, bin ich manchmal tatsächlich so blöde zu glauben, tolldreiste Projekte jener tolldreisten Autoren, die ich über die Jahre so bewundern gelernt habe, hätten einen Anspruch, finanziert zu werden. Und ich vergesse dabei ganz, dass ich doch sehr gut weiß: Diese Branche wollte ja nie wirklich das, was die etwas wilderen deutschen Autoren in ihren Büchern beschwören konnten: Energie, komplizierte Gefühle, böse Action, herrliche (laut allen verfügbaren Drehbuchratgebern gänzlich nutzlose!) Szenen, labyrinthische Dramaturgien und andere lobgesangswürdige, echte Freuden des Filmemachens. Ich weiß auch, dieses „es war immer schon so“ ist natürlich keine enorm befriedigende Bestandsaufnahme. Und es ist auch keine Ausrede für das oft bedrückende deutsche Autorenleben heute, das sich als Wahlspruch den kürzesten Satz aus „Mad Max: Fury Road“ zu eigen machen könnte: „Hope is a mistake“.

          Begeisterung ist nicht mehr der erste Impuls

          Klaus Lemke spricht vom Film als „schlafwandelnder Gottheit“. Das ist im Grunde ein alchimistischer Gedanke. Im allerbesten Drehbuch kann der willigste Statthalter des Systems eben nicht wirklich lesen, was den Film am Ende zum Schwingen bringen wird (wenn der Regisseur es überhaupt hinkriegt) oder nicht. Man muss es herausspüren, und im Schneideraum entfaltet sich dann der Film plötzlich (hoffentlich) wie eine japanische Papierblume im Wasserglas. Dieser Zauber des Zusammenklangs von Geschriebenem und Inszeniertem überlebt natürlich kaum bürokratische Stoff-Maßgaben und x-mal ausgeschriebene Konzepte. Und vielleicht haben wir - die deutschen Regisseure - inzwischen auch schon verlernt, die „Gottheit“ zu beschwören? Zu viel Inhaltisiererei im deutschen Film/TV, zu viele Formeln, zu viel Kontrollmanie?

          Der Text entstammt „Scenario 10. Film- und Drehbuch-Almanach“, herausgegeben von Jochen Brunow. Bertz + Fischer, 320 Seiten, 24 Euro. Der Band erscheint Ende der Woche.

          Heute kann sich ein deutscher Produzent, der eine rasante Szene liest, nicht mehr wirklich darüber freuen. Sein erster Impuls ist nicht: Großartig! Sondern: Was wird der/die RedakteurIn sagen? Und der/die RedakteurIn hat vielleicht wiederum Angst vor seinem/ihrem Fernsehspielleiter? Und der/die LeiterIn hat Angst vor der/dem ProgrammdirektorIn (einer der im öffentlich-rechtlichen TV immer mächtigeren Apparatschik-Positionen im Kontrollsystem). Und der/die ProgrammdirektorIn hat wiederum Angst vor den Zuschauern ... Keiner liest also mehr wirklich das, was er zu lesen kriegt in den Drehbüchern - er liest durch die Zeilen hindurch auf die Machbarkeit und die Beschränkungen hin. Darüber hinaus: „Autoren-Brillanz nervt“ (Originalzitat). Liebe? Nada.

          Wie eine Wand

          „Eine geschwächte Position schwächt die andere - das ist fatal“, beschrieb Günter Rohrbach diesen Vorgang. Er sprach von den Programmdirektoren in den Sendern, die ab den 1990ern ihre selbständigsten Redakteure zu schwächen begannen, woraufhin die diese Schwächung ihrerseits automatisch an die Produzenten weitergeben mussten. Man könnte hinzufügen: Und die abhängigen Systemproduzenten halten sich dafür an den Autoren und allmählich auch an den Regisseuren schadlos, sie versuchen, die kreativen Positionen voneinander zu isolieren. Manche Großproduzenten blasen aktuell stolz ins Horn und verkünden, dass sie die Regisseure ihrer Filme nach den Dreharbeiten gar nicht mehr in den Schneideraum lassen. Die Produzentenstudenten auf den Filmhochschulen drangsalieren früh die Kollegen aus den Regie- und Drehbuchabteilungen. Und bei großen Branchenpremieren versammeln sich die Entscheider mit den Starschauspielern auf der Bühne - und vergessen den Regisseur oder die Regisseurin im Parkett.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          „This too will pass“ - wie die Inschrift an einer nordafrikanischen Kaserne der Fremdenlegion lautete. Die Herrlichkeit des Systems und seiner Vasallen wird wieder verblassen, denn es ist ja auch ein Ausdruck von Verzweiflung, derart auf die eigene Bedeutung hinweisen zu müssen. Der Film muss bleiben, ob TV oder Kino - alles andere ist egal. Bis zum Wiederaufbruch der vereisten Zustände aber sollten die Autoren und Regisseure dringend eines tun: zusammenhalten wie eine Wand, bei dem Versuch, „schlafwandelnde Gottheiten“ zu bewahren. Wir Regisseure müssen unseren höchstbegabten Autoren ständig zurufen: Wisst ihr, dass euch nur der/die Regisseur/In wirklich lieben kann, weil nur er/sie eure Geschenke wirklich wertschätzen kann? Ihr seid nicht allein! Wir sind da, um euch zu schützen!

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