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Berlinale-Eröffnungsfilm : Die Revolution beginnt mit einem Mückenstich

Ein letzter Blick aus der Zofenperspektive auf den König: Sidonie (Léa Seydoux, links) mit einer Freundin in „Les Adieux A La Reine“ von Benoit Jacquot Bild: dpa

Vielversprechend: Zur Eröffnung der Berlinale gibt es im Wettbewerb einen Kostümfilm von Benoït Jacquot, der durch neue Perspektiven auf die letzten Tage Marie Antoinettes fasziniert.

          Jedes Jahr, wenn die Berlinale beginnt, geht es wieder ums Ganze. Wird das Festival mit den letzten Ausgaben von Cannes und Venedig mithalten können? Welcher Zukunft geht der deutsche Film entgegen? Wird das Wettbewerbsprogramm besser sein als im letzten Jahr, dem Jahr davor? Kommen die Stars, die wir sehen wollen? Werden die Filme und die zahlreichen Diskussionsveranstaltungen den Krisen in der Welt gerecht werden, den Revolutionen in der arabischen Welt, dem Erstarken des Rechtsradikalismus, dem Flüchtlingselend, den Gefahren für Europa angesichts drohender Länderpleiten? Wie viele Frauen sind da? Wo bleiben die Amerikaner? Was sagt die Berlinale zu den Bilderfluten jenseits des Kinos? Hat das Kino überhaupt eine Chance, ist die Jury kompetent, wie wird das Wetter?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Man kann dem Festival nicht vorwerfen, es bemühe sich nicht redlich, die meisten dieser Fragen in seinem Programm widerzuspiegeln. Selbstverständlich wird es einen Schwerpunkt Arabische Rebellionen geben, selbstverständlich bietet es dem deutschen Film ein großes Schaufenster, allein drei deutsche Filme laufen im Wettbewerb. Natürlich gibt es filmische Auseinandersetzungen mit dem Rechtsradikalismus in verschiedenen Ländern, Podien, auf denen die Digitalisierung und ihre Auswirkungen aufs filmische Erzählen und vieles mehr beredet werden. Die Amerikaner sind ebenfalls da, wenn auch kaum im Wettbewerb und selten aus Hollywood; und auf die Jury unter Mike Leigh mit Charlotte Gainsbourg, Barbara Sukowa, Boualem Sansal, Jake Gyllenhaal, François Ozon, Anton Corbjin und Asghar Farhadi wäre auch Cannes stolz.

          Mit Risiko aufs Ganze gehen

          Der Wettbewerb sieht auf dem Papier interessant aus, weil er Überraschungen verspricht - mit Filmemachern wie Edwin aus Indonesien, dem in letzter Zeit häufiger in Cannes anzutreffenden Brillante Mendoza von den Philippinen, dem Portugiesen Miguel Gomes; das sind keine Regisseure, die aus dem Nichts kommen, deren Einladung in den Wettbewerb aber vielleicht mit dem verzweifelten Ruf der letzten Jahre nach mehr Risiko und weniger abgehangener Durchschnittsware von etablierten Mittelmaßmeistern zu tun hat.

          Der Schein trügt: hinter der prächtigen Aufmachung der Versailler steckt Schmutz, Ignoranz und Liederlichkeit

          Und es gab auch schon Proteste. Ausgerechnet zwei Deutsche haben sich beschwert, Anfang der Woche bereits Doris Dörrie, die in einem Interview angesichts des Berlinale-Programms die „Ablösung des Festivalfilms vom Publikumsfilm“ beklagte (und mit Letzterem sicher ihren neuen Film „Glück“ meinte, der außerhalb des Wettbewerbs läuft). Umgekehrt ärgerte sich Klaus Lemke, dass sein „Berlin für Helden“ hier gar nicht gezeigt wird, und kündigte Proteste am roten Teppich an. Wie gesagt, es geht ums Ganze.

          Die letzten Tage der bonbonlutschenden Regentin

          Den Eröffnungsfilm hat Benoït Jacquot gedreht, er heißt „Les adieux à la reine“, und Diane Kruger spielt Marie Antoinette. Das mag man für vielversprechend halten oder auch nicht, aber dass der Film, anders als die Eröffnungsfilme häufig, nicht außer Konkurrenz läuft, spricht für ein gewisses Selbstbewusstsein, auf Seiten des Filmemachers und seiner Produzenten wie auf Seiten des Festivals. Mit einigem Recht, wie sich herausstellte, denn die Idee, von der Französischen Revolution aus der Perspektive der Vorleserin der Königin zu erzählen, ist tragfähig genug für ein Kostümdrama, in dem die Leute dreckiger sind, als wir das vom Hof in Versailles im Kino gewohnt sind.

          Perspektivenwechsel: Marie Antoinette (Diane Kruger) schmachtet nach Gabrielle de Polignac (Virginie Ledoyen)

          „Lebewohl, meine Königin“ spielt in den Tagen vom 14. bis 17.Juli 1789 und beginnt mit einem Schnakenstich. Es ist heiß, die Luft in der Kammer von Sidonie (Léa Seydoux, die eigentliche Hauptfigur) steht sichtbar stickig zwischen den grauen Wänden. Der Mückenstich weckt Sidonie auf - am Tag des Sturms auf die Bastille. Was in Paris geschieht, hören die Dienstboten erst in der Nacht, es gibt Gerüchte, aber sie haben kaum mehr Gewicht als die Klatschgeschichten über erotische Abenteuer der Schlossbewohner, hoch- oder niedriggestellt. Die Königin lutscht Bonbons, lässt sich „Felice“ vorlesen, dann ein Modebulletin, sie ist formvollendet höflich zur einen, aufgekratzt zur anderen, behandelt Sidonie mal wie eine Freundin, mal wie den letzten Dreck.

          Überzeugende Darstellung eines unbewussten Widerspruchs

          Dass sich niemand wäscht in Versailles, dass die toten Ratten in der Küche liegen und den Teich füllen, dass die Pfaffen den Zofen an die Wäsche gehen und die Hofdamen ihre Liebhaber öfter wechseln als das Hemd und dass ein alter Archivar alles aufschreibt, bevor er zur Flasche greift - mehr lässt sich aus der gewählten Perspektive wohl nicht erzählen. Schade, dass Jacquot sie im zweiten Teil eine Weile aufgibt, um Marie Antoinette nach Gabrielle de Polignac (Virginie Ledoyen) schmachten zu lassen und ihr bei ihrem letzten Auftritt im Hof in die Arme zu fallen.

          Sidonie ist ihrer Königin in Liebe ergeben. Und sie gehört zum Volk, das sich erhebt. Das ist die Konstellation, aus der die innere Spannung erwächst, und Léa Seydoux spielt das überzeugend, weil sie zeigt, dass ihrer Figur dieser Widerspruch gar nicht bewusst wird. Dass Jacquot ihr lange dicht auf den Fersen bleibt, dass die Kamera ihr im Nacken sitzt, die Räume eng werden, bevor sich lange dunkle Gänge öffnen, die zu den Gemächern der Königin führen, das sind die Brüche im Kostümdrama, die der Regisseur aufreißt. Ein guter Anfang.

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