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Interview mit Wim Wenders : Viele Filme werden heute brutal gemacht

Sie müssen also nicht mehr auf Nah und Halbnah und so weiter achten?

Ich kann zumindest nicht mehr so in Einstellungen denken wie früher. Es gibt sie in dieser Form nicht mehr. Jede Nahaufnahme hat ja hinter sich noch einen Raum. Und den zu erkunden ist oft viel spannender als in eine Totale zurückzuschneiden.

Was bedeutet das fürs Erzählen?

Eine Podiumsdiskussion über 3D Filme in der Akademie der Künste am Pariser Platz mit Ang Lee (Mitte) und Wim Wenders.

Benoit und ich saßen oft da und haben uns genau das gefragt. Wir wussten es einfach noch nicht. Wir haben nur gedacht: vieles länger durchdrehen, oft in einer Einstellung. Die Kamera in langsamen Bewegungen halten, da kommt das Raumgefühl gut zum Tragen. Wir konnten uns ja nichts angucken, weil es auf diesem Feld noch nichts gab. Damit hatte ich echt nicht gerechnet. Nach „Pina“ dachte ich, 3D wird sich schnell ausbreiten, und wenn wir mit „Every Thing Will Be Fine“ anfangen, wird es schon jede Menge Erzählfilme in 3D geben, da kann man dann mal schauen.

So kam es aber nicht.

Nein, so kam es leider nicht. Jetzt ist der Film da und ist immer noch eine Art Vorläufer. Das war nicht meine Absicht. Damals mit „Pina“ wusste ich, das ist Neuland. Aber bei dem nächsten Film, dachte ich, ist das längst Allgemeingut. Bis wir mit dem rauskommen, haben das viele andere schon gemacht, und das Publikum lernt es kennen. Ich hatte mit einer ganz anderen Rezeptionsstruktur gerechnet. Jetzt kommt „Every Thing Will Be Fine“ vor ein Publikum, dass noch gar nicht weiß, wie das geht mit dem intimeren Erzählen in 3D, wie man damit umgeht, wenn die Figuren derart anwesend sind. Und eben keine Action ist.

Aus den Fantasy-Filmen, die in 3D gedreht wurden, oder auch aus historischen Spektakeln, etwas Ridley Scotts „Exodus“, lässt sich gar nichts lernen?

Daraus lässt sich herzlich wenig lernen. Selbst aus dem liebevollen „Hugo Cabret“ von Martin Scorsese, in dem durch den Méliès-Bezug so viel Filmgeschichte steckt, konnten wir nicht viel lernen. Die Figur von Ben Kingsley zum Beispiel ist eine Comic-Figur. Eigentlich kommen in 3D-Filmen bislang noch keine richtigen Menschen vor. Selbst ein so toller Schauspieler wie Johnny Depp spielt in diesen 3D-Piratenfilmen eine Karikatur. Es hat bisher niemand Figuren mit einer existentiellen Dimension, wie eben aus der europäischen Erzähltradition, benutzt.

Was ist mit Godard? Liegt die Antwort auf meine Frage schon im Titel seines 3D-Films „Adieu au langage“?

Mit diesem genialen Titel schlägt er wirklich jede Frage tot! Er ist ein brillanter Zyniker geworden, der sich über alles lustig macht. So eine Art Grock, ein großer alter Clown des Kinos, der jede Wahrheit genauso gelassen ausspricht wie jeden Unsinn. Ich denke nicht, daß Godard 3D als Sprache wahr- oder gar ernstgenommen hat.

Jetzt sind es also erstmal nur Sie, die an 3D als Medium des Erzählens glauben.

Erst mal ja. Als ich damals bei den Porträts in „Pina“ entdeckt habe, wie aufregend das ist, vor einer 3D-Kamera einen Menschen zu haben, da dachte ich: das ist ja so was von evident, dass dies ein neues Medium des Erzählens ist! Das werden jetzt viele anwenden, um die gesteigerte Präsenz von Menschen für intimere Geschichten zu nutzen.

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