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Berlinale: Wettbewerbsfilme : Die Strategie der Nudelsuppe

Umsorgen ihr Brüderchen: Szene aus dem Film „Submarino” Bild: Reuters

Ein Problem der Berlinale besteht darin, dass sie, wenn sie nach neuen Bewegungen im Kino sucht, vom Allerneuesten oft nur das Zweitbeste bekommt. Filme von Thomas Vinterberg, Zhang Yimou und Noah Baumbach im Wettbewerb.

          Kaum ein Dutzend Jahre liegt der Höhepunkt der „Dogma“-Welle zurück, und doch sehnt man sich fast schon wieder nach diesen wilden, strengen Zeiten. Thomas Vinterberg hat damals mit seinem „Fest“ das Manifest der Bewegung gedreht, und etwas von der Härte jenes alten Films hätte auch seinem neuen gutgetan. Wie „Das Fest“ erzählt „Submarino“ von kaputten Familienverhältnissen, nur dass die Großsippe diesmal auf zwei Brüder zusammengeschrumpft ist, deren parallele Lebensläufe der Film in kühlen, kargen, wintergrauen Bildern entwickelt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Am Anfang sieht man, wie die beiden Jungen, deren alkoholsüchtige Mutter nur noch auf Stippvisite vorbeikommt, ihr neugeborenes Brüderchen umsorgen, bevor es eines Nachts in seinem Bett erstickt. Dieses tragische Vorspiel gibt den Grundton von „Submarino“ an. Als Erwachsene haben die Brüder mal mit Gewalt, mal mit Drogen zu tun, zwischendurch gibt es ein paar Momente des Glücks, aber das Leben stellt den beiden immer wieder ein Bein. Hätte Vinterberg dieses Doppelporträt etwas weniger manierlich gezeichnet, wäre aus „Submarino“ vielleicht ein richtig wilder und großartiger Film geworden. Aber „Dogma“ ist eben vorbei, aus bösen Knaben werden traurige Männer, und Vinterberg führt demnächst am Burgtheater Regie.

          Breit, bunt, laut und teuer

          Auch Zhang Yimou war einmal groß, am größten vielleicht vor gut zwanzig Jahren, als sein Regiedebüt „Rotes Kornfeld“ den Goldenen Bären gewann und alle Welt vom chinesischen Kino sprach. Inzwischen ist Zhang eine Art großer chinesischer Kinovorsitzender, vor dem sich Filmgremien und Statistenheere in Verehrung beugen, und wenn er eine Fingerübung wie „A Woman, a Gun and a Noodle Soup“ inszeniert, dann muss auch das wie eine epische Großtat aussehen.

          Die Geschichte vom Detektiv, der beim Verwischen seiner Spuren nach einer Bluttat in einem Provinznest für die größte denkbare Unordnung sorgt, stammt eigentlich von den Brüdern Coen und spielt in Texas; doch Zhang, der sie in die Anfangsjahre der Ching-Dynastie verlegt, bastelt daraus eine Art Sino-Noir-Western mit Pfeile verschießenden Detektiven, vorzeitlichen Geldschränken und berittener blauer Wüstenpolizei, dessen Unterhaltungswert ebenso hoch ist wie sein geistiger Luftwiderstand gering. Man staunt und lacht über die virtuosen Komiker und Charakterdarsteller, die Zhang vor seiner Kamera versammelt, aber man fühlt sich auf routinierte Weise hereingelegt von diesem Film, der nichts anderes mehr will, als möglichst breit, bunt, laut und teuer zu sein.

          Eine Nebensache wird zur Hauptsache

          Ein Problem der Berlinale besteht darin, dass sie, wenn sie nach neuen Bewegungen im Kino sucht, vom Allerneuesten oft nur das Zweitbeste bekommt. Der rumänische Film „Eu cand vreau sa fluier, fluier“ (Wenn ich pfeifen will, pfeife ich“) von Florin Serban etwa ist ganz sicher ein Zeichen der seit Jahren spürbaren Renaissance des Kinos auf dem Balkan; aber er hat doch nicht entfernt dieselbe Kraft und Genauigkeit wie andere Produktionen aus Rumänien, die in Festivalwettbewerben jenseits von Berlin Beifall und Preise bekamen. Immerhin erzählt Serban eine Geschichte von heute und nicht aus den Zeiten der Ching, und Hauptdarsteller George Pistereanu, der mit vollem Gesichts- und Körpereinsatz einen Geiselnehmer in einer Jugendstrafanstalt spielt, darf sich Hoffnungen auf den Schauspielerpreis dieses Festivals machen. Am Ende sitzt Silviu mit dem Mädchen, das seine Geisel war, in einem Café, und als er aufsteht, weiß jeder, dass seine Jugend damit vorbei ist.

          Die Jugend des gescheiterten Bandmusikers Roger Greenberg, den Ben Stiller in Noah Baumbachs Wettbewerbsbeitrag „Greenberg“ verkörpert, ist schon lange vorüber, aber als der Mittvierziger Roger nach seiner Entlassung aus der Nervenklinik nach Los Angeles kommt, um für seinen Bruder das Haus zu hüten, glaubt er ihr wieder nahe zu sein. Er verabredet sich mit seinen alten Musikerfreunden, trifft sich auf einen Drink mit seiner Exfreundin (gespielt von Jennifer Jason Leigh, von der auch die Story zu dem Film stammt) und fängt wie unabsichtlich etwas mit der Haushaltshilfe seines Bruders an, eine Nebensache, die sich bald als die Hauptsache in seinem Leben entpuppt. „Greenberg“ braucht eine Weile, um in Fahrt zu kommen, aber als der Film seine Betriebsgeschwindigkeit erreicht hat, spürt man rasch, dass es hier um mehr geht als die Midlife-Crisis eines Ostküsten-Intellektuellen in Lalaland.

          Es geht um das Treffen zweier Generationen, hier das Nervenbündel Greenberg, dort die zarte College-Pflanze Florence (Greta Gerwig), im Zeichen der herrschenden Unsicherheit und Vorläufigkeit aller Lebenspläne, und man wünschte sich, Baumbach hätte diese seltsame Unromanze noch mehr zugespitzt, statt sie sanft zwischen Palmen und Pools verplätschern zu lassen. So bleibt er nur, was er spätestens nach seinem vorletzten Film „Der Tintenfisch und der Wal“ schon war: ein Versprechen. Und davon gibt es viele in Berlin.

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