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Berlinale-Filme Die unbezahlten Rechnungen des Herzens

Die wildesten Liebesfilme kommen nach wie vor aus Frankreich, die bravsten Kostümdramen auch. Und Julie Delpy und Ethan Hawke sind immer noch ein großes Kinopaar. Einsichten eines Festivaltages

© Berlinale Irgendwann hatte doch alles so gut angefangen: Julie Delpy und Ethan Hawke in Richard Linklaters Film „Before Midnight“

Dass die Franzosen im Kino am liebsten von der Liebe erzählen, ist ein Klischee, das durch die Wirklichkeit meistens bestätigt wird, aber einen Liebesfilm wie Jacques Doillons „Mes séances de lutte“ hat man trotzdem noch nicht gesehen. Den Titel muss man ungefähr mit „Meine Kampfstunden“ übersetzen, und darum geht es: Zwei, die einander rettungslos verfallen sind, prügeln zu festen Zeiten und nach festgelegten Regeln aufeinander ein. Sie stoßen, treten, würgen, boxen und beißen sich, zwischendurch sagen sie Sätze wie „Kein schlechter Schlag!“ oder „Du machst Fortschritte!“, und als die Frau, am Ende ihrer Kraft, endlich doch „Ich liebe dich“ haucht, brüllt sie gleich hinterher: „Nein, nein, nein!“ Es ist, als hätten die beiden Kleists „Penthesilea“ gelesen, besonders die Schlachtszene mit Achill, in der sich bekanntermaßen „Küsse“ auf „Bisse“ reimen, und beschlossen, dass sie das alles jetzt auch haben wollen, das ganze Liebesmenü.

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„Mes séances de lutte“ ist eher ein filmischer Essay als ein Spielfilm, wozu auch passt, dass es keine Rollennamen gibt. Über die Frau (Sara Forestier) weiß man nicht viel mehr, als dass ihr Vater gestorben ist und sie sein Klavier zu erben hofft, und über ihren Partner (James Thierré) erfährt man, dass er ein altes Landhaus renoviert. Aber das genügt, denn man versteht auch so, dass hier ein Schlagabtausch, der sich sonst nur in Worten, Gesten und Blicken vollzieht, mit dem ganzen Körper ausgetragen wird - mit zwei Körpern, die sich dermaßen verausgaben, dass man oft nicht mehr weiß, ob es noch die Figuren sind, die nach Luft japsend am Boden liegen, oder die Schauspieler selbst.

Französisches Kostümkino

Es liegt in der Logik dieses Experiments, dass die beiden am Ende dann doch das miteinander tun, was man für gewöhnlich als „Liebe“ bezeichnet, aber die Art, wie Doillon diese Vereinigung inszeniert, führt unsere Erwartungen daran auch wieder in die Irre: Sie wälzen sich in einem Bachbett, beschmieren sich mit Lehm, fallen übereinander her und kommen irgendwie doch nicht zum Ziel. Man kann das alles outriert und künstlich finden, aber man muss Doillon zugutehalten, dass sein Pathos an der richtigen Stelle sitzt, eben da, wo es weh tut und Gefühle nicht nur behauptet, sondern mit allen Konsequenzen gelebt werden.

Auf der Berlinale läuft „Mes séances de lutte“, wie fast alle etwas gewagteren Autorenfilme, selbstverständlich nicht im Wettbewerb, sondern in einer Nebenreihe (in diesem Fall im Panorama), während in der Hauptkonkurrenz Guillaume Nicloux’ Diderot-Verfilmung „Die Nonne“ gezeigt wird, ein hübsches und leicht offiziöses Ausstattungsstück, das schon bei der Besetzung auf Sicherheit spielt: Isabelle Huppert, Louise Bourgoin, dazu als deutscher Gast Martina Gedeck in den Hauptrollen, da kann eigentlich nicht mehr viel schiefgehen. Immerhin ist Pauline Étienne, die Darstellerin der Heldin, eine echte Entdeckung - ihr sanftes und zugleich selbstbewusstes, nie manieriertes Spiel behauptet sich souverän neben den Stars, die Nicloux mit ihr vor die Kamera stellt.

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Diderots Roman über Suzanne Simonin, die gegen ihren Willen ins Kloster gesteckt wurde, ist schon einmal verfilmt worden. 1967 fiel Jacques Rivettes Version mit Anna Karina der französischen Zensur zum Opfer, erst nach längerem Prozess wurde der Film freigegeben. Das dürfte Nicloux kaum passieren, denn anders als Rivette spitzt er die Geschichte, die auf einem wahren Fall beruht, nicht polemisch zu, sondern baut sie penibel Stück für Stück zusammen. So kommt es, dass man „Die Nonne“ über weite Strecken betrachtet wie eine jener Dokumentationen, die in historischen Museen das Verständnis der Objekte erleichtern sollen. Erst als Isabelle Huppert als Äbtissin auftaucht, die ein erkennbar körperliches Interesse an der Novizin Suzanne hat, steigt die Hitze des Films knapp über Zimmertemperatur. Aber das ist bald vorbei, und dann kann Nicloux wieder sein Spiel mit Kutschen, Kommoden, Gobelins, Altären und Rosenkränzen spielen, das man aus dem französischen Kostümkino in unzähligen Variationen kennt, ohne davon noch sonderlich berührt zu werden.

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Veröffentlicht: 12.02.2013, 10:51 Uhr

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