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Berlinale-Wettbewerb : Depressive Schweden und Cate Blanchett im Wilden Westen

Als Mutter und Tochter gefragt: Cate Blanchett in „The Missing” Bild: Berlinale

Zwei Filme im Berlinale-Wettbewerb: Björn Runges depressive Schweden ächzen unterm Joch der Ehe. Tommy Lee Jones und Cate Blanchett sieht man gerne, lieber noch in einem anderen Film als in „The Missing“.

          Wenn es morgens noch dunkel ist und der Himmel grau, dann wünscht man sich, wenigstens im Kino möge das Wetter ein bißchen besser sein. Und dann hastet man in der Frühe in den ersten Film des Wettbewerbs, um festzustellen, daß der Himmel nicht einfach nur verhangen wie draußen, sondern die Verhangenheit auch noch eine Metapher ist. Was ist bloß mit den Schweden los? Zwischen dem hellem Kiefernholz von Ikea und der existentiellen Finsternis Bergmanscher Dramen ist alles grau in grau.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Männer mittleren Alters schleichen mit einer Schwere durchs Leben, die man ruhig Wallanderhaftigkeit nennen könnte, wären nicht auch die Frauen herb, verhärmt und voller Bitternis. Björn Runges "Om jäg vänder mig om", der auf deutsch "Morgengrauen" heißt, ist trotz des doppelten "om" alles andere als buddhistisch entspannt.

          Doch kein Befreiungskrieg der Seelen

          Zehn Personen, die unterm Joch der Ehe ächzen und gelegentlich brüllen, suchen einen Sinn. Die einen verbarrikadieren sich, weil sie Immigranten und Verbrechen fürchten, der Herzchirurg, der die Frau seines besten Freundes schwängert, hat kein Herz, und die geschiedene Frau belagert ihren Ex-Mann. Am Ende, wenn der Morgen graut, soll dann doch noch die Liebe einkehren, weil der Regisseur, wie er allen Ernstes sagt, beschlossen hat, sein Film sei "ein Befreiungskrieg der Seelen". Wenn man sich die traurigen Gestalten in ihren Wohnungen anschaut, fragt man sich eher: Lebst du noch, oder wohnst du schon?

          Fast wie bei Ikea: Szene aus Björn Runges „Morgengrauen”

          Wo dagegen Cate Blanchett wohnt, da geht zumindest metaphorisch immer die Sonne auf. Sie kommt aus dem Haus, es ist 1880 in New Mexico, und in ihren ersten Gesten und Blicken liegen eine Kraft und Entschiedenheit, die keinen Vergleich mit Barbara Stanwyck oder Joan Crawford scheuen müssen. Doch leider ist Ron Howard nicht der Sam Fuller von "Vierzig Gewehre" und auch nicht der Nicholas Ray von "Johnny Guitar". Er ist ein Kinderstar, der Regisseur wurde, der es mit Mathematik ("A Beautiful Mind") zum Oscar und mit "Apollo 13" bis ins Weltall brachte. Und was immer man von ihm hält, für einen Western ist er auf jeden Fall eine sehr unwahrscheinliche Besetzung.

          Eigentlich gehören die beiden in einen anderen Film

          Cate Blanchett spielt eine Rancherin mit zwei Töchtern von zwei verschiedenen Männern, sie hat einen Vorarbeiter, mit dem sie schläft, der aber nicht bei ihr schlafen darf. Und sie hat einen Vater (Tommy Lee Jones), der vor vielen Jahren die Familie verlassen hat und nun unverhofft wieder auftaucht. Sie will ihn loswerden, und dann braucht sie ihn doch, weil eine Bande aus Weißen und Indianern die ältere Tochter entführt und der Vater unter Indianern gelebt hat. Das ist so klar, wie es in einem Western sein muß - nur leider ziemlich unwahrscheinlich, obgleich der Film sich bei einem großen Vorbild bedient.

          Das Magazin "New York" hat vor einiger Zeit in einer Titelgeschichte behauptet, John Fords "The Searchers" aus dem Jahre 1956 sei der einflußreichste amerikanischen Film der Kinogeschichte, und vermutlich hatte es recht. Daß einer dieses Monument unter den Western plündert, kopiert oder beleiht, das ist normal und kann nichts schaden. Es kommt nur darauf an, wie. Bei Ford quälte John Waynes Ethan die paranoide Vorstellung, daß seine entführte Nichte sich mit einem Indianer eingelassen haben könnte. Bei Howard wäre dieses Motiv um so naheliegender, als die Entführer Mädchenhändler sind und dem bösen indianischen Hexer mit dem verstümmelten Gesicht und der Schwäche für Schlangengift alles zuzutrauen ist. Doch gemessen daran, wie der Film seine bad guys einführt und ihrer Spur der Gewalt folgt, erfahren die entführten Mädchen fast schon eine Vorzugsbehandlung.

          "The Missing" ist dennoch ein respektabler Spätausläufer des Genres. Sein Blick auf die Realitäten des Westens ist nüchtern, seine physische Direktheit überzeugend, und natürlich sieht man Tommy Lee Jones und Cate Blanchett gerne zu. Doch immer wieder überkommt einen dabei auch das Gefühl, daß die beiden in einen anderen Film gehörten, den man lieber gesehen hätte.

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