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„Little Soldier“ und „Der Vorleser“ : Aus dem Brunnen der Vergangenheit

Liebe zur Literatur: Kate Winslet als Schaffnerin Hanna und David Kross als Student Michael Berg Bild: ddp

Das Leben der Kriegsheimkehrer verdichtet sich auf der Berlinale zum Tagesthema: Annette K. Olesens „Little Soldier“ und Stephen Daldrys Verfilmung von Bernhard Schlinks Roman „Der Vorleser“ laufen im Wettbewerb. Sind sie dem historischen Stoff gewachsen?

          Von Verletzungen, Gewalt und Tod kann das Kino auf zwei verschiedene Weisen erzählen. Es kann sie vor der Kamera stattfinden lassen, im Kriegsfilm, im Actionfilm oder im Thriller. Oder es verlegt sie in die Vergangenheit der Figuren, die Vorgeschichte. Die Filme, die daraus entstehen, können zu ganz verschiedenen Genres gehören, je nachdem, welche Handlungen das Verdrängte und Vergessene auslöst.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Erinnerung ist in diesen Geschichten mit Zeitzünder versehen: Man weiß genau, dass sie einmal explodieren muss, aber man ahnt nicht, wann und mit welchen Folgen. Statt auf den großen Knall wartet man auf den kleinen, innerlichen, auf den Moment der Selbsterkenntnis, der im Amoklauf enden kann oder in Tränen und Versöhnung. Meistens aber, jedenfalls in den besseren Filmen, gehen die Geschichten so aus wie das wirkliche Leben auch: mit Trauer, Schmerzen und dem Blick in den Fluss der Zeit.

          Geschichte einer Kriegsheimkehrerin

          Annette K. Olesens „Little Soldier“, der als erster Wettbewerbsbeitrag nach Tom Tykwers Eröffnungsfilm „The International“ lief, ist die Geschichte einer Kriegsheimkehrerin. Lotte (Trine Dyrholm) kommt aus dem Irak zurück, wo sie im dänischen Truppenkontingent mitgekämpft hat. Aber sie kommt nicht wirklich an. Widerwillig lässt sie sich von ihrem Vater aus ihrer vermüllten Wohnung ziehen. Als er sie nach einer gemeinsamen Kneipentour wie ein kleines Kind auf seinen Rücken klettern lässt, erlebt sie einen kurzen Moment inniger Geborgenheit. Das genügt. Nein, das genügt natürlich nicht.

          Kleine Soldatin: Trine Dyrholm

          Lottes Vater ist Bordellbesitzer und Mädchenhändler. Seine Lieblingsprostituierte, die Afrikanerin Lily (Lorna Brown), lässt er in seinem alten Jaguar zu ihren Kunden fahren. Als der Fahrer ausfällt, springt Lotte für ihn ein. Auf ihren Fahrten mit Lily lernt sie deren Kunden kennen: Nekrophile, Spießer, Sadisten. Vor allem aber lernt sie Lily selbst kennen, die eine neunjährige Tochter in Nigeria hat und ihr Geld zusammenkratzt, um ihrem Kind ein besseres Leben zu ermöglichen. Als Lottes Vater einen Zusammenbruch hat, übernachten die beiden Frauen gemeinsam in seinem Bett. Das ist der Moment, in dem die Vergangenheit aus Lotte herausbricht: Sie habe etwas Schreckliches getan, schluchzt sie, als Lily sie nach einer Einschussnarbe an ihrer Schulter fragt. Die Kamera zeigt die beiden auf dem Bett als Tableau von oben, was den symbolischen Charakter ihrer Umarmung betont: die weinende Europäerin und die Afrikanerin, die sie tröstet.

          Viele große Themen

          Annette Olesen, die vor fünf Jahren mit dem Gefängnisdrama „In deinen Händen“ im Wettbewerb der Berlinale war, hat so viele große Themen in ihren Film hineingespiegelt - sexuelle Ausbeutung, Globalisierung, Irak, weibliche Identität, Väter und Töchter -, dass es manchmal scheint, als könnte die Geschichte im nächsten Moment unter dieser Last in die Knie gehen. Aber sie hält stand. Das liegt nicht nur an der Handkamera, mit der die Regisseurin den Blick ihrer Hauptfigur unterstützt. Es liegt auch an einer bestimmten, spezifisch europäischen Haltung zum Erzählten. Denn Olesen hat keine Angst vor losen Enden. Sie vernäht nicht jeden Faden in ihrem Stoff. Was am Ende aus Lily wird und ob Lotte ihr Kriegstrauma ablegen kann, bleibt offen. Klar ist nur, dass sie sich von ihrem Vater befreit hat. Für ihn wird sie in keinen Krieg mehr ziehen. Das kann man in diesem dänischen Film durchaus symbolisch nehmen.

          In Stephen Daldrys „Vorleser“, der Verfilmung des Romanbestsellers von Bernhard Schlink, öffnet sich der Brunnen der Vergangenheit in dem Augenblick, als der Jurastudent Michael Berg (David Kross) bei einem der Auschwitzprozesse Mitte der sechziger Jahre in Frankfurt der Straßenbahnschaffnerin Hanna (Kate Winslet) wiederbegegnet. Vor zehn Jahren, in einer Stadt, die im Buch große Ähnlichkeit mit Heidelberg besitzt, im Film aber „Neustadt“ heißt und mit Ansichten aus Görlitz bebildert wird, haben sie sich geliebt, der fünfzehnjährige Schüler und die erwachsene Frau. Und nun erfährt Michael, dass Hanna im Zweiten Weltkrieg Aufseherin in einem Konzentrationslager war, dass sie am Tod von Hunderten Häftlingen mitschuldig ist - und dass sie weder lesen noch schreiben kann.

          Ein Knotengeflecht

          Auch Schlinks Roman ist ein Knotengeflecht großer Themen: Holocaust, Vergangenheitsbewältigung, Sexualität, Analphabetismus, um nur die wichtigsten zu nennen. Und auch Daldry hat die Gefahr gesehen, dass sein Film unter dem Gewicht seines Stoffes zusammenbrechen könnte. Aber anders als Annette Olesen hat er die Zügel der Erzählung nicht gelockert, sondern noch weiter gestrafft. „Der Vorleser“ besteht im Grunde aus drei voneinander unabhängigen Episoden: der Liebesgeschichte, dem Gerichtsprozess und der Rahmenhandlung, in der der gealterte Michael (Ralph Fiennes) Hanna ein letztes Mal wiedersieht. Diese Zersplitterung ergibt sich nicht aus der Struktur der Vorlage, sie ist ein Spezialität von Daldry. In „The Hours“ hat er sie zur Meisterschaft getrieben. Hier wirkt sein Blick unsicher, wie von zu vielen Rücksichten gehemmt.

          Trotzdem ist „Der Vorleser“ ein beeindruckender Film. Und das verdankt er Kate Winslet, die als Hanna Schmitz alles zugleich ist: die Heldin, das Ungeheuer und das Lustojekt der Geschichte. Einige Kritiker haben Schlinks Roman vorgeworfen, er wecke Verständnis für eine Nazi-Täterin. Das tut auch der Film. Aber Winslet schafft es, dass sie uns dabei zugleich immer unheimlicher wird. Das muss man einfach bewundern.

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