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Berlinale-Filme : Des Meeres und der Triebe Wellen

Malgoska Szumowska wollte in ihrem Film „Elles“ wohl zugleich das Schöne, das Hässliche und das Wichtige: Szene mit Juliette Binoche Bild: Berlinale

„Elle“ von Malgoska Szumowska und „Formentera“ von Ann-Kristin Reyels: Frauen- und Paargeschichten eröffnen die Berlinale-Reihen „Panorama Special“ und Internationales Forum.

          Mit schönen Frauen schöne Dinge tun, das taugt immer noch ganz gut als Definition fürs Kino - für eine bestimmte Sorte Kino. Man kann ja auch hässliche Dinge tun, mit Männern, mit Frauen, oder bedeutende, gesellschaftlich wichtige Dinge oder Dinge, die nur dazu da sind, einen Regisseurs- oder Schauspielernamen ins Gespräch zu bringen. Aber die Versuchung des Schönen ist immer da, sie bildet den Hintergrund noch der hässlichsten Geschichten.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Polin Malgoska Szumowska wollte in ihrem Film „Elles“, der schon in Cannes in einer Sondersektion lief und nun zur Eröffnung der Reihe Panorama Special gezeigt wird, offenbar alles zugleich tun, das Schöne, das Hässliche und das Wichtige. „Elles“ (deutscher Verleihtitel: „Ein besseres Leben“) erzählt von einer Pariser Journalistin (Juliette Binoche), die an einer Reportage über zwei Pariser Studentinnen schreibt, welche ihren Lebensunterhalt als Prostituierte verdienen. Der Film ist ein Puzzle aus Vor- und Rückblenden, deren Ordnung nicht immer ganz logisch, deren Moral aber eindeutig ist. Denn die Studentinnen erleben bei ihren Kunden im Fortgang der Geschichte immer schlimmere Dinge, besonders Charlotte (Anaïs Demoustier) wird von einer Nutznießerin zum Opfer ihres Gewerbes. Alicja (Joanna Kulig) dagegen trinkt mit der Reporterin die Minibar ihres Hotelzimmers leer und genießt ihre erotische Überlegenheit. Im nächsten Bild freilich sieht man, dass sie damit nur ihre eigene Familientragödie verdrängt, das Drama eines polnischen Mädchens im Mahlstrom der französischen Metropole. „Eine Welt ohne Mitleid“ hieß ein Paris-Film aus den späten achtziger Jahren; seither hat sich wenig geändert.

          Nachdem die Journalistin Anne von ihrer Recherche in ihr gutbürgerliches Appartement zurückgekehrt ist, sieht sie sich während eines öden Abendessens mit den Freiern der beiden Studentinnen am Tisch sitzen. Das ist das Schlüsselbild dieses Films: die Phantasie einer emanzipierten, sexuell frustrierten Intellektuellen vom gefährlichen Leben. Und es ist zugleich ein künstliches, ausgedachtes Bild, denn Anne hat die Männer, von denen sie träumt, nie gesehen. In diesem Zwischenbereich zwischen abstraktem und sinnlichem Kino verirrt sich der Film. Er will stets schlauer sein als die Figuren, die er zeigt; dabei müsste er nur genauer hinschauen, um in dem Spiel seiner Schauspielerinnen - neben Juliette Binoche, die wie immer großartig ist, vor allem die hinreißende Anaïs Demoustier - all das zu entdecken, was er erzählen möchte. So bleibt es bei einem Schlüssellochblick in die Ökonomie des Begehrens, der am Ende doch sehr brav wirkt.

          Eine blaue, warme Stunde im kalten Berlin

          Die stummen Zweifel, die sich in „Elles“ im Gesicht von Juliette Binoche spiegeln, kann man auch ausformulieren. „Wo ist die Leichtigkeit der vergangenen Jahre hin? Warum fühlt man sich so unfrei? Was ist man für eine Mutter, was für ein Vater?“ Die deutsche Regisseurin Ann-Kristin Reyels, die da spricht, hat viele kluge Fragen an ihre Figuren. Das Problem ihres Films „Formentera“, der im Internationalen Forum läuft, besteht darin, dass er diese Fragen nicht konsequent durchspielt. Er zeigt ein junges Paar, Nina (Sabine Timoteo) und Ben (Thure Lindhardt), das auf einer Baleareninsel Urlaub vom Berliner Kleinfamilienalltag macht. Die auf Formentera lebenden Eltern Bens und deren Freunde, allesamt gestandene Altachtundsechziger, setzen den einen erzählerischen Kontrapunkt, die Aussteigerin Christine (Tatja Seibt), die Ben schöne Augen macht, den anderen. Nach einer Strandparty springt sie ins Wasser, um die Meerenge zwischen Formentera und Ibiza zu durchschwimmen, und Nina springt hinterher. Die eine kommt an, die andere nicht.

          Thure Linhardt und Sabine Timoteo in „Formentera“: scheiternde Liebe zwischen erzählerischen Kontrapunkten
          Thure Linhardt und Sabine Timoteo in „Formentera“: scheiternde Liebe zwischen erzählerischen Kontrapunkten : Bild: Berlinale

          Mit dem Warten auf ihre Wiederkehr vergeht die zweite Hälfte des Films, so wie die erste mit Terrassengesprächen, Sonnenbädern, Motorradfahrten und balearischem Torfrock vergangen ist. Wenn man boshaft wäre, müsste man sagen, dass „Formentera“ das, was Maren Ades „Alle anderen“ vor zwei Jahren als Konzentrat einer scheiternden Liebe zeigte, in die Breite zieht. Aber so hart möchte man gar nicht sein, denn „Formentera“ ist im winterkalten Berlin alles andere als eine Zumutung. Der Himmel ist blau, die Farben warm, die Frauen schön. Und Sabine Timoteo krault durch die Wellen des Mittelmeers, dass es eine Pracht ist. Man müsste überhaupt viel mehr schwimmen. Doch dazu ist jetzt keine Zeit.

          Quelle: F.A.Z.

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