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Berlinale-Filme Tränen im geschlossenen Abteil

 ·  Sollte Steven Soderbergh ausgerechnet jetzt eine Pause einlegen? Nach „Side Effects“ hat er etwas gutzumachen. Zu routiniert ist auch Bille Augusts Romanverfilmung „Nachtzug nach Lissabon“.

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© AP Vergrößern Hat sie ihren Mann ermordet? Rooney Mara ist die junge Patientin in Soderberghs Film „Side Effects“

Inzwischen ist der Chor der Kritiker, die Steven Soderbergh nahelegen, seinen angekündigten Rückzug vom Kino nun endlich wahr zu machen, derart angewachsen, dass man schon wieder Lust hat, ihn zu verteidigen - seinen Blick, seine virtuose Art der Verspieltheit, auch wenn davon in „Side Effects“, dem Film, um den es geht, wenig zu spüren ist. Aber auch allseits geschätzte Regisseure wie Ridley Scott oder Michael Mann haben ja schon schwächere Filme gedreht. Nennen wir Soderbergh also den Ridley Scott dieses Festivals.

In „Side Effects“ spielt Jude Law einen Psychiater, der einer jungen Patientin (Rooney Mara) ein neues Antidepressivum verschreibt. Wenig später wacht die Frau neben der Leiche ihres Mannes auf, den sie offensichtlich erstochen hat. Aber sie kann sich an nichts erinnern, und in den Prozess um ihre Schuldfähigkeit, der nun beginnt, wird auch der Arzt hineingezogen, er verliert seine Praxis und sieht sich einer Rufmordkampagne ausgesetzt, an deren anderem Ende eine ältere Kollegin (Catherine Zeta-Jones) ihre undurchsichtigen Fäden spinnt.

In der Hölle ist es lau

Jude Law, Catherine Zeta-Jones und auch Rooney Mara (trotz ihres Auftritts in David Finchers „Verblendung“) sind nicht gerade als Charakterdarsteller bekannt, ihrem Spiel eignet eine gewisse Unschärfe, und darin liegt, wenn man so will, die erste Nebenwirkung dieses Films. Die zweite besteht in dem Verdacht, dass sich Soderbergh, was die dramaturgischen Finessen der Story angeht (auf die in Psychothrillern alles ankommt), diesmal keine sonderliche Mühe gegeben hat.

Ein Mann geht durch die Hölle öffentlicher Erniedrigung, aber in „Side Effects“ wirkt diese Hölle weder besonders heiß noch sonstwie gefährlich, und an Jude Laws glatten Gesichtszügen prallen die Zumutungen des Lebens ohnehin ab. Dass dieser Dr. Banks am Ende ungewöhnlich grausam mit seiner einstigen Patientin umspringt, mag Soderberghs Vorstellung von einem vielschichtigen Charakter sein, in der Geschichte wirkt es bloß aufgesetzt. Wenn Steven Soderbergh wirklich vorhat, als Regisseur eine längere Pause einzulegen, sollte er gerade jetzt gründlich darüber nachdenken - denn nach „Side Effects“ hat er erst einmal etwas gutzumachen.

Die Vorlage säuberlich abklappern

Ein ganz anderer, wenn auch zu ähnlichem Ergebnis führender Fall von Routinekino ist dagegen Bille Augusts Romanverfilmung „Nachtzug nach Lissabon“, die drei Wochen vor ihrem deutschen Kinostart außer Konkurrenz im Wettbewerb lief. Wenn man liest, wer in dieser Geschichte nach dem 2004 erschienenen Bestsellerroman von Pascal Mercier alles mitspielt, stellt man sich den Film als ein einziges Fest des Schauens und Spielens vor: Jeremy Irons, Charlotte Rampling, Mélanie Laurent, Lena Olin, Martina Gedeck, Bruno Ganz, August Diehl...

Leider aber zeigt sich bald, dass Bille August gar nicht vorhat, mit dem Kino auf große Fahrt zu gehen. Er will einfach nur sämtliche Stationen seiner Vorlage säuberlich abklappern. Dass ein Lateinlehrer aus Bern seine Schüler sitzenlässt, um der Spur eines Buchs nach Portugal zu folgen; dass er auf eine Geschichte stößt, in der vor dreißig Jahren Blut und Tränen vergossen, Herzen gebrochen, Knochen zerschmettert wurden; dass die Schönheit der Stadt Lissabon auf seltsame Weise mit der Bitterkeit der Erinnerungen zusammenklingt, die in ihren Mauern nisten: Das alles ist August gleich wichtig oder unwichtig, und so gleicht sein Film einer Reise im geschlossenen Abteil, auf der man die wunderbarsten Landschaften sieht. Aber alle nur hinter Glas.

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