13.02.2005 · Ein gewohnt umstrittener Eröffnungsfilm, eine Suche nach neuen Stars und viele moralische Geschichten. Die Berlinale und die Frage: Wie kommt Catherine Deneuve ins „Hotel Ruanda“?
Von Peter KörteEs ist kurz vor halb zehn, und auf einmal bekommt es diese künstliche kleine Kinowelt, die sich Berlinale nennt, an diesem Freitag abend mit der Realität zu tun.
Der Beauftragte von Amnesty International ist auf die flache, viel zu große Bühne im Ballsaal des Hotels „Adlon“ gestiegen. Er hat sich an das einsame Mikrophon gestellt, er hat an den Genozid in Ruanda erinnert, er hat von der Ohnmacht der Worte geredet und fast beschwörend die Wörter „motion pictures“ ausgesprochen und sie dann noch einmal sehr langsam wiederholt, während die Kellner weiter mit Tabletts durch den Saal gehen und überbackene Shrimps und Miniburger anbieten. Es geht um Bilder, die etwas in Bewegung setzen, es geht um das „motion picture“ „Hotel Ruanda“, das an diesem Abend Premiere hat.
„Oskar Schindler von Ruanda“
Der Hauptdarsteller Don Cheadle steht am Rand, er ist für einen Oscar nominiert, neben ihm steht der Regisseur Terry George. Der Beauftragte von Amnesty bittet Paul Rusesabagina auf die Bühne, den Mann, den sie den „Oskar Schindler von Ruanda“ nennen, weil er als Manager des Hotels „Milles Colline“ in Kigali nicht nur seine Familie, sondern mehr als tausend Tutsi vor den Hutu-Milizen rettete, indem er bestach, seine Kontakte nutzte, sich unterwürfig zeigte und unbeirrbar blieb. Rusesabagina, dessen Geschichte der Film erzählt, ist klein und unauffällig, er steht sehr gerade und streckt seinen Bauch heraus.
Er sagt ein paar Worte, dann bittet er seine Familie auf die Bühne, und es kommen nicht nur drei Kinder wie im Film, sondern acht, dazu zwei Schwiegersöhne und zwei Enkelkinder, die er alle einzeln vorstellt, und auf einmal ist es eine Familienfeier der Überlebenden. Die Gäste im Saal klatschen - aber irgendwie stehen wir alle ein bißchen da wie die Hotelgäste, die 1994 ausgeflogen wurden, wir stehen beschämt dabei; so wie die westliche Welt damals, als Hutus die Tutsis abschlachteten, und wir sind erleichtert, daß Rusesabagina jetzt in Brüssel lebt.
Trend zu Afrika ist Unsinn
Mitten auf der Berlinale ist die Berlinale plötzlich ganz weit weg, weil dieser Auftritt das Ritual der Pressekonferenzen, Foto Calls und roten Teppiche, der Autogrammjäger und Schaulustigen am Hintereingang des „Hyatt“-Hotels unterbricht. Das macht den Film nicht besser, aber es gibt ihm eine Wucht, die er auf der Leinwand nicht hat, weil er in aller gedämpften Drastik eben doch ein Stück Entertainment ist, weil man sich eben doch keine Bilder vom Völkermord machen kann, deretwegen elf Jahre später Menschen ins Kino kommen, die schon 1994 bei den Nachrichten kaum hinschauen mochten. Aber „Hotel Ruanda“ ist redlich, er erspart es einem, mal wieder mit einem weißen Idealisten leiden zu müssen, und er will vor allem nicht mehr sein, als er ist: eine Erinnerung und ein Appell, der auf der großen Leinwand viel kleiner wirkt als hier im Saal.
Es wird noch einen zweiten Film über den Völkermord in Ruanda geben im Wettbewerb, und weil die Berlinale am Donnerstag mit „Man to Man“ begann, reden einige schon vom Trend zu Afrika, was natürlich Unsinn ist. Man könnte eher darüber reden, ob es nicht besser gewesen wäre, mit „Hotel Ruanda“ zu eröffnen, als mit Regis Wargniers Historienschinken, der den Wahn der Wissenschaftler geißeln möchte, die Ende des 19. Jahrhunderts in zwei Pygmäen das Bindeglied zwischen Mensch und Affen zu finden hoffen, einem Film, der auch von der Läuterung eines Wissenschaftlers erzählen will und der vor allem möchte, daß das Ganze sehr dekorativ aussieht. „Man to Man“ hat niemandem so recht gefallen, aber keiner hat sich auch sonderlich erregt beim Eröffnungsempfang, weil es nun mal zu den ewigen Gesetzen der Berlinale gehört, daß alle auf dem Eröffnungsfilm herumhacken, was immerhin den Vorteil hat, daß es beim Empfang auch etwas zu reden gibt.
Immer wieder derselbe Satz
Nur Claudia Roth glitzerte vage, was an ihrem Oberteil lag, und sie sprach so aufgeregt und empört ins Mikrophon wie eine Dame, der man gerade auf offener Straße die Handtasche entrissen hatte. „Rassenwahn, Rassismus“, lauter schlimme Wörter hörte man die grüne Funktionärin atemlos hervorstoßen. Aber es war gar nichts passiert, sie war nur nach ihrer Meinung zum Film gefragt worden, wie überhaupt viele Kameras und viele junge Menschen mit Mikrophonen unterwegs waren, die sich in Gespräche drängten, die auf Hannelore Elsner, Nina Hoss, Heike Makatsch - die im übrigen das schönste schulterfreie Kleid des Abends trug - oder irgend jemanden zutraten, den sie zu erkennen glaubten. Sie stellten weder sich noch ihren Sender vor, sie sagten einfach nur wie die modernen Wegelagerer in der Fußgängerzone immer wieder denselben Satz auf: „Darf ich Sie nach Ihrer Meinung zu dem Film fragen?“
Meinungen hat natürlich jeder, man könnte von einer Meinungsinflation sprechen, wenn man mal die Zahl der Filme mit der Zahl der Anwesenden multiplizierte, aber das ist eine zu schwierige Rechenaufgabe. Man kapituliert vor ihr, wie vor dem diesjährigen Festivallogo, das nur auf den ersten Blick ganz harmlos erscheint. Da ist ein blauer Kreis mit einem kleinen weißen Bären in der Mitte, da sind Variationen mit gelben Flächen, die dunkel an Mengenlehre in der Schule erinnern; vielleicht handelt es sich aber auch um einen heimlichen Intelligenztest, der einen auffordert, die logisch folgerichtige Figur zu ergänzen. Ich habe aber bislang noch niemanden getroffen, der eine Antwort gewußt hätte.
Das Mineralwasser prickelt nur gelegentlich
Auch die jüngeren Kritiker wissen es nicht, die im Untergeschoß des Festivalpalasts auf dem Boden sitzen. Wie um einen Totempfahl hocken sie um ein Schild, auf dem“"Wireless Lan Poin“" steht. Sie haben Laptops auf dem Schoß, und wenn sie nicht schreiben, greifen sie zu kleinen Plastikflaschen eines Sponsors und trinken kostenlosen und farblosen Sprudel mit Marille-Ingwer- oder Ananas-Grapefruit-Aloe-vera- oder Kaktusfeigen-Birne-Geschmack, und diese Mischungen klingen fast so abenteuerlich wie die Kombinationen der verschiedenen Filme, die man sich innerhalb eines Tages anschauen kann. Manchmal kommt aber auch nur etwas heraus wie Mineralwasser, das gelegentlich prickelt. „Thumbsucker“ zum Beispiel. Mike Mills' Film hat nichts mit dem Struwwelpeter zu tun, auch wenn der 17jährige Held noch immer am Daumen lutscht. Es ist eine Coming-of-Age-Geschichte aus der amerikanischen Provinz, in der Tilda Swinton, Vincent D'Onofrio und Keanu Reeves mitspielen, es ist die Geschichte einer Familie, die langsam in die Dysfunktionalität rutscht und irgendwie wieder herauskommt. Mills' leicht überzeichnete Alltagsansichten entwickeln eine absurde Komik, wo andere düstere Zerfallsszenarien abrollen lassen. Doch dem Film fehlt eine gewisse Schärfe, und instinktiv dreht er sich immer dann weg, wenn ein Konflikt sich zuspitzen müßte. So verhält sich der Regisseur genau wie die Familie im Film - und bleibt damit dann leider doch unter seinen Möglichkeiten.
Der Star und die Stars
Für einen Dokumentarfilm ist es womöglich leichter, den unbequemeren Weg zu gehen. In der Sektion Panorama lief „Horst Buchholz ... Mein Papa“. Buchholz' Sohn Christopher hat ihn zusammen mit Sandra Hacker gedreht - als Suche nach dem Vater, der zu allen unbequemen Fragen schwieg. Die Intimität des Films ist mitunter beklemmend, wenn etwa Buchholz' Ehefrau Myriam Bru in die Kamera sagt: „Ich spreche nur, weil du mein Sohn bist.“ Aber es ist keine der üblichen Befragungen von Prominenten und Zeitzeugen. Es sprechen nur Horst Buchholz und seine Familie. Mutter und Sohn reden offen, aber diskret über die Homosexualität des 2003 Verstorbenen und über seine Selbstzerstörung - und tun nie so, als ob sie eine Antwort hätten.
Zugleich entsteht aus den Fragen des Sohnes ein Bild des Schauspielers, und man kann den Film daher auch als einen Kommentar zu dem Thema lesen, über das in diesen Berlinale-Tagen alle reden: Über Stars - als wäre der Begriff nicht durch sämtliche Superstarsuchen so konvertibel wie die alte D-Mark. „European Shooting Stars“ werden gekürt, und kleinere Propheten verkünden, daß Julia Jentsch nach „Die fetten Jahre sind vorbei“ und „Sophie Scholl - Die letzten Tage“ (der heute im Wettbewerb läuft) schon ein deutscher Star sei. „Eine tolle Schauspielerin“, erregte sich der deutsche Regisseur beim Eröffnungsempfang, „aber mit diesem Gequatsche machst du sie doch nur kaputt, nicht nur die Julia.“ Horst Buchholz dagegen war einfach ein Weltstar, der Angebote von Visconti und Kazan ablehnte, weil ihm etwas nicht paßte, und die Dokumentation macht das mit ihren Filmausschnitten und den Anekdoten so klar, gerade weil sie es nicht darauf anlegt.
Mein Wohnzimmer
Wie eine Erinnerung aus dieser Kinowelt der sechziger Jahre, in der auch Horst Buchholz lebte und die sie überlebt hat, schaute einen Catherine Deneuve von der Leinwand an, und Andre Techines „Les temps qui changent“ ist einzig und allein ihr Film, auch wenn ein unheimlich massiger Gerard Depardieu den Mann spielt, der seine erste Liebe dreißig Jahre lang nicht vergessen hat und nun nach Tanger kommt, um sie wiederzugewinnen. Noch eine Familiengeschichte: Ein Mann und eine Frau, ihr Ehemann, beider Sohn, dessen Freundin und sein Geliebter. Alle Charaktere haben etwas Unruhiges, fast Gehetztes, und der Film ist entsprechend hart montiert, er ist so laut wie Tanger, voller abrupter Schwenks, die jede Sentimentalität von vornherein ersticken. Und gerade in dieser Ruppigkeit, mit der sich auch Catherine Deneuve durch diesen bislang schönsten Film des Festivals bewegt, wird der Schmerz angesichts der alten Träume, des Älterwerdens und der verpaßten Möglichkeiten mit aller Schärfe spürbar.
Es ist kurz nach zehn an diesem Freitag abend, der Ballsaal im „Adlon“ ist leer, Paul Rusesabagina muß seine Familie über den roten Teppich in den Festivalpalast geleiten, und über der Hotelhalle liegt das gedämpfte Summen vieler Stimmen. Während man sich dem Ausgang nähert, kommt durch die Drehtür eine Dame mit einer sehr großen, sehr dunklen Brille und einem Pelzmantel, der jeden ordentlichen Tierschützer alarmieren könnte. Sie trägt braune Wildlederstiefel, sie hat dunkelblonde, hochgesteckte Haare und kein Gepäck, und ihr Gang läßt alle instinktiv beiseite treten, bis auf den jungen Mann im grauen Anzug, der mit leicht geneigtem Kopf auf sie zukommt und sie in leidlichem Französisch begrüßt. Sie erwidert die Begrüßung knapp, schaut kurz in die Runde, als wohnte sie hier und sei ein wenig indigniert über die vielen Menschen in ihrem großen Wohnzimmer. Dann läßt sich Catherine Deneuve zum Fahrstuhl begleiten und ist verschwunden.
Peter Körte Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
Jüngste Beiträge