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Berlinale-Begegnungen Was ist das: ein Sexsymbol?

 ·  Aus dem Kinobrunnen der ewigen Jugend: Die große Anita Ekberg besucht die Berlinale und erzählt von Fellinis „La dolce vita“. Und River Phoenix hat eine filmische Wiederauferstehung.

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© dpa Vergrößern Vor zwanzig Jahren ist River Phoenix (hier mit Judy Davis) gestorben, aber der Film „Dark Blood“ lebt (wieder).

Sie kommt auf die Bühne, als glitte sie auf einem Laufband in den Saal, langsam, bedächtig, den linken Arm auf eine Krücke, den rechten auf den Arm einer Assistentin gestützt, mit der Haltung einer Statue und dem breiten Lächeln, das sie offenbar nie verlassen hat. Zuvor ist, gleichsam als Aufwärmprogramm, ein Ausschnitt aus Fellinis Filmepisode „Die Versuchung des Doktor Antonio“ über die Leinwand im Bühnenhintergrund gelaufen, die Szene, in der das hauswandhohe Plakat aufgestellt wird, auf dem sie, im Abendkleid lasziv auf einem Diwan ausgestreckt, für Vollmilch wirbt.

Später im Film steigt sie leibhaftig aus dem Bild heraus und lehrt einen Sittenwächter, eben den Doktor Antonio, mit ihren Reizen das Fürchten. Aber das sieht man nicht mehr. Anita Ekberg ist ja jetzt da.

Der Moderator, ein Engländer, fragt sie nach den Anfängen ihrer Schauspielerkarriere, und sie beginnt zu erzählen: von Audrey Hepburn, die seit „Krieg und Frieden“ ihre enge Freundin war, und Hepburns Mann, der „stank“ und auch sonst ein Ekel war, von Victor Mature, mit dem sie „Zarak“ drehte und den sie „Victor Manure“ nannte - manure bedeutet „Gülle“ -, und Frank Sinatra, mit dem sie „einen Flirt“ hatte und der sie heiraten wollte.

La dolce vita

Aber schon nach ein paar Sätzen, als sie nach Frank Tashlin gefragt wird, der sie in „Artists and Models“ neben Dean Martin, Jerry Lewis und Shirley MacLaine besetzte, kommt sie auf ihr Lieblingsthema: „Er gab mir viel Bewegungsfreiheit auf dem Set. Genau wie Fellini.“

Und dann hört die Einundachtzigjährige, von ein paar Unterbrechungen durch Filmclips abgesehen, im Grunde nicht mehr auf, von Fellini zu erzählen. Wie er, nachdem er ihr Bild in italienischen Gazetten gesehen hatte, ihr hinterhertelefonierte, schließlich von ihr empfangen wurde und auf ihre Frage nach dem Drehbuch zu „La dolce vita“, dem Film, für den er Anita haben wollte, seine leeren Hände vorwies: „Er hatte nichts Geschriebenes dabei.“ Wie er bei ihrem nächsten Treffen ihren Hund gestreichelt habe, „nicht mich“. Wie sie die Szene im Trevibrunnen mitten im Januar drehen musste, wie Marcello Mastroianni, bevor er zu ihr ins Becken stieg, einen Liter Wodka in sich hineinschüttete und bei seinem Auftritt glatt vornüberfiel, „dreimal hintereinander“. Wie sie selbst beim Drehen Kognak trank, wobei sie sich die Nase zuhielt, weil sie das Zeug nicht ausstehen konnte. Und wie sie trotz Schutzkleidung aus Gummi von zwei Männern aus dem Brunnen gehoben werden musste, weil sie ihre Beine nicht mehr fühlte.

„Damals war mein Hüftknochen noch heil.“ Es ist, als stünde sie immer noch in der Fontana di Trevi, lachend, mit ausgebreiteten Armen, im Vollgefühl ihres Ruhms. Doch die Lichter sind erloschen, Italien, sagt sie, sei kein großzügiges, freundliches Land mehr, und auch Marcello, ihr unsterblicher Partner, ist nicht mehr da. Ohnehin habe er sich am Set immer zurückgezogen und nie ein privates Wort mit ihr gewechselt. „Niemand hat ihn je richtig gekannt. Außer Fellini.“

Autogramme für das Häuflein der Treuen

So sitzt sie auf der Bühne des „Hebbel am Ufer“, auf die der Berlinale Talent Campus sie eingeladen hat, und erinnert sich, und als eine Zuschauerin sie fragt, wie sie sich als Sexsymbol damals so gefühlt habe, antwortet sie, dass sie bis heute nicht genau wisse, was das sei. „Kann es mir jemand erklären?“ Dann sind die eineinhalb Stunden vorbei, der Saal leert sich, sie aber denkt nicht daran, das Feld zu räumen. Eine ganze Weile noch gibt sie Autogramme für das Häuflein der Treuen, das sich zu ihren Füßen drängt, dann erhebt sie sich, schmerz- und würdevoll, wie sie gekommen ist, und gleitet hinaus. Anita Ekberg war hier.

Es war nicht das einzige unverhoffte Wiedersehen dieser Berlinale. Vor zwanzig Jahren, am 31. Oktober 1993, starb der amerikanische Schauspieler River Phoenix dreiundzwanzigjährig vor einem Nachtclub in West Hollywood an Herzversagen, mitten in den Dreharbeiten zu einem Filmprojekt von George Sluizer, „Dark Blood“.

Jetzt hat Sluizer das Material von damals zusammengeschnitten und die fehlenden Passagen als Voice-over eingelesen. Dass River Phoenix in dieser hanebüchenen Geschichte über ein verirrtes Touristenehepaar und einen verwirrten Rancher in der Wüste Nevadas mitspielt, ist dabei so ziemlich das Beste, was man über „Dark Blood“ sagen kann. Aber es hat genügt, um Sluizers Filmfragment einen Platz im Hauptprogramm des Festivals zu sichern. Es gibt eben mindestens zwei Dinge, durch die man im Kino unsterblich wird: Schönheit - und einen frühen Tod.

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