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Veröffentlicht: 18.02.2016, 23:13 Uhr

Berlinale Wenn Frauen träumen

Das französische Kino glänzt im Wettbewerb der Berlinale. Und in Thomas Vinterbergs Film über eine dänische Kommune spielt Trine Dyrholm eine der Rollen ihres Lebens.

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© dpa, Prokino Kinotrailer: „Die Kommune“

Der Kopf des Kinogängers steckt voller Vorurteile über einzelne Filmnationen. Die meisten davon sind wahr. So gilt das französische Kino als ein Kino der Frauen, und tatsächlich sind die französischen Filme im Wettbewerb der Berlinale bislang die einzigen – abgesehen von dem deutschen Beitrag „24 Wochen“, der ein besonderer Fall ist –, in denen es nennenswerte weibliche Hauptrollen gibt. In „L’avenir“ (Die Zukunft) von Mia Hansen-Løve etwa kann man der wunderbaren Isabelle Huppert dabei zusehen, wie sie als linke Philosophielehrerin Nathalie erst ihren Mann, dann ihre Mutter und zwischendurch auch mal den Glauben an die Menschheit und ihren Beruf verliert. Das alles könnte man so hochdramatisch inszenieren und orchestrieren, wie es hier klingt, aber der Film lässt diese Folge von Katastrophen so vorsichtig auf Nathalie niedergehen, dass sie davon nie völlig aus der Bahn geworfen wird. Im Gegenteil: Sie lernt, sich im Takt mit ihnen zu bewegen. Sie tanzt zur Musik ihres eigenen Scheiterns.

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In André Téchinés „Quand on a 17 ans“ (Mit siebzehn Jahren), dem zweiten französischen Wettbewerbsbeitrag, ist es Sandrine Kiberlain als Ärztin in einer Alpenkleinstadt, die die Fäden der Geschichte zusammenhält, obwohl eigentlich Tom und Damien im Mittelpunkt stehen, zwei Halbwüchsige, die sich reizen, zanken und schlagen und schließlich, nach langem Belauern, ein Liebespaar werden. Der eine ist ihr Sohn, der andere zieht zu ihr, weil er es unten im Tal näher zur Schule hat als bei seinen Adoptiveltern auf einem Bauernhof, und in einer Szene sieht man sogar, wie er mit Marianne, der Ärztin, schläft. Aber es ist ein Traum, aus dem Marianne atemlos und erschrocken erwacht; dann geht der Alltag weiter, bis ein Schicksalsschlag die Verhältnisse zwischen den dreien von Grund auf neu justiert.

Die starken Franzosen Ein schwieriges Alter: Corentin Fila (l.) und Sandrine Kiberlain in einer Szene in „Quand on a 17 ans“ © dpa Bilderstrecke 

Vieles in diesem so klugen wie sanften Film hat einen Schimmer von Geträumtem, von Irrealität, und das liegt nicht an seinen Bildern, die hellwach und von präziser Schönheit sind. Es liegt daran, dass Téchiné und seine Koautorin Céline Sciamma ihren Figuren die Freiheit lassen, sich jenseits aller aus Hollywood und dem Fernsehen gewohnten Stereotypen zu entwickeln, so dass man bis kurz vor Schluss nicht genau weiß, wohin die Geschichte läuft. Diese Freiheit des Erzählens wurde einmal von der Nouvelle Vague gegen große Widerstände erkämpft. Heute macht kaum noch jemand von ihr Gebrauch. Um so mehr muss man Filme wie „Quand on a 17 ans“ zu schätzen wissen.

Frankreich ist das einzige europäische Land, wo es etwas wie eine Filmindustrie gibt

Der dritte französische Film im offiziellen Programm läuft außer Konkurrenz, und so ganz gehört er auch nicht dazu. „Des nouvelles de la planète Mars“ (Neues vom Planeten Mars) handelt von einem geschiedenen IT-Ingenieur (François Damiens), dessen Leben an seinem neunundvierzigsten Geburtstag auf skurrile Weise durcheinander gerät. Solche Sujets hat Dominik Moll, der Regisseur, in „Lemming“ oder „Harry meint es gut mit dir“ mit kalter Eleganz durchbuchstabiert. Diesmal zeigt er dagegen von Anfang an, dass er es auf ein Massenpublikum abgesehen hat.

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Unter diesem kommerziellen Ehrgeiz leidet die Geschichte, die zum Fangkorb für Drehbucheinfälle, und die Optik, die zum Vehikel der Story wird. Trotzdem schaut man sich „Des nouvelles. . .“ ohne Bedauern an. Frankreich ist eben nicht nur die Heimat des Autorenfilms, sondern auch das einzige Land in Europa, in dem es noch so etwas wie eine Filmindustrie gibt. Deren ästhetische Standards stecken auch hier in jedem Bild. Hoffentlich funktioniert dieses Geschäftsmodell, das dem deutschen Gestocher um Lichtjahre voraus ist, noch möglichst lange.

Am siebten Festivaltag wartete alles auf Thomas Vinterbergs „Kollektivet“ (Die Kommune), den Film, der die Kraft von Vinterbergs Dogma-Klassiker „Das Fest“ ins Kino zurückbringen sollte. Das gelingt dieser Geschichte über eine Hausgemeinschaft in den siebziger Jahren und das bittere Ende einer Ehe nicht ganz. Dafür ist Vinterberg etwas anderes geglückt. Er hat die Kette illusionsloser Familiengeschichten, die bei Ingmar Bergman beginnt und mit Lars von Trier gerissen war, um eine neue dunkle Perle verlängert. Und er hat Trine Dyrholm eine der großen Rollen ihres Lebens gegeben, den Part einer Frau, die nicht aufhören kann, den Mann, der sie betrogen und verlassen hat, zu leben, bis ihr Stolz und ihr Selbstgefühl in Trümmern liegen. Das Vorurteil stimmt also nicht ganz. Auch die Dänen können Frauengeschichten erzählen. Wenn auch mit anderem Akzent.

Glosse

„Diesmal schenken wir uns wirklich nichts“

Von Julia Bähr

Die größte Lüge in Paarbeziehungen erlebt aktuell ihr saisonales Hoch. Und sie folgt grausamen Gesetzen: Wer sich an den weihnachtlichen Nichtangriffspakt hält, verliert. Mehr 8

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