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Staatsoper Unter den Linden : Ist das die Berliner Elbphilharmonie?

Der Sound ist phänomenal, sagt Daniel Barenboim: er große Saal der sanierten Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Bild: dpa

Sieben Jahre hat es gedauert, es wurde doppelt so teuer wie geplant: Am Tag der Deutschen Einheit wird die Oper Unter den Linden feierlich wiedereröffnet. Der Klang im Saal soll phänomenal sein. Aber ein paar Fragen gibt es schon.

          Man hat sich fast schon daran gewöhnt, dass, Stichwort Elbphilharmonie, Kulturbauten ohne Kostensteigerungen von babylonischen Ausmaßen nicht mehr zu haben sind. Aber die Elbphilharmonie war immerhin ein Neubau, während die Berliner erstaunt vor ihrer alten Oper Unter den Linden stehen, die am 3. Oktober wiedereröffnet wird und nach dem Neuanstrich zartpastellig errötet ist, so, als sei ihr die Scham über die Kostensteigerung ins Fassadengesicht gestiegen.

          Wo ist das Geld hin? Wenn man hineinschaut in die Labyrinthe unter den Häusern, versteht man besser, wohin das Geld floss – das Opernhaus selbst, der Apollo-Saal, das Intendanzgebäude mussten saniert, ein unterirdischer Tunnel gebaut, ein neues Probenzentrum errichtet werden. Außerdem waren die Musiker längst mit dem niedrigen Zuschauerraum und der daraus resultierenden Nachhallzeit von nur 1,1 Sekunden unzufrieden.

          Bereits 1996 hatte man eine als „Herz-Lungen-Maschine“ verspottete Nachhallverlängerungsanlage eingebaut. Die flog bei der Sanierung raus, die Decke wurde dafür angehoben, was den Nachhall auf 1,6 Sekunden steigert. Und so ist das spektakulärste neue Element in der sanierten Oper auch die – wie alles hier von HG Merz gestaltete – „Nachhallgalerie“, die sich wie ein von Giga-Futuro-Spinnen gewobenes Netz zwischen die alten Ränge und die Decke spannt. Anders als ursprünglich gefordert, wurde hinter die alten Fassaden kein komplett neuer Saal gebaut, sondern saniert, was in diesem Fall eine ideologisch extrem aufgeladene Angelegenheit ist.

          Außen ein zartes Rosa: Letzte Arbeiten vor der Staatsoper Unter den Linden.
          Außen ein zartes Rosa: Letzte Arbeiten vor der Staatsoper Unter den Linden. : Bild: dpa

          Der Bau ist nicht das Original, das Friedrich II. um 1743 von Knobelsdorff erbauen ließ und das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, sondern eine DDR-Rekonstruktion, die ab 1951 von Richard Paulick verantwortet wurde. So dominiert im Inneren, von den Lampen über die Wandpaneele bis zu den Handläufen, die schüchtern-karge Ästhetik der DDR-Nachkriegszeit, die hier (nicht besonders gut) auf Rokoko gebürstet wurde. Teilweise wurden einfach Kabel übergipst, um Ornamente zu simulieren.

          Denjenigen, die auf eine aus dem Vollen gefräste Chimäre preußischer Pracht gehofft hatten, stößt übel auf, dass man mit Hunderten von Millionen Euro die von der Not diktierte Kargheit und auch das Pastellig-Biedere der DDR-Nachkriegsrekonstruktion bewahrt und betont. Anders als am Schlossplatz, wo man die Spuren der DDR restlos getilgt hat, werden sie hier geradezu fetischisiert – mit dem Argument, dass nur auf diese Weise die einmalige Geschichte des Baus und Deutschlands sichtbar bleibt. Es ist ein wenig so, als ob man mit höchstem Aufwand einen Rolls-Royce-Motor und zehn Airbags in einen baufälligen Trabant einbaut. Schade ums Geld, sagen die einen. Rolls-Royce kann ja jeder fahren, sagen die anderen. So verrückt, sich den luxuriösesten Trabi der Welt zusammenzuschrauben, sind sie jedenfalls wirklich nur in Berlin. Der Sound, sagt Dirigent Daniel Barenboim, sei jedenfalls einmalig.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

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          Quelle: F.A.Z.

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