http://www.faz.net/-gqz-11xa6

Doku über „The Doors“ : Amerikanische Pastorale

Jim Morrison: Der Kopf der Doors starb mit siebenundzwanzig Bild: Berlinale

Die Geschichte der Doors und ihres früh verstorbenen Frontmanns Jim Morrison hat Oliver Stone in einem bildgewaltigen Spielfilm erzählt. Doch ein Dokumentarfilm, wie Tom DiCillo auf der Berlinale beweist, kann mindestens ebensoviel Kraft entfalten.

          Dieser Film wirkt verspätet. Nicht nur, weil „When You’re Strange“, Tom DiCillos im Panorama präsentierte Dokumentation über die amerikanische Rockband The Doors und ihren früh verstorbenen Sänger Jim Morrison, sich perfekt ins Programm der Berlinale 2008 gefügt hätte, als Filme über Patti Smith oder Scorseses Stones-Hommage liefen. Spät auch deshalb, weil Oliver Stone schon 1991 mit „The Doors“ einen bildgewaltigen Spielfilm vorgelegt hat, der das Bild der Band nicht nur bei denjenigen, die sie in den sechziger Jahren nicht erlebt haben, geprägt haben dürfte.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wenn sich das Hollywood-Kino der Geschichte einer Band bemächtigt, so füllt es nicht allein die Leerstellen zwischen grobkörnigen Konzertmitschnitten und Interviewschnipseln, sondern erlangt mit seinen kraftvollen Bildern leicht die Deutungshoheit über Werk und Leben. Wie soll man da, Jahre später, mit den nüchterneren Mitteln eines Dokumentarfilms dagegenhalten?

          Die Ikone ganz nahe

          Dem bislang im Fiktionalen beheimateten DiCillo („Living in Oblivion“) gelingt dies hervorragend. Keine Szene des Films sei mit Schauspielern nachgestellt worden, kündigt eine Einblendung zu Anfang an. Das lässt sich als Statement zum Stone-Film begreifen, zielt jedoch vor allem auf die nachfolgenden Szenen, die mit einem Hauptdarsteller aufwarten, den Oliver Stone durch einen zugegebenermaßen famosen Val Kilmer ersetzen musste: Jim Morrison. Wie schon Stone beginnt auch DiCillo mit einer Highway-Szene, nur ist es diesmal der Doors-Sänger leibhaftig, der aus einem Autowrack in der Wüste steigt, einen Wagen am Highway anhält und sich an dessen Steuer setzt. „HWY: An American Pastoral“ heißt das 1969 von Morrison gedrehte, weithin vergessene Werk, mit dessen Outtakes DiCillo seinen Film umrahmt. Der Effekt ist frappierend: So zeitlos, so lebendig sind diese Szenen, dass dem Zuschauer die Ikone Morrison ganz nahe rückt.

          The Doors: Robbie Krieger, Ray Manzarak, John Densmore, Jim Morrison (v.l.)
          The Doors: Robbie Krieger, Ray Manzarak, John Densmore, Jim Morrison (v.l.) : Bild: Berlinale

          Die drei anderen Bandmitglieder sind quicklebendig, doch erspart uns DiCillo plaudernde Rockveteranen vor dunklem Samt. Sämtliche seiner Bilder stammen aus der damaligen Zeit, was dem Film enorme Dichte verleiht. Puristen mögen sich ärgern, dass die Tonspur einiger der skandalträchtigsten Doors-Auftritte, von denen keine Bewegtbilder erhalten sind, über andere Konzertszenen gelegt wurde, doch hilft dies dem Film, seinen Rhythmus zu bewahren. Wie natürlich auch die Musik der Doors, die hier – neben der ausführlichen Beleuchtung von Genie und Wahnsinn ihres Frontmanns – die angemessene Würdigung erfährt: Ohne ihre raffinierten, im Pop zuvor so nicht gehörten Klänge wäre Morrison kaum zum umjubelten Star, sondern womöglich viel früher als der Freak betrachtet worden, den er in seinen drogen- und alkoholumschwängerten späten Jahren gab.

          Er schätze den Film von Stone, sagte Doors-Drummer John Densmore bei der Berlinale-Premiere der Dokumentation, doch habe jener „in einem Bunker in Vietnam gesessen, als wir gespielt haben“. DiCillos Film sei wahrhaftiger und bezeuge viel stärker die Kämpfe der Sechziger. DiCillo selbst, der in seinem Film auch als Erzähler fungiert, kündigte an, in Kürze eine zweite Version herauszubringen – mit dem neuen Sprecher Johnny Depp. Wer Hollywood Paroli bieten möchte, begeht sicher keinen Fehler, wenn er in dessen Revier wildert.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Im Gedenken an Malcolm Young Video-Seite öffnen

          AC/DC : Im Gedenken an Malcolm Young

          Hardrock-Klassiker wie „Highway to Hell“ wären ohne ihn undenkbar gewesen: Der Songwriter und ehemalige Gitarrist der Band AC/DC starb im Alter von 64 Jahren.

          An seinem Grab

          30. Todestag James Baldwins : An seinem Grab

          Noch heute lesen sich die Bücher der Bürgerrechts-Ikone James Baldwin wie die eines klugen Zeitgenossen. Besucht man sein Grab, überrascht ein paradoxer Ort. Ein Besuch in Hartsdale.

          Emma Stone im Tennis-Geschlechterkampf Video-Seite öffnen

          „Battle of Sexes“ : Emma Stone im Tennis-Geschlechterkampf

          Anfang der 1970er Jahre macht Billie Jean King im Damentennis keine andere was vor. Doch der Tennisstar will mehr: gleiches Geld für Frauen wie Männer in ihrem Sport. Bobby Riggs, Ex-Champion der Männer und Parade-Macho, bietet King ein ganz besonderes Spiel an.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Bundeskanzlerin Angela Merkel und SPD-Chef Martin Schulz im Bundestag

          Umfrage : Große Koalition gewinnt an Zustimmung

          Eine große Koalition aus Union und SPD findet Umfragen zufolge deutlich mehr Zustimmung bei den Deutschen als noch vor einer Woche. Am Freitag entscheidet die SPD-Führung, ob sie Sondierungen aufnehmen möchte.

          Brexit-Veto : Ein erster Sieg im Rückzugsgefecht

          Nach Mays Niederlage im Parlament keimt nun bei vielen die Hoffnung auf, dass die Regierung gezwungen sein könnte, in Brüssel einen „weicheren“ Brexit zu verhandeln. Ein Rennen gegen die Zeit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.