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Berlinale Warum wir Filmfestivals brauchen

In einer Welt der Hektik und Beschleunigung strahlt die Berlinale Ruhe und Souveränität aus. Sie liefert verschiedene Blickwinkel auf neue und alte Themen - das macht das Prinzip Festival so wertvoll.

© dpa Vergrößern Der nötige Abstand, um zu erkennen, was war: Szene aus Christian Petzolds Film „Barbara“

Was treibt die Besucher in solchen Scharen zur Berlinale? Besucher, die während des Rests des Jahres keineswegs die Kinos stürmen, und die alles, was sie wollen, legal oder illegal, sofort oder in wenigen Wochen im Netz, manchmal auch auf DVD, sehen könnten, und zwar genau da, wo auch immer sie gerade sind, auf ihrem Smartphone, iPad, Laptop? Aber die Leute stehen stundenlang um Vorverkaufskarten an, machen sich später zur Vorstellung abermals auf den Weg, nach draußen in die Kälte und wieder nach drinnen in die überfüllten Säle, um Filme zu sehen, von denen sie in der Regel zuvor noch nie etwas gehört haben. Rund dreihunderttausend Eintrittskarten wurden für Kinovorstellungen von annähernd vierhundert Filmen im Programm der Berlinale verkauft, ein neuer Rekord liegt in der Luft. Um diese Karten rissen sich Menschen, die nicht wissen konnten, dass die Filme diesmal besser sein würden als in den vergangenen Jahren. Sie wussten nur: Es ist eisig kalt, und die Schlangen sind lang. Sie kamen trotzdem.

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In diesem Jahr war zum ersten Mal zu spüren, dass es möglicherweise dabei doch noch um etwas anderes geht als darum, bei einem kulturellen Großereignis, wie es die Berlinale ist, dabei zu sein oder Stars von nahem zu sehen. Früher, als die Berlinale auch schon vierhundert, manchmal auch fünfhundert Filme zeigte, schien das eine unübersehbare Masse, eine Zumutung und Überforderung, und die Leitung wurde heftig kritisiert dafür. Heute nicht mehr. Heute sind vierhundert Filme nur eine kleine Auswahl aus dem endlosen Bilderstrom, der sich täglich über uns ergießt. Und es ist eine Auswahl, die mit einiger Autorität daher kommt - was nicht heißt, man könne nicht immer wieder über sie streiten.

Berlinale 2012 - Looking for a ticket..  © dpa Vergrößern Das Publikum nimmt das Angebot dankend an: ein Berlinale-Besucher auf der Jagd nach Tickets

Aber was wird alles nicht gezeigt! Durch welchen Müll muss sich niemand mehr wühlen, der das Festival besucht! Für das Publikum ist das Aussortieren, das die Auswahlgremien betreiben, das Einordnen in Reihen, das thematische Zusammenstellen eine unschätzbare Orientierungshilfe im unendlichen Reich audiovisueller Hervorbringungen. Denn hier haben Fachleute mit einem gewissen Überblick aus all dem letztlich für jedermann Verfügbaren Filme herausgefischt, die sie als wichtig erachten, und das Publikum nimmt ihre Auswahl offenbar dankend an. Warum die Zuschauer während der Berlinale alles sehen wollen, im regulären Kinoprogramm aber möglicherweise nicht einmal den Siegerfilm, gehört zu den Rätseln, die bisher noch keine Marktstudie gelöst hat.

Das hohe Gut der Langsamkeit

Es heißt ja immer, als Ereignis inmitten einer Großstadt sei gerade die Berlinale besonders hektisch und nervenaufreibend. Das Gegenteil ist der Fall. Die besten Filme im Programm in diesem Jahr machten das noch einmal deutlich: Es findet während des Festivals eine Verlangsamung statt. So wird gerade von diesem Festival, das als das politischste der drei großen neben Cannes und Venedig gilt, erwartet, aufs Zeitgeschehen unmittelbar zu reagieren. Was dann gezeigt wird, zum Arabischen Frühling, zum Rechtsradikalismus, zum Flüchtlingselend, Klimaschutz oder Fukushima, mag jeweils für sich genommen - anders kann das in diesem kurzen zeitlichen Abstand zu den Ereignissen gar nicht sein - nicht mehr sein als ein journalistischer Zugriff, und nicht unbedingt ein guter Film. Doch Themen, die in den Medien einander jagen und Konkurrenz machen, bis sie den neuesten Nachrichten weichen müssen, aber von immenser Bedeutung für jeden einzelnen bleiben, begegnet man auf der Berlinale wieder - und zwar nicht nur in einem Film, sondern in mehreren, aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Es wird diskutiert, reflektiert, und so gibt es auch hier ein retardierendes Moment innerhalb des Festivals, das für die Besucher attraktiv ist.

People are seen outside a ticket office, waiting to buy tickets for the upcoming 62nd Berlinale International Film Festival in Berlin © REUTERS Vergrößern Die Besucher kamen trotz Kälte und langen Schlangen: es geht um mehr als nur darum, bei einem kulturellen Großereignis dabeizusein

Die Langsamkeit ist ein hohes Gut geworden, das gilt für den Umgang mit den aktuellen oder kürzlich noch aktuellen Geschehnissen, es gilt auch für die Geschichten, die wir uns darüber erzählen. Deshalb ist es nicht überraschend, dass ein Film wie Christian Petzolds „Barbara“ so großes Interesse weckt, auch bei Verleihern aus anderen Ländern. Wir brauchen Abstand, um zu erkennen, was war. Vielleicht ist heute erst der Zeitpunkt gekommen, um eine im ästhetischen Sinn wahre Geschichte über eine Frau aus der DDR im Jahr 1980 erzählen zu können, die ausreisen will und dann doch bleibt, und uns die Gründe für beides vor Augen zu führen.

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In vielen Filmen in diesem Jahr war es still. Der Wind wehte durchs Buschwerk, ein Elefant schrie, eine unverkabelte Band spielte Schnulzen, und eine Familie sang ein Lied von Charles Aznavour. Eine Nonne und ein Mönch murmelten Gebete. Gemütlich war es trotzdem nicht. Aber es schien, als verweigerten sich die Filme, die Besucher und das Festival für zwölf Tage der steten Beschleunigung in allen Lebensbereichen und suchten stattdessen in der Ruhe, manchmal der Poesie, manchmal dem Witz oder auch der Kühle nach einem Grund, auf dem sie stehen können. Nach Erkenntnis vielleicht, nach Innehalten. Was nicht heißt, dass übermorgen nicht wieder Getöse, Tumult und Rasanz gefragt sein werden.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 17.02.2012, 06:20 Uhr