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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Berlinale-Wettbewerb Eine Liebe unter Fremden

 ·  Ken Loachs "Ae Fond Kiss" erzählt eine berührende Liebesgeschichte zwischen einer Katholikin aus Glasgow und einem Sohn moslemischer Einwanderer aus Pakistan - und begeistert damit das Berlinale-Publikum.

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Casim und Roisin treffen sich zufällig in einem Schulgebäude in Glasgow. Roisin ist Musiklehrerin. Casim, der seine jüngere Schwester abholen will, ist Sohn pakistanischer Einwanderer. Die beiden verlieben sich. Casim soll in ein paar Wochen eine Cousine aus Pakistan heiraten, die er noch nie gesehen hat; er sagt die Hochzeit ab und zieht zu Roisin. Roisin, die aus Irland stammt, arbeitet an einer katholischen Schule; um eine Vollzeitstelle antreten zu können, braucht sie eine Einverständniserklärung ihres Gemeindepfarrers. Der Pfarrer, der über ihr Leben auf dem laufenden ist, jagt sie aus seinem Büro, sie verliert ihre Stelle. Casims Schwester trifft sich mit Roisin und beschwört sie, sich von ihrem Bruder zu trennen. Casim versucht Roisin zu überreden, Muslimin zu werden. Es ist, als ziehe sich ein Netz immer enger um die beiden zu, das aus Konventionen, Traditionen, echten und falschen Gefühlen geflochten ist. Sie können ihm nicht entkommen.

Im Grunde hat sich das Kino des Briten Ken Loach seit Jahrzehnten nicht verändert. Noch immer gibt es die witzigen und tapferen Proletarier, die bornierten Vertreter des Establishments, die braven kleinen Leute, die um ihr Glück und ihre Arbeit kämpfen, die sozialen Verhältnisse, deren Schwerkraft den einzelnen erdrückt wie der Konzertflügel, der in "Ae Fond Kiss" die Treppe zu Roisins Wohnung hinunterrutscht. Das alles ist bekannt, man hat es gesehen, und doch schaut man es sich immer wieder gerne an, auf Festivals und auch anderswo. Denn es ist die Essenz des menschlichen Lebens in der Gesellschaft, die Loach da einfängt, und wenn man alles abzieht, was im Kino an Stil, Rhythmus, Musikalität, Kunstverstand, Pomp und Pose die Leinwand füllt, bleiben solche Geschichten übrig: ein Pakistani, eine irische Musiklehrerin, zwei Religionen, zwei Begriffe von Familie, Liebe, Schicksal und das Drama, das sich daraus entwickelt.

Keine Überraschung, aber ein Erlebnis

So auch in Berlin. "Ae Fond Kiss" war keine Überraschung im Wettbewerb der Berlinale, der Film bietet im Gegenteil genau das, was man von Loach erwartet hat, aber gerade deshalb war er nach Tagen der Enttäuschungen, der Häme und des Grolls ein Erlebnis, auf das man sich einigen konnte. Ken Loach gibt nicht vor, das Kino neu erfinden zu können, sowenig wie seine Protagonisten sich einreden, sie könnten Versöhnung zwischen den Völkern und Hautfarben stiften, er erzählt einfach eine Geschichte, so gut er es vermag, treibt sie ohne Zwang zum Höhepunkt und läßt zum Schluß die Leinwand wieder dunkel werden. Chapeau.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.02.2004, Nr. 38 / Seite 37
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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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