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Interview mit Wim Wenders : Viele Filme werden heute brutal gemacht

Das war auch bei „Every Thing Will Be Fine“ eine große Frage: inwieweit ist dieses Neue schon eine Sprache, inwieweit kann man die alte Filmgrammatik überhaupt noch darauf anwenden, und vor allem: inwieweit ist „Filmsprache“ überhaupt noch etwas Relevantes heute, für Filmemacher und für das Publikum. Vieles funktioniert im Kino heute ja, indem es die alte Filmsprache regelrecht in Grund und Boden stampft. Vieles wird heute so geschnitten, dass ein Cutter und gar ein Publikum aus der klassischen Zeit des Kinos nur schreiend den Saal verlassen würde. Aber in dieser „Verhunzung“ ist gleichzeitig schon wieder eine neue zeitgenössische Sprache entstanden, die Sachen zeigt, die man vorher nicht erzählen konnte, eine Sprache, die nicht mehr wie von uns früher bewusst eingesetzt wird, sondern ganz intuitiv und manchmal auch nur einfach brutal. Viele Filme werden heute ziemlich brutal gemacht.

Können Sie mal ein Beispiel geben?

Eine Szene aus „Das Salz der Erde“: Wenders und der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado.
Eine Szene aus „Das Salz der Erde“: Wenders und der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado. : Bild: dpa

Eigentlich alles, was heute Mainstream ist. Action und Fantasy vor allem. Aber dann kommen auch wieder so unabhängige Filme daher wie „Ida“, die neu gedacht sind, aber voller Referenzen an altes „Sprachgefühl“ sind. Die Frage bei „Every Thing Will Be Fine“ war eher: welche alte Grammatik war da rüberzuretten, und funktioniert das in 3D? Wir hatten dafür keine Referenzen. Für mich war es eine große Entdeckung, dass ich, wo ich nicht unbedingt aufs Kino zurückgreifen konnte oder auch wollte, im Rückgriff auf die Malerei aber Sachen gefunden habe, die mir einen Zugang zu einem „intimen 3D“ gegeben haben.

In der Malerei? Der zweidimensionalsten Kunst überhaupt?

Ja, gerade da! Viele Maler haben ja versucht, die Zweidimensionalität ihrer Tafelbilder zu überwinden und „Raum“ zu malen. Andrew Wyeth zum Beispiel, einer meiner großen Helden. Für viele Einstellungen in dem neuen Film habe ich ihn zu Rate gezogen. In unserem Arbeitszimmer, das ich mit meinem Kameramann Benoît Debie geteilt habe, hingen überall Blätter mit seinen Bildern. Wir wussten, die traditionelle Filmsprache hilft uns nicht weiter. Gleichzeitig wollen wir aber auch nicht ganz schutzlos dastehen. Da haben wir uns eben einen Maler als Schutzengel ausgesucht. Wyeth hat uns schwer geholfen, ja. Weil der so einen großen Sinn für Präsenz hatte, die Präsenz des Alltäglichen. „Tiefe“ ist ja nicht die einzige Dimension von 3D. Für das Erzählen ist eigentlich die gesteigerte Anwesenheit von Menschen, Dingen und Orten viel relevanter. Es war gut, daß ich als Kameramann so einen Abenteurer an meiner Seite hatte wie Benoit Debie, der z.B. die wirklich aberwitzigen Filme von Gaspar Noe fotografiert hat, die wirklich alle Regeln sprengen. Als einer, der nicht gern Sachen macht, die es schon gibt, war Benoît ein guter Partner für diesen Film.

Gab es gar keine Vorbilder für seine Arbeit?

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