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Im Gespräch: Hanna Schygulla : Was machen Sie als Erstes in Berlin?

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Hanna Schygulla wie Burkhard Neie sie sieht Bild: Burkhard Neie

Abgerundet sei eher ihre körperliche Erscheinung als ihr Leben, sagt die Schauspielerin Hanna Schygulla im F.A.Z.-Gespräch. Für die Zukunft wünscht sie sich mehr gute Rollen, zum Beispiel liebende, geheimnisvolle Omas. Auf der 60. Berlinale erhält sie den Ehrenpreis.

          Eine stille Straße im Pariser Marais-Viertel. Oben auf der geschwungenen Treppe im Haus antwortet Hanna Schygulla auf Spanisch. Trotz trübem Winternachmittag will sie das Licht nicht anmachen: Sie liebt die Dämmerstunde.

          Haben Sie da hinten eine Abstellkammer für Trophäen wie den Ehrenbären, den Sie auf der Berlinale bekommen werden?

          Die brauche ich nicht. Solche Dinge wandern entweder in die Cinémathèque oder in die Berliner Akademie der Künste. Dort habe ich inzwischen ein Archiv. Nach dem Tod meines Vaters sind die ersten Kisten dorthin gelangt, und seither kommt stetig etwas dazu.

          Ehrungen für ein Lebenswerk bestätigen immer auch, dass etwas abgerundet ist. Gibt es trotzdem noch Unentdecktes an Ihnen?

          Aber sicher. Abgerundet ist bei mir eher die körperliche Erscheinung. Der Rest entwickelt sich weiter, in wachsenden Ringen, um mit Rilke zu sprechen. Da kommt noch manches, hoffe ich zumindest.

          Haben Sie eine Vorstellung davon?

          Mit fünfzig wechselte ich vom Sprechen zum Singen auf der Bühne. Dann kamen Kurzfilmversuche, zunächst mit einem Material, das noch auf Fassbinder zurückging: ein Projekt über einen schizophrenen Schub der Künstlerin Unica Zürn, die in den fünfziger Jahren mit Hans Bellmer in Paris lebte und, Jahrzehnte voraus, schon mit der wiedervereinigten Stadt Berlin schwanger ging. Später kam die Arbeit mit einem kaum bekannten Text von Gombrowicz übers Älterwerden. Vor zwei Jahren habe ich mir nun eine eigene Kamera gekauft und ein Porträt meiner langjährigen Weggefährtin Alicia Bustamante aus Kuba gedreht, der Frau, die mir als Regisseurin bei den Soloauftritten half und nun bei mir hier im Haus wohnt. An der Berlinale wird dieses Filmporträt im Sonderprogramm gezeigt.

          Kehren wir zu den Anfängen zurück, ins München der späten sechziger Jahre. Martin Sperr, Schlöndorff, natürlich Fassbinder waren da. Stoffe von Brecht und der Fleischer wurden bearbeitet. Theater, Kino, Literatur, Antitheater gingen ineinander über: Stand Ihre künstlerische Sozialisierung im Zeichen der Kultur oder der Gegenkultur?

          Gibt es denn Kultur ohne Gegenkultur? Das ist doch die Hefe. Und wir haben mit der Hefe angefangen. Alles war damals „anti“. Wir waren die Nachkriegsgeneration mit dem besonderen Unbehagen in der Kultur. Selbst Heimatfilme wurden kritisch gemacht, und antike Stoffe gerieten zur Travestie. Leit- und Leuchtbilder gab es für uns nur negativ. Mit sehr viel Schönheit im Ausleuchten wurden Negative hergestellt, wie in der Fotografie. Man sprach von Liebe und zeigte Lieblosigkeit, von Brüderlichkeit via Ausbeutung, von Freiheit via Versklavung.

          Dialektik nannte man das. Mehr als nach Russland oder China haben Sie aber doch wohl nach Amerika geschaut?

          Gewiss, aber auch da auf die Gegenkultur – Marcuse, Dylan, Janis Joplin, Hendrix, Pink Floyd. Gleichzeitig schauten wir auf England und seine neue Musik und dann doch auch auf Asien, von dem wir glaubten, es wäre schon einen Schritt weiter und hätte das Grundübel des Westens, den Kult ums Privateigentum, überwunden. Auch dies war eine Illusion.

          Nehmen wir einmal an, Sie und Fassbinder wären heute um die dreißig. Welche Themen würden Sie bearbeiten?

          Die Enteignung des Ichs durch Überschwemmung an Information und das Sichverlieren in virtuellen Welten. Fassbinder hat ja damals schon „Welt am Draht“ gedreht. Aber es gäbe auch andere Themen wie die Krankheit der Seele, vielleicht auch Gesundung. Heute fehlt ja das Leuchtende. Man ist manchmal froh, wenn man im Kino solche Beispiele des Leuchtens zu sehen bekommt: jemand, der über Grenzen hinausgeht, wie Fatih Akin mit seinem Film „Auf der anderen Seite“, bei dem ich mitmachte.

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