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Veröffentlicht: 09.02.2014, 11:43 Uhr

Berlinale Kunstfilm im Spektakelkino

Eine Videoinstallation zeigt die selben Kunstschätze wie Clooneys „Monuments Men“, ein apokalyptischer Kunstfilm läuft im Imax: Auf der Berlinale berühren sich die weit entfernten Enden des Festivals.

von Bert Rebhandl

Mit dem Rummel um die „Monuments Men“ hat die Berlinale am Samstag ihren Höhepunkt bereits überschritten. Dies gilt jedenfalls in der einen Disziplin, die für ein A-Festival auch entscheidend ist: das Kino mit einer Atmosphäre von Glamour zu umgeben. George Clooney, Matt Damon, Jean Dujardin, John Goodman posierten in unterschiedlichen Konstellationen für die Prominentenfotografen, und wandten sich später am Abend auch nicht ab, als die Paparazzi sie auch noch beim Essen aufspürten.

Cast members Murray Goodman Clooney Dujardin and Damon form conga line as they leave after photocall at 64th Berlinale International Film Festival in Berlin Ringelpiez mit Anfassen: Matt Damon, Jean Dujardin, George Clooney, John Goodman und Bill Murray beim Fototermin zu „Monuments Men“ © REUTERS Bilderstrecke 

Als ich am Samstagabend über den Potsdamer Platz eilte, unterwegs zu einer späten Pressevorführung im Cinemaxx, traf ich den Künstler Clemens von Wedemeyer, der gerade aus der Gala von „Monuments Men“ kam. Er schob sein Fahrrad am Weinhaus Huth vorbei. Der Film hatte ihm gut gefallen, in den Grenzen des Genres, das in diesem Fall sicher nicht durch die allerhöchsten Ansprüche an Seriosität definiert werden kann. Und dann erzählte er noch eine kleine Geschichte. Er hatte für seine Videoarbeit „Afterimage“ letztes Jahr in Rom nämlich mit Kunstschätzen aus Beständen gearbeitet, auf denen sich auch Clooneys Team für „Monuments Men“ bediente. Dieser Hinweis gefiel mir sehr, spannte sich damit doch ein Bogen quer über die ganze Berlinale, von einem Moment ihrer höchsten Medienpräsenz zu den Rändern. Denn „Afterimage“ ist im Rahmen der Sektion „Forum Expanded“ in einer Ausstellung in St. Agnes in der Alexandrinenstraße zu sehen. Die Schau trägt den Titel „What Do We Know When We Know Where Something Is“?

Eine typische Konstellation

Hinter dieser sperrigen Formulierung steckt vielleicht ein Verdacht. Wir sind ja nach wie vor gewohnt, uns zu jeder kulturellen Leistung einen Herkunftsort zu merken, in der Regel ist es eine nationale Kultur. Doch wird dies nur noch zum Teil der Wirklichkeit gerecht. Die Bilder sind unterwegs, und diejenigen, die sie machen, nicht minder. So kommen Projekte zustande wie „Inferno“, ein zwanzigminütiger Film der israelischen Künstlerin Yael Bartana, der am Freitag ebenfalls im Rahmen von Forum Expanded gezeigt wurde. Für diese apokalyptische Phantasie eines dritten Tempeleinsturzes (gedreht in São Paulo) hatten die Veranstalter ein Imax-Kino für die Vorführung gewählt, das größte Leinwandformat, das die Berlinale zu bieten hat. Da berührten sich also neuerlich weit entfernte Enden des Festivals, denn Imax ist für Spektakelformen gedacht, und Yael Bartana hat dafür in einem durchaus kontroversen Spiel mit mächtiger religiöser Ikonographie einen Film gemacht, der hier erst so richtig zu sich kommt.

Auch darüber unterhielt ich mich mit Clemens von Wedemeyer noch eine Weile: wie die Künstler zu ihren Projekten kommen, wie Produktionsbudgets sich mit Orten verbinden, wie aus solchen Konstellationen Ideen entstehen. Als wir uns verabschiedeten, erkundigte er sich noch nach dem Film, den ich nun zu sehen gedachte. Es war „Historia del miedo“, ein argentinischer Beitrag zum Wettbewerb, der für die Tagespresse schon einen Tag früher gezeigt wurde. „Ah, das ist ja interessant, da kenne ich den Produzenten“, bemerkte Wedemeyer. Tatsächlich findet sich in den Credits auch eine Firma aus Leipzig, und es werden nicht weniger als vier Produktionsländer erwähnt: Argentinien, Uruguay, Frankreich, Deutschland. Das ist eine typische Konstellation.

Die größten Abstände überbrückt

Die Berlinale kann sich „Historia del miedo“ zwar nicht so auf die Fahnen heften, wie Fußballclubs manchmal mit Stars aus dem eigenen Nachwuchs glänzen. Aber es gibt da durchaus Ähnlichkeiten: Der Berlinale Talent Campus, in diesem Jahr in Berlinale Talents umbenannt, ist das Labor, aus dem, so die Hoffnung des Festivals, die Filme der kommenden Jahre entstehen. Benjamin Domenech, einer der Produzenten von „Historia del miedo“, hat 2010 am Talent Campus teilgenommen: Der Beleg, dass die Veranstaltung es jungen Filmschaffenden tatsächlich erlaubt, jene Netzwerke zu bilden, die das Festival später abbildet.

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Bevor ich mich von Clemens von Wedemeyer verabschiedete, überlegten wir noch kurz, wo wir einander in den nächsten Tagen wieder treffen könnten. Vielleicht am Montag im Arsenal, wieder bei Forum Expanded, wo „Orbitalna“ von Marcin Malaszczak gezeigt wird, die beeindruckende Studie einer ganz anderen Monumentalität, nämlich dessen, was von den gigantischen Schürfgebieten der kommunistischen Ära übriggeblieben ist: ein fremder Planet unter der Aufsicht letzter Menschen. Oder vielleicht in der Retrospektive, die in diesem Jahr einer „Ästhetik der Schatten“ gewidmet ist, und aus der zwischen den Kundigen täglich neue Empfehlungen in den digitalen Netzwerken zirkulieren. „Oshidori Utagassen“ von Masahiro Makino, ein japanischer Film aus dem Jahr 1939, wird am häufigsten erwähnt. Ein Musical aus der Welt des Samurais, ein Stück Unterhaltung, wie es fremder nicht sein könnte, und doch vertraut, weil es nun einmal die Qualität eines Festivals ist, die größten Abstände für einen Moment zu überbrücken.

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