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Berlinale-Wettbewerb : Erzählungen vom Kältepol des Lebens

Eine Katastrophe jagt im chinesischen Film „White Deer Plain“ die nächste: Hier flehen die Dorfbewohner Regen herbei Bild: Festival

Mit dänischen Hoftragödien, chinesischen Dorfepen, einer deutschen Familiengeschichte in Nordnorwegen und bestürzenden Bildern aus Ungarn geht der Wettbewerb der Berlinale seinem Ende zu.

          Gnade. Darauf hoffen sie alle, der Arzt, der seinen Patienten, den König, betrogen und die Königin geschwängert hat, die Dorfältesten in der chinesischen Provinz, die sich mal auf die Seite der Kuomintang, mal auf die der Kommunisten schlagen, um ihre Haut zu retten, das deutsche Paar in Hammerfest, das ein junges Mädchen auf dem Gewissen hat. Aber Pardon wird nicht gegeben im Kino, hier gilt das Gesetz von Aktion und Reaktion, Druck und Gegendruck. Es sei denn, ein Wunder geschieht. Aber damit sind wir im Reich der Spekulation, des Märchenhaften und Numinosen, bei dem also, was das große Kino kann und das kleine nur behauptet.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Am 28. April 1772 wurde der deutsche Medicus Johann Friedrich Struensee in Kopenhagen wegen Hochverrats hingerichtet. Struensee hatte als Leibarzt des dänischen Monarchen Christian VII. versucht, aus Dänemark einen Staat nach den Prinzipien der Aufklärung zu machen. Sein Sturz wurde durch den Umstand beschleunigt, dass die junge Königin seine Geliebte war. Der dänische Regisseur Nikolaj Arcel hat aus diesem Stoff einen Kostümfilm gemacht, der den Stoff gerade dadurch verrät, dass er wie ein gewöhnlicher Kostümfilm daherkommt.

          Am Ende müssen die Japaner kommen

          Man sieht Kutschen, Kerzen, Kommoden und Perücken, Umarmungen unter Baldachinen, schmutzige Straßen und sauberes Parkett. Was man nicht sieht, ist, dass es hier um ein Menschheitsexperiment geht, eine Operation am offenen Herzen des Absolutismus. Statt dessen versucht Arcel einen vage emanzipatorischen Akzent zu setzen, indem er die Geschichte aus der Perspektive der Königin (Alicia Vikander) erzählt. Aber mehr als zartbitterer Kitsch springt dabei nicht heraus. Mads Mikkelsen als Struensee blickt ständig wie vom Donner gerührt, und der Film tut es ihm gleich. Vor zwölf Jahren hat Per Olov Enquist mit „Der Besuch des Leibarztes“ einen grandiosen historischen Roman über Struensee geschrieben. Wer sich für den Fall interessiert, muss nach wie vor zum Buch greifen.

          Man sieht Kutschen, Kerzen, Kommoden und Perücken in Nikolaj Arcels „Die Königin und der Leibarzt“. Mehr als zartbitterer Kitsch springt dabei nicht heraus Bilderstrecke

          Am Ende eines Festivals, nach Tagen des Schlafmangels und der filmischen Überfütterung, mehren sich die kognitiven Ausfälle, Tagträume und Halluzinationen. War Wang Quan’ans Film „Bai Lu Yuan“ (White Deer Plain) wirklich nach drei Stunden zu Ende, oder wurde die Leinwand nur vor Erschöpfung schwarz? Dabei hatte der Film großartig begonnen, mit einem Dorf zwischen Weizenfeldern, das den Übergang vom Kaiserreich zur Republik erlebt, und zwei Jugendfreunden, die den Wandel vom traditionellen zum selbstbestimmten Leben erproben, mit einer Geschichte also, die für China und seinen Weg in die Moderne ebenso beispielhaft hätte stehen können wie Bertoluccis „Neunzehnhundert“ für Italien.

          Aber dann verheddert sich Wangs Regie in den vielen Ereignissen und Lebensläufen, die sie gleichzeitig im Blick behalten will, und am Ende müssen die Japaner kommen, um durch ihr Zerstörungswerk jene Klarheit wiederherzustellen, die dem Film verlorengegangen ist. Eine Frau (Zhang Yuqi), die zwischen den beiden Freunden steht, hält die Fäden der Erzählung zusammen; als sie stirbt, zerfällt das epische Puzzle endgültig in seine Einzelteile. Man blickt dem Film nach, wie Lutz Reitemeiers Kamera einmal den Eisschollen auf einem Fluss nachschaut: Da schwimmt vieles, was man gern gesehen hat, aber ein Bild wird nicht daraus.

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