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Berlin-Mitte : Hässliche Hauptstadt

Einer der größten Schandflecken Berlins: Das Einkaufzentrum Alexa am Alexanderplatz wird im Volksmund als „Bunker” oder „Pharaonengrab” bezeichnet Bild: picture-alliance/ dpa

Während einer Busrundfahrt ist Berlins Bürgermeister Wowereit die „massive Hässlichkeit“ der Hauptstadt bewusst geworden. Der Senat hat immer mehr die Kontrolle über die ästhetische Gestalt von Berlin-Mitte verloren. Eine neue Bausatzung soll nun den starren Gebäudepanzer knacken.

          Der Berliner Wahnsinn hat viele Namen. Am literarisch berühmten Alexanderplatz, der seit der Wiedervereinigung von einer Bausünde in die nächste stolpert, heißt der Wahnsinn seit vergangenem Jahr „Alexa“. Das mit hundertachtzig Läden und siebzehn Fressbuden bestückte Einkaufszentrum, das sich mit diesem Etikett schmückt, hat mit dem Platz so viel am Hut wie ein Grabstein mit einem Kindergeburtstag. Es kehrt ihm eine fast fensterlose, altrosa gestrichene Betonfassade zu, die wegen ihres vorgewölbten Dachrahmens und ihrer kolossalen Erdgeschosspfeiler im Volksmund teils als „Bunker“, teils als „Pharaonengrab“ tituliert wird. Eines von vielen Gräbern der Berliner Stadtplanung ist das „Alexa“ allemal.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das hat auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit gemerkt, als er vor zwei Wochen auf Einladung seiner Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer an einer „städtebaulichen Busrundfahrt“ durch die Metropole teilnahm. Wowereit, dessen Dienstsitz keine fünf Gehminuten vom Alexanderplatz entfernt liegt, entdeckte staunend die „massive Hässlichkeit“ sowohl des „Alexa“ als auch des gegenüber entstehenden Shoppingcenters „die mitte“, das ein texanischer Investor als monotonen Stahl- und Glaskubus auf dem Platz abstellt. Und weil der Regierende Bürgermeister seit der für Berlin blamabel verlaufenen Debatte um die Sanierung der Staatsoper offenbar für Architekturfragen empfänglich ist, hat sein ästhetisches Urteil diesmal politische Folgen.

          Weder Trendgeburt, noch Historismus: Die Satzung ist eine Normaßnahme

          Die Berliner Stadtentwicklungssenatorin will nun eine Gestaltungssatzung entwickeln lassen, mit der die künftige Bebauung der historischen Mitte der Hauptstadt geregelt wird. Die Gebäudehöhe soll auf dreißig Meter, der Fensteranteil auf fünfzig Prozent begrenzt werden, die Fassaden müssen aus Stein oder Glattputz, die Dächer mit Schiefer, Kupfer- oder Zinkblech gedeckt sein. Leuchtreklamen, Antennen und Satellitenschüsseln sind verboten, Werbeplakate nur im Erdgeschoss erlaubt. Der genaue Geltungsbereich der Bausatzung steht noch nicht fest, aber er wird auf jeden Fall die Museumsinsel, den Schlossplatz, den Gendarmenmarkt und den Boulevard Unter den Linden einschließen.

          Der Alexanderplatz in Berlin stolpert von einer Bausünde in die nächste
          Der Alexanderplatz in Berlin stolpert von einer Bausünde in die nächste : Bild: picture-alliance/ dpa

          Der Satzungsentwurf hat die üblichen publizistischen Reflexe ausgelöst. Der Berliner Architekt Roger Bundschuh spricht von einem „tragischen Trend“, der auf die innere Erstarrung der Gesellschaft schließen lasse, und andere Berufsmodernisten stoßen ins gleiche Horn. Dabei ist die Satzung weder eine Trendgeburt noch ein obrigkeitliches Bekenntnis zum Historismus. Sie ist eine Notmaßnahme. Denn trotz aller Expertenrunden und -kommissionen (wie des sechsköpfigen „Baukollegiums“, das die Senatsbaudirektorin Regula Lüscher gerade einberufen hat) verliert der Berliner Senat immer mehr die Kontrolle über die ästhetische Gestalt der Hauptstadt. Während etwa die in den neunziger Jahren entstandenen Bebauungspläne für den Alexanderplatz, die nicht weniger als dreizehn Hochhäuser im engeren Umkreis des Platzes vorsahen, längst Makulatur geworden sind, schafft der Druck der Investoren anderswo unwiderrufliche Fakten.

          Das gewaltige „Planwerk Berlin“

          So wächst am Spreeufer gegenüber dem Schiffbauerdamm, direkt nördlich vom Bahnhof Friedrichstraße, mit dem sogenannten Spree-Dreieck ein zehnstöckiges rußgraues Bollwerk empor, das die Berliner Mitte brachial gegen die ehemalige Oranienburger Vorstadt abschotten wird. Schräg gegenüber, direkt über den Gleisen der Stadtbahn, soll ein ebenso hohes Bürohaus entstehen, in dessen Schatten sich dann der erst jüngst kostspielig restaurierte Admiralspalast wird ducken müssen. Am anderen Ende des Stadtzentrums, am Südrand des Potsdamer Platzes, hat die vulgäre Riegelbebauung zwischen Stresemannstraße und Landwehrkanal denselben Effekt: Sie legt sich wie eine steinerne Schlinge um den Hals der Stadt. Einer Metropole, die in dieser Weise abgewürgt wird, helfen auch Hochhäuser nichts - sie sind, wie in Berlin vielerorts zu sehen, nur die glänzenden Nadeln im starren Gebäudepanzer.

          Immer wieder wird in der durch Wowereits Busfahrt ausgelösten Debatte der Name des früheren Senatsbaudirektors Hans Stimmann genannt, mal bewundernd, mal abwertend. Es ist wahr, Stimmann hat mit seiner an Traufhöhen und Materialfragen orientierten Baupolitik den kreativen Spielraum der Hauptstadt-Architekten stark eingeschränkt. Aber seine Beharrlichkeit hat mitgeholfen, das Schlimmste zu verhindern, etwa am Leipziger und am Pariser Platz, denen das Schicksal des Alexanderplatzes erspart blieb. Stimmanns stadtplanerisches Vermächtnis, das gewaltige „Planwerk Berlin“, wurde von seiner Nachfolgerin Regula Lüscher bisher nur mit spitzen Fingern angefasst. Jetzt aber ist es höchste Zeit, das Planwerk aus der Schublade zu holen und auf den neuesten Stand zu bringen. Noch hat der Wahnsinn nicht ganz Berlin im Griff.

          Quelle: F.A.Z.

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