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Wettbewerb der Berlinale : Unter Kindersoldaten: „Rebelle"

Lehrjahre der Gewalt: „Rebelle“ verfolgt die Initiation einer Kindersoldatin Bild: dpa

Aufrüttelnde Gewaltstudie ohne eigenen Blick: Der Dschungelfilm „Rebelle“ verhebt sich an seinem Thema und bringt die Auswahlkriterien des Festivals auf den Punkt.

          Schon wieder sind wir im Wald. Nicht im Kiefernhain der DDR (wie in Christian Petzolds „Barbara“), im Regenwald auf den Philippinen (wie in Brillante Mendozas „Captive“) oder in den Wäldern des Siebengebirges (wie in Hans-Christian Schmids „Was bleibt“). Sondern im afrikanischen Dschungel. Hier geht die Kindersoldatin Komona mit ihrer Guerrilla-Einheit auf Patrouille, und als sie in einen gegnerischen Hinterhalt gerät, sieht sie die Geister ihrer toten Eltern und der anderen ermordeten Dorfbewohner am Wegrand und in den Bäumen sitzen. Sie warnen sie, sie retten Komonas Leben, aber sie verlangen eine Gegenleistung. Komona soll in ihr Heimatdorf zurückkehren und ihre Eltern ordentlich begraben. Auf dem Weg dorthin lernt sie das Schießen und Töten und die Wahrsagerei, heiratet, sieht ihren Mann vor ihren Augen sterben und gebiert ein Kind. Als sie das Dorf erreicht, findet sie keine Leichen mehr. Geblieben sind ein Kamm, ein paar Kleider, eine Handvoll Staub.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          „Rebelle“, ein im Kongo gedrehter Film des kanadischen Regiseurs Kim Nguyen, lief als letzter Bewerber um den Goldenen Bären im Wettbewerb, und er brachte noch einmal viele Charakteristika der diesjährigen Festivalauswahl - und der Berlinale in der Ära Kosslick überhaupt - auf den Punkt. „Rebelle“ ist ein Themenfilm, ein Blick in die Gewaltverhältnisse der Welt, aufrüttelnd, rührend, intensiv. Aber er schlägt keine neue Seite im Kino auf. Die Schießereien wirken, wie die Gefechte in „Captive“, unmotiviert und beliebig, die Geschichte hätte auch andere Wendungen nehmen können. Das Kino ist ein Suchscheinwerfer in solchen Filmen, ein Licht, das durch die Finsternis irrt und da und dort ein Stück Wirklichkeit erhellt. Doch es gibt auch Filme, die in ganz anderer, umfassenderer Weise Licht machen. In Berlin sind sie selten.

          Immerhin versteht man nach „Rebelle“ besser, woher der geradezu körperliche Widerwille rührt, den man gegen Doris Dörries neues Werk „Glück“ empfindet. Denn Dörrie hat diese zarte Liebesgeschichte zwischen einem jungen Herumtreiber und einer im Bürgerkrieg traumatisierten Bosnierin, die in Berlin als Prostituierte arbeitet, wie eine Reportage über die Dschungelguerrilla inszeniert. Ihre Handkamera hetzt neben ihren Darstellern Alba Rohrwacher und Vinzenz Kiefer über die Straßen von Charlottenburg, als flögen gleich von überall her die Granaten, und wenn die beiden am Tisch sitzen und Honigbrötchen schmausen, schwenkt sie schmachtend hin und her. Dieser Film ist seinem Thema auf tragische Weise unangemessen. Das ist sein Unglück. Und das seiner Zuschauer.

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