Home
http://www.faz.net/-hok-76h01
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Berlinale-Filme Die unbezahlten Rechnungen des Herzens

Die wildesten Liebesfilme kommen nach wie vor aus Frankreich, die bravsten Kostümdramen auch. Und Julie Delpy und Ethan Hawke sind immer noch ein großes Kinopaar. Einsichten eines Festivaltages

© Berlinale Vergrößern Irgendwann hatte doch alles so gut angefangen: Julie Delpy und Ethan Hawke in Richard Linklaters Film „Before Midnight“

Dass die Franzosen im Kino am liebsten von der Liebe erzählen, ist ein Klischee, das durch die Wirklichkeit meistens bestätigt wird, aber einen Liebesfilm wie Jacques Doillons „Mes séances de lutte“ hat man trotzdem noch nicht gesehen. Den Titel muss man ungefähr mit „Meine Kampfstunden“ übersetzen, und darum geht es: Zwei, die einander rettungslos verfallen sind, prügeln zu festen Zeiten und nach festgelegten Regeln aufeinander ein. Sie stoßen, treten, würgen, boxen und beißen sich, zwischendurch sagen sie Sätze wie „Kein schlechter Schlag!“ oder „Du machst Fortschritte!“, und als die Frau, am Ende ihrer Kraft, endlich doch „Ich liebe dich“ haucht, brüllt sie gleich hinterher: „Nein, nein, nein!“ Es ist, als hätten die beiden Kleists „Penthesilea“ gelesen, besonders die Schlachtszene mit Achill, in der sich bekanntermaßen „Küsse“ auf „Bisse“ reimen, und beschlossen, dass sie das alles jetzt auch haben wollen, das ganze Liebesmenü.

Andreas  Kilb Folgen:    

„Mes séances de lutte“ ist eher ein filmischer Essay als ein Spielfilm, wozu auch passt, dass es keine Rollennamen gibt. Über die Frau (Sara Forestier) weiß man nicht viel mehr, als dass ihr Vater gestorben ist und sie sein Klavier zu erben hofft, und über ihren Partner (James Thierré) erfährt man, dass er ein altes Landhaus renoviert. Aber das genügt, denn man versteht auch so, dass hier ein Schlagabtausch, der sich sonst nur in Worten, Gesten und Blicken vollzieht, mit dem ganzen Körper ausgetragen wird - mit zwei Körpern, die sich dermaßen verausgaben, dass man oft nicht mehr weiß, ob es noch die Figuren sind, die nach Luft japsend am Boden liegen, oder die Schauspieler selbst.

Französisches Kostümkino

Es liegt in der Logik dieses Experiments, dass die beiden am Ende dann doch das miteinander tun, was man für gewöhnlich als „Liebe“ bezeichnet, aber die Art, wie Doillon diese Vereinigung inszeniert, führt unsere Erwartungen daran auch wieder in die Irre: Sie wälzen sich in einem Bachbett, beschmieren sich mit Lehm, fallen übereinander her und kommen irgendwie doch nicht zum Ziel. Man kann das alles outriert und künstlich finden, aber man muss Doillon zugutehalten, dass sein Pathos an der richtigen Stelle sitzt, eben da, wo es weh tut und Gefühle nicht nur behauptet, sondern mit allen Konsequenzen gelebt werden.

Auf der Berlinale läuft „Mes séances de lutte“, wie fast alle etwas gewagteren Autorenfilme, selbstverständlich nicht im Wettbewerb, sondern in einer Nebenreihe (in diesem Fall im Panorama), während in der Hauptkonkurrenz Guillaume Nicloux’ Diderot-Verfilmung „Die Nonne“ gezeigt wird, ein hübsches und leicht offiziöses Ausstattungsstück, das schon bei der Besetzung auf Sicherheit spielt: Isabelle Huppert, Louise Bourgoin, dazu als deutscher Gast Martina Gedeck in den Hauptrollen, da kann eigentlich nicht mehr viel schiefgehen. Immerhin ist Pauline Étienne, die Darstellerin der Heldin, eine echte Entdeckung - ihr sanftes und zugleich selbstbewusstes, nie manieriertes Spiel behauptet sich souverän neben den Stars, die Nicloux mit ihr vor die Kamera stellt.

Mehr zum Thema

Diderots Roman über Suzanne Simonin, die gegen ihren Willen ins Kloster gesteckt wurde, ist schon einmal verfilmt worden. 1967 fiel Jacques Rivettes Version mit Anna Karina der französischen Zensur zum Opfer, erst nach längerem Prozess wurde der Film freigegeben. Das dürfte Nicloux kaum passieren, denn anders als Rivette spitzt er die Geschichte, die auf einem wahren Fall beruht, nicht polemisch zu, sondern baut sie penibel Stück für Stück zusammen. So kommt es, dass man „Die Nonne“ über weite Strecken betrachtet wie eine jener Dokumentationen, die in historischen Museen das Verständnis der Objekte erleichtern sollen. Erst als Isabelle Huppert als Äbtissin auftaucht, die ein erkennbar körperliches Interesse an der Novizin Suzanne hat, steigt die Hitze des Films knapp über Zimmertemperatur. Aber das ist bald vorbei, und dann kann Nicloux wieder sein Spiel mit Kutschen, Kommoden, Gobelins, Altären und Rosenkränzen spielen, das man aus dem französischen Kostümkino in unzähligen Variationen kennt, ohne davon noch sonderlich berührt zu werden.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Schauspielerin Judy Greer Ich weiß nicht, woher Sie mich kennen

Der Name Judy Greer sagt Ihnen nichts? Da geht es Ihnen wie Millionen anderen, denn sie ist Hollywoods erste Wahl, um die beste Freundin des Stars zu spielen. Sie weiß, wie es sich anfühlt, die ewige Zweite zu sein - doch sie kennt auch die Vorteile dieser Rolle. Mehr Von Christiane Heil

16.12.2014, 12:47 Uhr | Gesellschaft
Kino-Trailer The Interview

Hacker haben mit Anschlägen gedroht, sollten Kinos den umstrittenen Film The Interview zeigen. Sony zieht Konsequenzen - und Amerika vermutet, dass Nordkorea dahinter steckt. Mehr

18.12.2014, 09:56 Uhr | Gesellschaft
Film-Bösewicht Ray Liotta Insgeheim hoffe ich, dass das ganze System bald zusammenbricht

Er war der berüchtigtste Mafioso in Martin Scorseses legendärem Film Good Fellas, eine Rolle dieses Kalibers hätte er gern mal wieder. Ein Gespräch mit dem Schauspieler Ray Liotta. Mehr

18.12.2014, 16:56 Uhr | Feuilleton
Neu im Kino Die Pinguine aus Madagascar

Mit den Madagascar-Filmen wurden sie bekannt, nun haben die vier Pinguine ihren eigenen Kinofilm bekommen. Darin muss sich die Viererbande mit einem fiesen Oktopus herumschlagen. Mehr

25.11.2014, 11:13 Uhr | Feuilleton
Video-Filmkritik Vom Endspiel der Herzen

Wenn Schönheit zum Mittel der Erkenntnis wird: Nuri Bilge Ceylans Film Winterschlaf wurde in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Nicht immer bedeutet das auch großes Kino. In diesem Fall aber gewiss. Mehr Von Andreas Kilb

09.12.2014, 18:56 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 12.02.2013, 10:51 Uhr

Uli Hoeneß macht einen fatalen Spielzug

Von Jochen Hieber

Für „hervorragende Verdienste“ um den Freistaat und das Volk wird der Bayerische Verdienstorden verliehen. Uli Hoeneß erhielt ihn 2002. Jetzt schickt er ihn zurück. Das zeugt von wenig Sachkenntnis und ist symbolisch fatal. Mehr 25