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Berlinale-Filme von Panahi und Dumont Haustiere kennen kein Berufsverbot

 ·  Zwei Höhepunkte der Berlinale: Jafar Panahi zieht die Vorhänge zu, lässt sich die Welt aber nicht stehlen, und Bruno Dumont nimmt uns mit ins Irrenhaus.

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© Berlinale Vergrößern Villa ohne Aussicht: Szene aus dem Film „Pardé“

Das neue Werk des iranischen Regisseurs Jafar Panahi war der mit der größten Spannung erwartete Beitrag im an Spannung bisher nicht sehr reichen Wettbewerb. Über den Film, der „Pardé“ heißt (“Closed Curtain“), wusste man wenig, außer dass er im Geheimen gedreht wurde. Denn Panahi steht unter Berufsverbot, schon seit mehr als zwei Jahren und für weitere achtzehn. Es war ihm schon einmal gelungen, unter diesen Bedingungen einen Film zu drehen. Er nannte ihn passenderweise und mit einem Grinsen zum Zensor hin „This is not a film“, und irgendwie, angeblich auf einem Datenstick in einem Kuchen, war er 2011 nach Cannes zum Filmfestival geschmuggelt worden.

Das geschah im selben Jahr, in dem die Berlinale Panahi in die Jury eingeladen hatte und ein leerer Stuhl bei der Bärenvergabe deutlich machte, dass hier einer fehlte. Panahi darf auch nicht reisen. „Propaganda gegen die Regierung“ wird ihm vorgeworfen, und daran stimmt jedes Wort - außer „Propaganda“. Denn Panahis Filme sind niemals Mittel der Manipulation, sondern Ausdruck von Freiheit.

Auch jetzt hat man Jafar Panahi nicht erlaubt, nach Berlin zu kommen, um an der Premiere seines zweiten Films, den er nicht drehen durfte, teilzunehmen. Es kam aber sein Koregisseur und Hauptdarsteller Kamboziya Partovi, und mit ihm gemeinsam wird die iranische Künstlerin und Filmemacherin Shirin Neshat aus New York, die in der Jury sitzt, den Film bei der Galavorstellung repräsentieren.

Gespenster des Überwachungsstaats

Was ist das für ein Film, der mit schlichtesten Mitteln im Geheimen entstanden ist, in einer Villa am Meer, deren Fenster vergittert sind? Schon in „This is not a film“ war der Humor erstaunlich, den Panahi der Sache abgewinnt - unvergessen bleibt der zahme Leguan seiner Tochter, der über die Bücherwand kriecht -, und auch in „Pardé“ gibt es immer wieder sehr komische Augenblicke. Auch sie gehören einem Haustier, nämlich dem Hund Boy, mit dem der Ärger anfängt. Denn die Behörden, so sehen wir in getürkten Fernsehbildern gemeinsam mit dem Hund, der die Fernbedienung gekapert und es sich in einem Sessel bequem gemacht hat, haben die Hunde Irans als unrein und antiislamisch erklärt und töten alle, die ihnen vor die Flinte laufen.

Deshalb also hatte der Schriftsteller, der zu Beginn des Films die Villa betritt, sämtliche Vorhänge zuzieht und mit schwarzen Stoffbahnen jedes Tageslicht und alle Sicht nach draußen verhängt, Boy in einer Sporttasche hierhergebracht. Ins Paradies, könnte man meinen, so herrlich war der Blick aufs Meer, als man es noch sehen konnte; oder ins Exil, so düster wird es drinnen, wenn von der Villa mit Aussicht nur noch ein schwarzverkleideter Raum übrig ist.

Es geschehen merkwürdige Dinge. Von draußen dringt plötzlich laute Musik ins Haus, wir hören Autos, Stimmen, die Haustür öffnet sich, obwohl sie fest verschlossen war, und ein junger Mann und eine junge Frau stehen dem Schriftsteller gegenüber. Sie würden verfolgt, er müsse sie aufnehmen, der junge Mann verschwindet wieder, nachdem er gewarnt hat, die junge Frau müsse beobachtet werden, sie neige zu Selbstmordversuchen. Es ist ein Szenario aus einem Gespensterfilm, mit Türen, die sich von allein öffnen, unerklärlichen Geräuschen, Figuren, die aus dem Nichts kommen und sich einmischen, Funkgeräuschen vor der Tür. Es ist natürlich auch ein Szenario aus einem Überwachungsstaat, dessen Scherge die junge Frau sein könnte, wenn sie nicht gerade ein Gespenst ist oder eine Selbstmordkandidatin.

Religiöses Geschwafel ohne Zynismus

Man kann unter den Bedingungen, unter denen Panahi lebt und verbotenerweise arbeitet, keinen Film drehen, der diese Bedingungen nicht enthält. Und so tritt auch der Regisseur selbst noch auf, auch er wie ein Geist, der unter den gerahmten Plakaten seiner früheren Filme herumtapst.

Panahis Film war das Ereignis des Dienstags. Aber es lief auch noch ein weiterer sehr guter Wettbewerbsbeitrag, der Aufmerksamkeit verdient: Bruno Dumonts „Camille Claudel 1915“. Dumont zeigt ein paar Tage im Leben der Bildhauerin aus jenem Kriegsjahr in dem von Ordensschwestern geführten Irrenhaus, in das sie ihre Familie, zu der Paul Claudel, der Schriftsteller, gehört, eingewiesen hat.

Alles an diesem Film ist ein stilles Ereignis, Juliette Binoche, die ganz bei dieser komplizierten, mal störrischen, mal verzückten, mal zornigen, mal müden Figur ist, das alte Kloster, grau in grau, die Nonnen in beglückter Barmherzigkeit gegenüber den Schutzbefohlenen, das zerrüttete Gebiss einer Verrückten und Paul Claudel, der von seinen Erweckungserlebnissen salbadert, aber vom Glauben, wie er in jener Anstalt praktiziert wird, keinen Anflug kennt. Es wäre leicht gewesen, aus der Geschichte der Camille Claudel und dem religiösen Geschwafel Paul Claudels einen zynischen Film zu machen. Dumont hat das Gegenteil getan und uns nachhaltig beeindruckt.

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