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Berlinale kurz vor Schluss : Ein Traum von Liebe: „Ana, mon amour“ im Wettbewerb

Mit „Ana, mon amour“ von Calin Peter Netzer endet der Wettbewerb der Berlinale. Es ist ein vieldeutiger Schlusspunkt: Wer lügt und wer träumt ist kaum zu unterscheiden.

          Gegen Ende des Films „Ana, mon amour“ sitzen Ana und Toma nebeneinander auf einer Couch. Er sagt: Ich will die Scheidung. Sie sagt: Ich liebe dich nicht mehr. Und du liebst mich auch nicht. Du hast mich nie geliebt. Dabei haben wir zwei Stunden lang gesehen, wie sehr sich die beiden geliebt haben, wie er seine Freunde für sie aufgegeben und sie alles versucht hat, um ihn glücklich zu machen. Jetzt aber klingelt das Telefon, er geht zur Tür, sie versucht ihn zurückzuhalten, und er schlägt sie zu Boden.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Schnitt. Zwei Einstellungen weiter liegt Toma beim Analytiker auf der Couch, und sie reden über einen Traum, den Toma hatte. Es geht darum, wer darin anrief, als das Telefon klingelte, und nach wenigen Sätzen ist klar, was wir gerade gesehen haben, war dieser Traum.

          Berlinale : Ausschnitt aus: „Ana Mon Amour“

          Calin Peter Netzer, der Regisseur von „Ana, mon amour“, hat vor vier Jahren mit „Mutter und Sohn“ den Goldenen Bären gewonnen, einem Film, der davon erzählte, wie eine Mutter mit allen Kräften versucht, den Autounfall ihres Sohnes, bei dem ein Kind zu Tode kam, zu vertuschen. In „Ana, mon amour“ geht es nun um eine andere Form von Vertuschung. Sie findet nicht in den Bildern, sondern in ihrer Montage statt. Der Film ist so geschnitten, dass jede Einstellung der vorigen widerspricht. Toma begehrt Ana. Ana hat einen Panikanfall. Sie schlafen miteinander. Sie sitzen bei Anas Eltern am Tisch. Hier eine Geburt, dort ein Suizidversuch. Ein Termin beim Frauenarzt. Eine Sitzung beim Psychiater. Eine Pilgerfahrt. Eine Beichte. Ein Streit.

          Jene Filme, die sich, wie auf der Berlinale üblich, dem Unterhaltungsgebot der Filmindustrie verweigern, sind auf das verwiesen, was die idealistische Philosophie die „schlechte Endlichkeit“ des menschlichen Daseins genannt hat. Sie handeln, wie auch immer symbolisch, von dem, was ist. Dabei gehen sie das im Kino vielleicht allergrößte Risiko ein: das Risiko, uns zu langweilen. Manche Filme versuchen diese Gefahr durch eine besonders raffinierte Erzählweise zu umgehen. Aber auch dieser Trick hat seine Tücken, die Tücken der Lüge. In „Ana, mon amour“ weiß man am Ende nicht mehr, welchen Bildern man glauben soll. Womöglich hat sich Toma das alles nur ausgedacht. Oder sein Regisseur hat sich etwas ausgedacht, das nicht funktionierte, und es dann kontrafaktisch zusammengesetzt, um sein Scheitern wie ein Gelingen aussehen zu lassen.

          Mit „Ana, mon amour“ endet der Wettbewerb der Berlinale. Ein weiteres Mal hat das Festival seinen Ruf als Trutzburg des Kinorealismus bestätigt. Aber auch das Vorurteil jener Skeptiker, die ihm eine anhaltende Vorliebe zur Mittelmäßigkeit nachsagen. Hier, in Berlin, ist das Weltkino, sagen die Filmfestspiele. Das Kino aber, von dem ihr träumt, ist nur ein Trick, eine Täuschung, ein Trug. Kann sein. Oder auch nicht.

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