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Veröffentlicht: 10.02.2017, 08:30 Uhr

„Django“ eröffnet die Berlinale Folklore ist ihr Schicksal

Um zu erfassen, in welchem Zustand unsere Welt ist, brauchen wir andere Bilder: Mit „Django“, Étienne Comars Debüt als Filmregisseur, eröffnet die Berlinale.

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Swing. Damit ging das Festival gestern los. Viel mitreißende Musik in rauchigen Bars, wippende Füße, ein wenig Subversion, ein wenig Liebe, Paris. Und dann der Partykiller: die Nazis. Genau die richtige Mischung für die Eröffnung der Berlinale also, die ihren Besuchern nicht gleich die Laune verderben will, aber auch nicht verleugnet, in welchem Zustand die Welt ist. Oder war in diesem Fall. Im Fall Django Reinhardt.

Verena Lueken Folgen:

Die Geschichte des genialischen Jazzgitarristen Django Reinhardt im deutsch besetzten Paris ist im Kino noch nicht erzählt worden, insofern ist „Django“ etwas Neues. Aber er sieht nicht neu aus. Er klingt nicht neu. Er sieht aus, wie diese Zeit im Kino eben aussieht, und insofern ist alles, was nach Wahrheit, nach Erkenntnis streben mag, heute, nach all den Filmen, all den Bildern, die genauso aussehen, letztlich doch nur noch Folklore. Und zwar sowohl was die Gypsies angeht, deren Ermordung in deutschen Lagern oder durch deutsche Soldaten, die SS oder Gestapo, vor dem Abspann mit einer Tafel von Passfotos gedacht wird, als auch was die Nationalsozialisten angeht. Für die einen ist die Folklore ihr Schicksal. Für die anderen ein harmloses Kostüm.

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Im Wald steht ein Holzwagen, um ihn herum sind die Musiker drapiert. Ein blinder Musiker spielt fulminant. Der Film beginnt in einem Wechsel von Tableau und wackeligen Bildern, auf denen wir Menschen sehen, die offenbar glauben, wenn sie nichts sehen, werden auch sie nicht gesehen. Wir wissen, wie groß dieser Irrtum gewesen ist. Gleich wird ein Kind erschossen, dann der blinde Musiker, der ungerührt weitergespielt hatte, während in seinem Rücken die Schüsse fielen.

Der Künstler in Zeiten der Tyrannei – was soll er tun? Für wen soll er spielen? Muss er Mut beweisen oder sich dem widmen, was er kann, auch wenn das auf Kollaboration hinausläuft? Das ist das Thema von „Django“, und vielleicht ist das Beste, was sich von dem Film sagen lässt, dass er keine Antwort parat hat. Sondern uns zeigt, was Django Reinhardt tat.

Undurchdringlich, ein wenig süffisant

Allerdings bekommen wir nicht einmal eine vage Idee davon, wer dieser Django Reinhardt eigentlich war. Er hat eine Geliebte und eine Frau, die schwanger ist. Aber beide möblieren sein Leben eher, als dass sie ein Gefühl in ihm auslösen würden. Seine Mutter ist immer dabei. Aber auch hier sehen wir nicht mehr als diese Tatsache. Unwahrscheinlich, dass das an Reda Kateb liegt, der Django spielt, undurchdringlich, ein wenig süffisant, leicht schläfrig manchmal. Einmal macht er Clark Gable nach, den Reinhardt bewundert haben soll. Aber auch daraus ergibt sich für die Figur nichts.

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Schön, dass die Gypsies von Laiendarstellern aus der Gypsie-Gemeinschaft in Thonon-les-Bains gespielt werden und Manouche sprechen. Schön, dass der Musik so viel Raum gegeben wird. Aber bei der großen Party der Nazis in einer Villa am Genfer See, auf der Reinhardt und seine Combo trotz strikter Anweisung, leise zu spielen, nicht zu schnell und keinesfalls synkopisch, genau dies dann tun, da sieht das Ganze dann doch eher nach Feuerwehrball denn nach brandgefährlichem Tanz auf dem Vulkan aus.

Ein wenig Dreck würde nicht schaden

„Django“ ist der Debütfilm von Étienne Comar. Dass ein Debütfilm ein großes Festival eröffnet und noch dazu Teil des Wettbewerbs, nicht des offiziellen Beiprogramms ist, das ist ungewöhnlich. Debüt, das klingt nach jung und wild, meint in diesem Fall aber: erfahren und spät die Pferde gewechselt. Étienne Comar ist bisher Filmproduzent gewesen. In den letzten Jahren hat er angefangen, gleichzeitig auch Drehbücher zu schreiben, etwa für Filme von Xavier Beauvois oder Maiwenn. Debüt ist also relativ. „Django“ ist sein erster Film als Regisseur.

Woran denken wir, wenn wir „Django“ sehen? Sicher nicht an die Flüchtlinge in den Wäldern von Calais. Um zu erfassen, in welchem Zustand unsere Welt ist, brauchen wir andere Bilder. Ein wenig Dreck würde nicht schaden.

Glosse

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