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Berlinale: Deutsche Filme : Der Warteraum der Wahrheit

Mit ihren neuen Filmen „Orly“, „Im Schatten“ „Der Räuber“ sorgen drei deutschen Regisseure bei der Berlinale für Aufsehen: Angela Schanelec, Thomas Arslan und Benjamin Heisenberg verbindet die Neigung zum französischen Kino und die Vorliebe für lange Einstellungen.

          Unterwegs sind sie alle. Der Bankräuber Rettenberger bei Benjamin Heisenberg, der im T-Shirt durch den winterlichen Wienerwald rennt, um den Postenketten der Polizei zu entkommen. Der Ex-Häftling Trojan in Thomas Arslans Film „Im Schatten“, der sich den Weg in ein neues Leben fern von Berlin mit der Pistole freizuschießen versucht. Und die Einsteiger, Umsteiger, Heim- und Fernwehkranken in Angela Schanelecs Flughafenpuzzle „Orly“, die den Wartesaal mit ihren Geschichten füllen. Aber nur bei Schanelec ist die Bewegung kein Aufbruch in den Tod und in die Hoffnungslosigkeit, sondern eine Kurve ins Leben zurück, von dem die Reisen ihren Anfang nehmen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Angela Schanelec, deren Film wie gewohnt im Forum läuft, hat sich mit ihrem Team im Abflugterminal des kleineren und älteren der beiden Pariser Großflughäfen postiert, um dort eine Art transitorisches Welttheater en miniature zu inszenieren. Dabei spielen die dokumentarischen, von der Kamera wie zufällig registrierten Szenen am Rande eine ebenso große Rolle wie die fiktiven Episoden im Zentrum. Eine junge Frau läuft mit dem Abschiedsbrief ihres Liebhabers zwischen den Schaltern herum, ein Junge und seine Mutter warten auf das Flugzeug, das sie zum Begräbnis des Vaters bringt, eine in Kanada verheiratete Französin (Natacha Régnier) und ein Musikproduzent (Bruno Todeschini) öffnen einander ihr Herz, bevor ihre Flüge nach Übersee aufgerufen werden: das sind die Erzählstränge, die den Film zusammenhalten.

          Helden jagen durch die Metropolen

          Noch wichtiger aber ist die Atmosphäre, die „Orly“ mit jenem Teleobjektiv einfängt, das sonst im Kino meistens als Instrument der Überwachung und Entlarvung dient. Hier wird es zum Zauberstab des Authentischen. Es ist, als dürften die Geschichten, die außerhalb des Flughafens in Taxis und Wohnungen gepresst sind, hier endlich frei herumlaufen, als wäre die Wahrheit im Transit leichter auszusprechen. Die lähmende Schwermut, die manche früheren Filme Schanelecs überschattet hat, ist hier buchstäblich in der Menge verschwunden: Von „Orly“ aus möchte man im deutschen Film weiterfliegen.

          Maren Eggert in Angela Schanelecs Film „Orly”

          Wie Angela Schanelec zählten auch Thomas Arslan und Benjamin Heisenberg einmal zu jener Gruppe von Regisseuren, die von der Kritik als „Berliner Schule“ bezeichnet wurde, obwohl ihre Mitglieder außer einer Neigung für französisches Kino und einer Vorliebe für lange Einstellungen nur wenig gemeinsam hatten. Beide, Heisenberg wie Arslan, erzählen nun in ihren neuen Filmen von Gangstern, die nach ihrer Haftentlassung wieder zur Waffe greifen, beide jagen ihre Helden erst durch die Großstadt (hier Wien, dort Berlin) und dann aus ihr wieder hinaus, und beide versuchen in ihre Arbeit an dem Krimistoff eine Klarheit und Genauigkeit hineinzubringen, die im deutschen Kino ebenso selten wie notwendig ist. Aber während Arslans „Im Schatten“ im Forum gezeigt wird, läuft „Der Räuber“ als einer von zwei deutschen Beiträgen im Wettbewerb, und wenn man beide Filme nebeneinander betrachtet, muss man zugeben, dass diese Rangfolge richtig ist.

          Denn „Im Schatten“ hat zwar einen beeindruckend bulligen und wortkargen Protagonisten (Misel Maticevic, der auch in Dominik Grafs Fernsehserie „Im Angesicht des Verbrechens“ eine Hauptrolle spielt) und viele großartige Nebendarsteller (Karoline Eichhorn, Hanns Zischler, Peter Kurth, Uwe Bohm), aber es gibt in ihm einfach zu viel erklärendes Geplänkel, zu viele Berliner Verfolgungsjagden im zweiten Gang, zu viele Gaunerdialoge in Hotelzimmern und Autowerkstätten. Das Genre ist hier eine Formel, die eingehalten, keine Form, die belebt werden muss. Erst als der schweigsame Trojan zum Gejagten wird und sein Spielraum sich mit jedem Gegner, den er tötet, weiter verengt, steigt der Druck in dieser Geschichte. Aber das geschieht viel zu spät.

          Die Pannen einer Verbrecherkarriere

          Benjamin Heisenbergs Held dagegen ist von Anfang an auf der Flucht. Aus dem Gefängnis, in dem er am Laufband für den Wien-Marathon trainiert hat, rennt Hans Rettenberger mit Pumpgun und Gesichtsmaske in die nächstbeste Bankfiliale, und die verschiedenen Pannen, die ihm im Lauf seiner Verbrecherkarriere passieren, scheinen insgeheim nur dazu zu dienen, seine Beine in noch rasendere Bewegung zu versetzen, über Berg und Tal, durch Parks und Hinterhöfe, bis zur letzten, einsamsten Etappe auf einer Autobahn im Regen. „I run to Death, and Death meets me as fast“ - die Gedichtzeile von John Donne könnte als Motto über diesem Film stehen, der immer auf dem dünnen Grat zwischen Räuberromantik und Sozialschnulze balanciert.

          Aber Heisenberg hat das Gleichgewicht gehalten. Sein Marathonmann gibt keine Erklärungen, beschwert sich nicht, redet kein Tarantino-Kauderwelsch, aber er spielt auch nicht den Samurai von Wien. Dieser Rettenberger spiegelt uns nur, um einen juristischen Fachmann zu zitieren, die eigene Frage als Gestalt. Denn was bleibt am Ende von der rasenden Jagd nach dem Geld? Ein Auto, das langsam ausrollt, ein absterbender Motor, ein letztes Telefonat. Und vielleicht, nach all den Mühen, ein Festivalpreis in Berlin.

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