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Deutsche Berlinale-Filme : Rückenwind von allen Seiten

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Erzählen vom Ausbrechen und Weggehen und von der Suche nach Nicht-Zielen: die deutschen Filme der Berlinale. Bild: Berlinale

Jenseits von streberhafter Ernsthaftigkeit und bemühtem Klamauk sucht der deutsche Film nach neuen Geschichten und Erzählweisen. Eine Bilanz der Berlinale.

          Deutsches Kino ist dann am besten, wenn es nicht so viel mit Kino zu tun hat und nicht so viel mit dem Deutschsein. So jedenfalls ist das in der „Perspektive Deutsches Kino“ der diesjährigen Berlinale. Klingt gemein? Ist aber ein Kompliment. Die interessantesten der vierzehn Filme verlassen Kinokonventionen und geschlossene Räume, suchen jenseits von streberhafter Ernsthaftigkeit und bemühtem Klamauk nach neuen Geschichten und Erzählweisen und finden sie in der Nähe zum Theater und indem sie vom Ausbrechen und Weggehen erzählen, von der Suche nach Nicht-Zielen, Bewegungen aus dem Zentrum hin zu den Rändern.

          Zum Beispiel in „Rückenwind von vorn“, dem Eröffnungsfilm von Philipp Eichholtz, der von Abenteuerlust und Aufbruch erzählt und dabei als erstes ein detailliertes Drehbuch zurücklässt. Die Dialoge werden, wie in den vorherigen Filmen des Regisseurs, von den Schauspielern fast vollständig improvisiert. Das schenkt der Geschichte um Charlie (Victoria Schulz), einer jungen Lehrerin in Berlin, die plötzlich genervt ist vom Leben mit ihrem Freund und dessen akuten Kinderwunsch, einige besondere Momente und eine seltene Unvorhersehbarkeit. Einmal fährt Charlie mit ihrem Kollegen (Volksbühnen-Schauspieler Daniel Zillmann) zum Essen spontan bis nach Tschechien, weil es dort die besten Klöße gibt. Als sie ankommen, hat das Restaurant geschlossen, sie essen dann Döner und lachen sehr.

          Fast vollständig improvisierte Dialoge: „Rückenwind von vorn“ von Philipp Eichholtz.

          Der Debütfilm „Whatever happens next“ von Julian Pörksen, einer der stärksten Filme der Sektion, ist da anarchischer. Pörksen war Assistent bei Christoph Schlingensief, und auch sein Film ist stark vom Umfeld der Volksbühne beeinflusst: Carl Hegemann war dramaturgischer Berater, die wunderbare Lilith Stangenberg (die diesen Film drehte, noch bevor sie in „Wild“ von Nicolette Krebitz glänzte) spielt mit, der herausragende Sebastian Rudolph, der bei Schlingensief den Hamlet spielte.

          Der Film beginnt damit, wie Paul (Rudolph) das Haus verlässt. Er setzt sich aufs Fahrrad und fährt einen Feldweg entlang. Plötzlich hält er inne, stellt das Fahrrad ab und klettert über den Zaun, der die Straße von der Wiese trennt, über noch einen und noch einen. Die Bildkomposition will es, dass er damit gleichzeitig innerhalb des Bildfeldes hinaufsteigt, immer weiter nach oben, bis er ganz am Rand angekommen ist. So beginnt sein Abenteuer und das Abenteuer dieses Films. Paul trägt nichts bei sich, weder Handy noch Geld, und wird sich fortan mit Hilfe fremder Menschen durchschlagen. Er lässt sich von einem freundlichen Friedhofsgärtner im Auto mitnehmen, im Friedhofscafé schließt er sich einer Trauerfeier an, er begleitet den Gastgeber einer Party, auf der er niemanden kannte, zum Erasmussemester nach Polen, übernachtet dort als Begleitperson eines Fremden im Krankenhaus, trifft die kindliche, unberechenbare Nele (Lilith Stangenberg), fährt weiter nach Kiel – ach, und es geht noch weiter.

          Zutiefst menschenfreundlich

          Er ist Hans im Glück, er bleibt im Offenen, er vertraut auf die Güte der Menschen, die er trifft. Die charmante Idee gleicht einer Versuchsanordnung, der Film hätte damit leicht zu einem verkopften Gedankenexperiment werden können. Pörksen, der Pasolini, Cassavetes und Roy Andersson als Vorbilder nennt, gelingt mit „Whatever happens next“ aber eine Poesie, die das Gegenteil von prätentiös ist, rauh, zart, sehr witzig und zutiefst menschenfreundlich. Julian Pörksens Debüt ist eine beglückende Utopie von besseren Menschen – und besseren Filmen.

          Maria Dragus spielt in „Die Verlorene“ von Felix Hassenfratz eine junge Frau mit einem Geheimnis.

          Wie schlimm es dagegen ist, wenn Freiheit fehlt, zeigt „Verlorene“ von Felix Hassenfratz. Seine Geschichte ist ernst, der Film nimmt sie ernst, seine Zuschauer dagegen leider nicht. Und das, obwohl die großartige Maria Dragus („Das weiße Band“, „Tiger Girl“) die Hauptrolle spielt: Maria, 18 Jahre alt, die ältere von zwei Schwestern, die mit ihrem verwitweten Vater (Clemens Schick) in einem badischen Dorf leben. Maria hat ein Geheimnis, das ahnt der junge Handwerker rasch, der auf der Walz für ein paar Wochen bei der Familie lebt und sich in sie verliebt. Die erste Hälfte des Films steuert auf die Aufdeckung des Geheimnisses zu, die zweite hin zur Befreiung, die sich der Film ärgerlich einfach vorstellt. Die Bildgestaltung (Kamera: Bernhard Keller) ist gelungen, die Hauptdarstellerin gewohnt gut. Die Schwäche des Films ist das Drehbuch. Das Gute an dem unglaubwürdigen Ende aber ist, dass Maria Dragus es hinaus schafft, weg, richtig guten Filmen entgegen.

          Unterwegs könnte sie dem beeindruckenden Dokumentarfilm „Draußen“ begegnen. Johanna Sunder-Plassmann und Tama Tobias-Macht porträtieren darin vier Männer, die schon ausgebrochen sind: Elvis, Sergio, Peter und Matze leben als Obdachlose in Köln. Die Regisseurinnen wählen ein besonderes Erzählkonzept: Sie porträtieren die Protagonisten anhand ihrer wenigen persönlichen Gegenstände, die sie schließlich in einer Art Installation um sich anordnen. Elvis besitzt mehr als vierzig CDs von Elvis Presley, Matze führt ein Logbuch aller Orte, an denen er war, Espressokocher, Besteck, Bücher, Erinnerungsstücke sind zu sehen. Der Blick wird dabei nie folkloristisch oder mitleidig. Indem die Obdachlosen zu Kuratoren ihrer eigenen Objekte werden, gibt die künstlerische Überhöhung ihnen Würde, gleichzeitig lernt man sie gut kennen. Fünf verschiedene Dialekte sind zu hören: Hessisch, Kasachisch, Norddeutsch, Kölsch. Draußen in Deutschland gibt es viel zu sehen, wenn man richtig hinsieht oder Filme findet, die das tun.

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