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Berlinale-Eröffnung Sie bluten innen, wenn sie sich verletzen

Kämpfer, Tänzer, Philosophen: „The Grandmaster“ des Chinesen Wong Kar Wai eröffnet die Berlinale. Ein Film von überwältigender Kunstfertigkeit.

© Block 2 Productions Vergrößern Der Mann mit dem weißen Hut, der alle anderen zu Boden zwingt, ist Ip Man – Tony Leung spielt ihn stoisch, melancholisch und bestens trainiert

Glamour, Unterhaltungswert, große Gefühle, erstaunliche Bilder - „The Grandmaster“ von Wong Kar Wai ist ein Festivaleröffnungsfilm, der den Satz bestätigt, „es darf ruhig auch mal schön sein“. Zwar wurde der Film, weil er in China bereits läuft, noch vor seiner internationalen Premiere in Berlin in allen Branchenblättern rezensiert, aber ein Fest ist er dennoch, stilisiert, unfassbar melancholisch und von überwältigender Kunstfertigkeit vor unter hinter der Kamera. Präzise choreographierte Kampfszenen (man kann das sehen, wenn Wong zur Zeitlupe verlangsamt) im Regen und bei Dunkelheit wechseln sich eine gute Stunde lang mit Sequenzen in einem chinesischen Bordell und Kampfsport-Treffpunkt in den immer sehr fotogenen dreißiger Jahren ab. Dort sind nicht nur die prächtig gekleideten Frauen (mindestens eine von ihnen eine herausragende Kämpferin), sondern auch das Dekor außerordentlich erlesen. Texttafeln mit Orts- und Zeitangaben helfen bei der Orientierung. Denn wie in allen Filmen von Wong geht es auch in diesem darum, wie politische Unruhen, die Besetzung, der Bürgerkrieg, Flucht und Exil das Glück verhindern, das zwischen zwei Figuren möglich wäre.

Verena Lueken Folgen:    

Nach etwa eineinhalb Stunden kommen die Japaner, dann beginnt der Bürgerkrieg, die Figuren werden auseinander gesprengt. Bei Wong sehen wir dazu keine marschierenden Soldaten, sondern Feuer, das die ganze Leinwand füllt, eine brodelnde Suppe, einen Mantel, der versetzt wird. Wong vermeidet alle Bildklischees, wie er filmt, was er zeigt, scheint frisch und neu, obwohl wir es bei ihm schon gesehen haben - die Unschärfen in den Gesichtern, die sich langsam aufklaren, wenn ein Gedanke geformt ist, die Doppelbelichtungen, die Verweise der Szenen untereinander. So wird zum Beispiel erst in der zweiten Hälfte klar, was wir im Vorspann gesehen haben, als durchsichtig schwarzer Rauch über eine bröckelnde Wand zog.

In der Welt der Martial Arts

Der Großmeister des Titels ist Ip Man, der spät im Leben dafür berühmt wurde, der Lehrer Bruce Lees zu sein. Wong, der im Jahr 2002 zum ersten Mal diesen Film ankündigte, aber schon lange vorher über ihn nachgedacht hatte, hat sich soviel Zeit gelassen, dass über Ip Man und sein Leben inzwischen andere Filme gedreht worden sind („Ip Man“ und „Ip Man 2“ und ein, zwei weitere). Aber genau besehen ist „The Grandmaster“ auch gar kein Film über Ip Man, er hätte mit demselben Recht „Gong Er“ heißen können. Die beiden sind, gespielt von Tony Leung und Ziyi Zhang, die Hauptfiguren, er ein wohlhabender Chinese aus dem Süden, der von Kindheit an Kung Fu studierte, sie die Tochter eines Großmeisters aus dem Norden, der verschiedene konkurrierende Kung-Fu-Schulen vereinigt hat und für einen Abschiedskampf nach Süden reist. Ip Man wird als sein Gegner ausgesucht. Wie er das Duell gewinnt, ist von tänzerischer wie von philosophischer Raffinesse.

63. Internationale Filmfestspiele Berlin: The Grandmaster © dapd Vergrößern Der Hut sitzt, auch wenn die Gegner in den Rinnstein fliegen: Ip Man gibt sich stilvollendet

Um beides geht es Wong, wenn er (nach dem traumverlorenen „Ashes of Time“, dem deutlich weniger zugänglichen Vorläufer) die Welt der Martial Arts erkundet. Es ist nicht die Sorte von Martial Arts, mit der Quentin Tarantino seine „Kill Bill“-Filmen bestückt hat, jene Art, in der spätestens beim dritten Schlag oder Kick Blutfontänen in die Höhe spritzen und jeder Trick erlaubt ist.

Wong geht es um die klassische Form. Bei ihm bluten die Kämpfer innen. Und wenn er in vom Regen glänzenden Straßen, auf denen sich tiefe Pfützen bilden, während der Studioregen auf die Kämpfer herunterprasselt, Ip Man zeigt, wie er mindestens zwanzig Gegner unübertroffen elegant in den Rinnstein wirft, ohne seinen weißen Hut zu verlieren, fließt kein einziger Tropfen Blut. Bis jemand blutet, weil Messer zum Einsatz kommen, dauert es fast eine ganze Stunde, das ist, in einem Martial-Arts-Film, fast eine Ewigkeit.

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Was in der Erzählung nicht möglich ist, legt Wong in die Struktur seines Films: Anfang und Ende gehören Rückblenden mit Voice-over-Erzählungen, ein geschickt gebauter Rahmen, der Ip Man und Gong Er ästhetisch verbindet - Held und Heldin, beide trainiert zur vollkommenen Körperbeherrschung, beide ausgeliefert einer unkontrollierbaren Zeit.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 07.02.2013, 17:40 Uhr

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