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Berlinale-Wettbewerb : Endstation Sehnsuchtsblick

So schön bunt nur im Kino: Ruby O. Fee und Merlin Rose in Andreas Dresens Romanverfilmung „Als wir träumten“ Bild: dpa

Andreas Dresen übersetzt Clemens Meyers illusionslosen Milieuroman „Als wir träumten“ in einzigartige, berückende Bilder. Und setzt damit Maßstäbe für das deutsche Kino.

          Es gibt eine Szene in Andreas Dresens Wettbewerbsbeitrag „Als wir träumten“, die man nie mehr vergisst. Nicht weil die illegale Diskothek in einem abgewrackten Industrieareal von Leipzig so großartig in Szene gesetzt wird; auch nicht, weil hier Dresens junge Darsteller eine geradezu unheimliche Intensität der Blicke und Gestik entfalten; und gleichfalls nicht, weil hier ein stillgestellter Moment intensivster Konfrontation in einem sonst auf größtes Tempo hin inszenierten Film erreicht ist – sondern weil sich plötzlich Bild, Handlung und Tonspur wechselseitig zu widersprechen scheinen. Immer noch blitzt das Stroboskop der Diskothek, obwohl die Musik längst schweigt, und so werden die nun unbewegten Akteure, die eben noch tanzten, im Sekundentakt aus dem Dunkel ins gleißende Licht und wieder zurück gerissen. Aktion ohne jede Reaktion. Und da diese Szene dauert, sehr lange sogar, wird irgendwann das einzige Geräusch, das ihr unterliegt, unerträglich: ein metallisches Klackern. Der Klang des nimmermüden Stroboskops.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          So etwas hat man noch nie gehört. Und auch noch nie gesehen. Und da auf der Leinwand kein Wort fällt, das die resultierende Beklemmung aufheben oder von ihr ablenken könnte, werden auch die nichtdeutschsprachigen Zuschauer in der gestrigen Berlinale-Wettbewerbspremiere von Dresens Film sie nie wieder vergessen.

          Man hat so etwas auch noch nie gelesen, obwohl „Als wir träumten“ die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Clemens Meyer aus dem Jahr 2006 ist. Zwar kommt der Streit zwischen den Betreibern der illegalen Diskothek und einer Gruppe Skinheads auch im Buch vor; doch dort ist er kein zentrales Element, weil Meyer sich auf die verbindende Kraft des Diskothekenbetriebs für seine fünf jungen Helden konzentriert. Zwar erzählt der Roman auch vom Scheitern dieses Projekts, aber er tut es poetologisch notwendig als gleichsam immer schon vorausgesetztes Ende jener Zeit, in der die Protagonisten träumten. Dresen dagegen will uns mit der Entwicklung der Handlung überraschen, und, weiß Gott, das gelingt ihm. Dazu mussten er und sein Drehbuchautor, der mittlerweile dreiundachtzigjährige Defa-Veteran Wolfgang Kohlhaase (es ist bereits die dritte gemeinsame Produktion der beiden nach „Sommer vorm Balkon“ und „Whisky mit Wodka“), sich von Meyers „Als wir träumten“ gar nicht lösen.

          „Als wir träumten“: Stene mit Merlin Rose, Marcel Heupermann und Julius Nitschkoff

          Man kann sich kaum eine textgetreuere Kinoadaption dieses Romans vorstellen, was der Film auch gleich zu Beginn klarmacht, wenn die Off-Erzählstimme von Daniel Lenz (genannt „Dani“) in einer spät im Film noch einmal wortwörtlich wiederholten Formulierung aus dem ersten Kapitel des Buchs sagt: „Es gibt keine Nacht, in der ich nicht von allem träume, und ständig tanzen die Erinnerungen.“ Aber das Erinnerungskaleidoskop, das hier angesprochen ist, wird im Film anders begriffen als in der Vorlage. Meyers Kunst liegt im ständigen Wechsel der Zeitebenen, bis hin zu unmittelbaren Übergängen von einer in die andere im selben Abschnitt. Das kann ein Film nicht leisten, gerade weil der Schnitt es scheinbar so einfach machte. Doch ein Schnitt bleibt immer sichtbar, während man von Meyers Text auf eine Weise in die Irre geführt wird, was dem labyrinthischen Leipzig der unmittelbaren Nachwendezeit, von dem er erzählt, genau entspricht: Als Leser sind wir genauso getrieben und verloren wie die Protagonisten.

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