Home
http://www.faz.net/-gcc-15mg9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Berlinale: Die Bilanz Immerhin ein plausibler Gewinner

Begeistert bevölkerte das Publikum die verschiedenen Sektionen der diesjährigen Berlinale. Filmgeschichte aber wurde nicht geschrieben. Das liegt an der Politik, die der pragmatische Festivalleiter Dieter Kosslick bei den Wettbewerbsfilmen verfolgt. Der Film „Bal“ aber siegte verdient.

© REUTERS Vergrößern Mit dem Stoffbären: Bora Altas, der Star des Gewinnerfilms „Bal”

Als sie ihre Imkergeschichte im Nordwesten der Türkei gedreht haben, erzählte der Regisseur Semih Kapanoglu mit dem Goldenen Bären in der Hand, da sei einmal ein Bär gekommen, um sich am Honig in den Bienenstöcken gütlich zu tun, habe dann aber vor dem Team reißaus genommen – nun sei der Bär auf dem Wege des Hauptpreises allerdings doch noch zurückgekommen. Und der deutsche Produzent fügte hinzu: „Bären lieben Honig.“

Im Vorfeld wurde viel spekuliert, wie sich die Unberechenbarkeit des Jury-Präsidenten Werner Herzog wohl auf die Preise auswirken würde, doch letztlich blieb ihm ohnehin kaum Raum, irgendeine aufsehenerregende Wahl zu treffen. Die Darsteller- und Kamera-Preise für den Russen sind vertretbar, die beiden Preise für den Rumänen wohl auch, Koji Wakamatsus Wagemut wurde wenigstens in Form der Hauptdarstellerin gewürdigt, und ob der Regie-Preis für Polanski irgendwie als Zeichen gedeutet werden soll, hat die Jury zumindest nicht verraten. Vielleicht war sie einfach nur froh, dass jemand routiniert seine Geschichte heruntererzählt, ohne seine Zuschauer zu strapazieren.

Mehr zum Thema

Es wurden also die schlimmsten Verirrungen vermieden und in „Bal“ wenigstens ein plausibler Gewinner gefunden, der es schaffte, den Zuschauer auf Entdeckungsreise in seine fremde Welt eines Dorfes im waldigen Nordwesten der Türkei mitzunehmen, wo ein rätselhaftes Bienensterben wütet und ein kleiner Junge mühsam das Lesen lernt. Semih Zapanoglus Film ist der Abschluss einer Trilogie, die mit „Ei“ begann, sich mit „Milch“, der gerade bei uns im Kino lief, fortsetzte, und nun mit „Honig“ ihren Abschluss findet. Der Held heißt immer Yusuf und wird dabei jedesmal jünger, aber vielleicht ist er auch gar nicht immer die gleiche Person. Hier ist er jedenfalls acht Jahre alt, und seine Kraft bezieht der Film daraus, dass er zeigt, wie mühevoll sich der Kleine die Welt aneignet.

Berlinale Bilanz B2 © REUTERS Vergrößern Jury-Präsident Werner Herzog (links) mit Semih Kaplanoglu, dem Gewinner des „Goldenen Bären”, und dem Festivalleiter Dieter Kosslick

Die Welt ist ein ewiges Rätsel

Mit dem Vater redet er fast nur flüsternd über Pflanzen und Tiere, die Mutter bleibt eine fremde Figur, die Mitschüler betrachten ihn als Eigenbrötler, und am besten scheint die stumme Kommunikation mit der Natur zu funktionieren. „Bal“ beharrt auf der Welt als ewigem Rätsel, das er in langen Einstellungen sichtbar machen möchte, und ist genau jene Art von Herausforderung, die einem Wettbewerb seine Spannung verleiht. Oder anders gesagt: Er war einer der wenigen Filme, die in diesem Wettbewerb überhaupt etwas verloren hatten.

Oder, um es nochmal anders zu sagen: Mit dem diesjährigen Wettbewerbsprogramm hat sich die Berlinale bis auf weiteres aus der Konkurrenz mit Cannes und Venedig verabschiedet – um sich irgendwo in der Liga von Locarno oder San Sebastian anzusiedeln. Das deutete sich im Voraus schon an, als die Auswahl interessante Namen weitgehend missen ließ. Aber wer da noch auf Überraschungen hoffte, wurde schnell enttäuscht. Es war eigentlich noch schlimmer als befürchtet. Nicht, weil die Filme alle so schlecht gewesen wären, sondern weil sie von wenigen Ausnahmen alle von so mittlere Güte waren, so bieder und ernst ihre Anliegen abfilmten, wie das bei der Berlinale unter Kosslick ja schon seit Jahren bevorzugt wird.

Manchmal hat man den Eindruck, dass sich Kosslicks Ambition im Wettbewerb darauf beschränkt, erst möglichst viele Filme mit Haftentlassenen zu häufen (Heisenbergs „Der Räuber“, Vinterbergs „Submarino“, Molands „A Somewhat Gentle Man“), um sich dann daran zu erfreuen, wenn eine argentinische Puzzlerin („Rompecabezas“) am nächsten Tag ihr Echo in „Mammuth“ findet, wo Gérard Depardieu zur Pensionierung ein Puzzle geschenkt bekommt. Womöglich denkt er, dass sich die Weltpresse begierig auf diese thematischen Vorlagen stürzt und sie mit Konzeption verwechselt.

Der Wettbewerb steckt in einer Sackgasse

Nun kann man sich auf den Standpunkt stellen, dass der Wettbewerb nur zwanzig von gut vierhundert Filmen ausmacht und das Wohl eines Festivals, das sich wie die Berlinale als Publikumsfestival gefällt, davon nicht abhängen kann, so lange die Zuschauer so begeistert die verschiedensten Sektionen bevölkern. Diese Vielfalt, Offenheit und Popularität macht sicher auch zu einem guten Teil den Reiz der Berlinale aus, aber Filmgeschichte wird eben im Wettbewerb geschrieben. Und die Berlinale hat das mit ihrer Jubiläums-Retro ja auch bekräftigt. Nun hat Cannes gewiss nicht jedes Jahr so viel Glück wie im letzten, und Venedig ist traditionell von wechselhafter Güte, aber noch nie hatte man dort so sehr den Eindruck wie hier, dass es nicht dem Weltkino, sondern der Auswahl an Ambition fehlt, irgendetwas Neues zu entdecken oder auch nur Anschluss zu halten an Entwicklungen oder Namen, zu denen man im Einzelnen stehen kann, wie man will, die aber zumindest von einer Mehrheit derer, die sich dafür interessieren, weltweit für relevant gehalten werden.

Dieter Kosslick ist ein Pragmatiker, ein gut gelaunter Macher, der das Festival ungemein belebt habt. Aber mit seiner Wettbewerbspolitik ist er in einer Sackgasse angelangt, aus der er offenbar nicht wieder herausfindet. Darüber kann auch ein Siegerfilm wie „Honig“ nicht hinwegtäuschen.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 21.02.2010, 15:09 Uhr