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Berlinale-Kolumne Ein Fall von Selbsterregung

11.02.2007 ·  Ob es an der Berlinale liegt, am Fasching oder am Hang zur Selbsterregung - jedenfalls ist die Aufregung Berlins darüber, dass es Berlin ist, in den letzten Tagen noch gestiegen. In diesem Erregungszustand übersieht man sogar Hollywood-Stars.

Von Claudius Seidl
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Berlin ist ja meistens mit sich selbst beschäftigt, die lokalen Zeitungen, die sich gern Hauptstadtpresse nennen, überprüfen praktisch täglich in ihren Lokalteilen den gerade aktuellen Stand der Weltstadtwerdung, und naturgemäß heißt die Nachricht in neunundneunzig Prozent aller Fälle: Ja, toll, das Weltniveau ist fast erreicht, und der Stau Unter den Linden ist so lang wie der auf den Champs Elysées.

Ob es an der Berlinale liegt, am Fasching oder am Hang zur Selbsterregung - jedenfalls ist die Aufregung Berlins darüber, dass es Berlin ist, in den letzten Tagen noch gestiegen. Kein Hollywoodstar, der in die Stadt kommt, kommt wieder heraus, bevor er nicht drei Mikrophonen gestanden hat, wie aufregend, jung und sexy er die Stadt finde. Die Illustrierte „Stern“ hat der Partyhauptstadt gerade eine zwanzigseitige Reportage gewidmet, deren Grundton das große Staunen darüber ist, dass in ihr tatsächlich der Regierende Bürgermeister, Sabine Christiansen, die Kanzlerin und die Gräfin Hardenberg auftreten - eine Reportage, die dauernd versucht, die Differenz zwischen Berlin und Pinneberg zu vermessen und gerade deshalb so kleinmaxlmäßig (wie das schöne Rainald-Goetz-Wort heißt) auf Berlin schaut. Und wer sich fragt, spielt das überhaupt eine Rolle, ob Sharon Stone jetzt kommt oder nicht, weil doch, außer den hundert Teenagern am roten Teppich, kaum einer sie woanders als im Fernsehen und auf Pressphotos zu sehen bekommt - wo die Dame aber andererseits immer zu sehen ist: Der gilt erstens als Spielverderber. Und bekommt zweitens zu hören: Nein, nein, die Stars gehen auch spazieren und ins Café.

Im Cafe gewesen, im Einstein, zum Mittagessen. Tom Tykwer kam herein und wurde von den Bewohnern der Berliner Republik mit angemessener Aufmerksamkeit wahrgenommen. In seiner Begleitung war eine junge Frau, im Parka und mit verschlafener Miene. Auf die hat keiner geachtet. Keiner kannte sie. Keiner nahm sie wahr. Es war die wahrscheinlich selbst in Berlin weltberühmte Hollywoodschauspielerin Natalie Portman.

Quelle: F.A.Z., 09.02.2007, Nr. 34 / Seite 38
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Jahrgang 1959, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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