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Berlinale-Eröffnungsfilm : Die Gewinnerin der Tour de Frost

So war die Ehe 1908: Der geliebte Polarforscher hat seiner Gattin (Juliette Binoche) eine SMS in den Schneeschuh gespannt. Sie ist hingerissen. Bild: Leandro Betancor

Aber man hätte zur Eröffnung bessere Filme auswählen können, die weitaus weniger interessant gewesen wären. Zum Glück hat man das nicht getan. Mit „Niemand will die Nacht“ von Isabel Coixet beginnt die Berlinale.

          Juliette Binoche friert eindrucksvoller als ein von Skinheads aus Übermut kahlrasierter Kampfhund. Wer ihr beim Schlottern zuschaut, klappert mit der Seele: Wie diese Frau durch knochenweiße Stürme tapert, als wäre das ein Gesellschaftsspiel für höhere Töchter, wie sie sich heulend vor Eifersucht im frisch gefallenen Schnee wälzt und sogar hineinbeißt, bis ihr die Zähne und Fingernägel in Großhandelsmengen ausfallen und ihr tiefgekühltes Gewissen klirrend auseinanderbricht, wie sie schließlich ihren letzten Schlittenhund weich kaut und hinunterwürgt, das haucht dem Teufel den heißesten Feuersee in der Hölle zu - hart, härter, Binoche. Ab heute pinkelt Bruce Willis im Sitzen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Film heißt „Niemand will die Nacht“ und ist das neueste Werk der Regisseurin Isabel Coixet, gezeigt zum Auftakt der 65. Filmfestspiele von Berlin. Er handelt von Geburt, Tod, Stutenbissigkeit und Männerdummheit, die um jeden Preis den Nordpol erreichen will, weil man auch dort mal eine Fahne knattern lassen möchte. Juliette Binoche spielt die Gattin des Polarforschers Peary, die ihrem ruhelosen Mann 1908 anhänglich und stur ins gleißende Nichts hinterherreist. Weil die Polarnacht hereinbricht, bevor sie ihn erreicht, bleibt sie in einer Basislager-Hütte hängen.

          Kontergrinsen der erfahrenen Jägerin: Rinko Kikuchi in „Niemand will die Nacht“ Bilderstrecke
          Kontergrinsen der erfahrenen Jägerin: Rinko Kikuchi in „Niemand will die Nacht“ :

          Beim Warten auf die Rückkehr des Entdeckers leistet ihr eine junge Inuit-Frau Gesellschaft, mit der sich der geliebte Abwesende vor einigen Monaten die klamme Zeit vertrieben hat, weshalb die Eingeborene jetzt von ihm schwanger ist - ein Dreieck mit abgebrochener männlicher Spitze also. Die beiden Frauen müssen sich, vom unbarmherzigen Walten der lebensfeindlichen Elemente auf engstem Raum aneinandergefesselt, irgendwie zusammenraufen, obwohl die eine der anderen dauernd an die Gurgel gehen will: „You filthy tramp!“, spuckt Binoche angewidert die mit der Rolle des schlichten, aber charakterstarken Naturkindes behangene Rinko Kikuchi an. Die aber fletscht ihre zwar nicht einwandfrei gepflegten, dafür aber starken Zähne nicht zum Kontergrinsen der erfahrenen Jägerin, sondern hat sogar immer mal wieder ein aufmunterndes Lächeln übrig für die vollneurotische, besitzgierige, lächerlich prüde und aggressiv egozentrische Rassistin aus Washington, die in Kleidern aus gepresster Aquarellpappe, mit handgemeißelten Frisuren, knarzigen Grammophonplatten, Messer und Gabel ausgezogen ist, sich alles zu unterwerfen, was nicht so ausschaut wie daheim - und dabei grausam scheitern muss.

          Grobe Figurenzeichnung und noch gröbere Moral

          Die Charaktere dieses Films sind, misst man sie (statt an der schauspielerischen Leistung des Ensembles) allein an ihrem Verhalten und an den Sätzen, die sie reden, murmeln oder gurgeln, aus Pressplatten gestanzt. Das gilt auch für die Nebenfiguren, diverse singende Inuit, blässliche Geschäftsleute und den irischen Schneefährtenleser, den Gabriel Byrne als gepökelten und in Branntwein eingelegten, auf dem Nasenrücken tätowierten und mit Strauchdiebsbart zugewucherten Robert De Niro für Arme gibt. Auch das Holzschnitthafte der ethischen Lektionen, die „Niemand will die Nacht“ austeilt, ist evident: Es geht da vom ersten siegessicheren Auftritt der weißen Kolonial-Binoche in einer Landschaft, die wesentlich weißer ist als sie, andauernd um das, was man heute gern „Intersektionalität des Unrechts“ nennt - womit gemeint ist, dass Sexismus, Rassismus, Klassendünkel und Raubbau an Naturressourcen miteinander und mit vielen anderen Hässlichkeiten vielfältig vermittelt sind.

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