10.03.2010 · Hausmutter, Venus, Muse, Amazone oder Märtyrerin? Im Berliner Schloss Charlottenburg feiert eine Ausstellung mit Griff in den Kostümfundus die preußische Königin Luise. Die historische Figur verschwindet unter den Zuschreibungen der Gegenwart und der Geschichte.
Von Andreas KilbWer nach der Wahrheit über Königin Luise sucht, greift in einen Kostümfundus. Von der sorgenden Hausmutter über die Venus von Potsdam, die preußische Muse, die Amazone in Uniform, die Herrscherin der Hinterzimmer bis zur Märtyrerin von Tilsit sind alle Rollenbilder vorhanden; aber in keinem steckt ein Mensch. Das ist nicht der einzige, aber der wichtigste Unterschied zwischen Lady Diana, der anderen „Königin der Herzen“ im Kollektivgedächtnis Europas, und Luise von Mecklenburg-Strelitz, die als Gemahlin Friedrich Wilhelms III. von Preußen zur Heiligen des deutschen Nationalstaates wurde.
Denn anders als die Prinzessin von Wales hat sich die Queen von Berlin gegen ihre Vereinnahmung nie gewehrt. Die Briefe, in denen sie ihr öffentliches Image beklagt, sind resignierte Seufzer einer Pflichtbewussten. Luise wollte glorifiziert werden, im Dienst des Hauses und des Landes Preußen. Die Nation, sechzig Jahre nach ihrem Tod unter preußischer Führung vereinigt, hat dieses Angebot dankbar angenommen, mit furchtbaren Folgen. Luisenstiftungen, Luisenvereine, Luisenbüsten und -regimenter schossen aus der Erde des Kaiserreichs. Mit Luisenbildchen im Gepäck zogen die deutschen Lazarettschwestern in den Ersten Weltkrieg, Luisenfilme stärkten daheim die Wehrmoral, Luisengeschichten würzten den Unterricht der Mädchenschulen. „Lerne weinen, ohne zu klagen. Königin Luise schrieb dies auf der Flucht an die Wand“, notierte die greise Offizierstochter Marlene Dietrich in ihrer Pariser Matratzengruft. Solche Lektionen vergisst man nicht.
Die Wiederkehr des neunzehnten Jahrhunderts
„Working Mom“ schreibt jetzt die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten auf ein Plakat, das für die Luisenausstellung im Schloss Charlottenburg wirbt. Das Bildmotiv unter dem Aufkleber stammt von einem unbekannten wilhelminischen Maler. Es zeigt die preußische Königin in einem Ballkleid mit Goldapplikationen und Sternendiadem, das 1897 für die deutsche Kaiserin Auguste Viktoria, die Gattin Wilhelms II., geschaffen wurde. Ihr Gesicht ist maskenhaft, ihre Hand greift nach einer perlenbesetzten Krone. Auch die Luise der Berliner Schau verschwindet unter den Zuschreibungen der Gegenwart und der deutschen Nationalgeschichte. Die „preußische Renaissance“, an die die Ausstellung anknüpfen will, ist vor allem eine Wiederkehr des neunzehnten Jahrhunderts, seiner Bilder, seiner Haltungen und Dekorationen.
Luise aber, Spross eines Adelsgeschlechts, dessen Herzöge den Häuptern des Heiligen Römischen Reiches bei der Krönung aufwarten durften, war ein Kind des Ancien Régime. Dessen späte Empfindsamkeit, vermischt mit Naturverklärung im Geist Rousseaus, prägte die Erziehung der mecklenburgischen Prinzessin. Davon sieht man wenig in der Charlottenburger Präsentation, die gleich mit dem Einzug der Braut in Berlin einsetzt. Mit Luise und ihrem Ehemann Friedrich Wilhelm fand, nach der Stickluft der späten Jahre des Alten Fritz und dem Schlemmerregiment Friedrich Wilhelms II., ein biedermeierliches Ideal vom Hofleben den Weg nach Preußen.
Keine Mätressen, keine Allüren
Der Regent verzichtete auf Mätressen, die Regentin auf Allüren. Dass Luise zur Völlerei neigte und ihr Gemahl zum Kasernenhofton, blendete die öffentliche Meinung aus. Die Königin, von Schinkel als Matrone - sie gebar zehn Kinder - mit Doppelkinn und dickem Hals gezeichnet, vom Freiherrn von Stein als nachlässige Mutter kritisiert, wurde zur Stilikone des hauptstädtischen Bürgertums. Das Halstuch, mit dem sie eine Schwellung kaschierte, als sie sich von Christian Daniel Rauch in Marmor hauen ließ, trug angeblich bald jede Frau in Berlin.
Dennoch bleibt die Lebensbilanz dünn. Schon nach zwei Abteilungen ist das Sterbezimmer vom Juli 1810 erreicht. Erst in einem späteren Raum wird, von Rudolf Eichstaedt 1895 in Öl gemalt, jene Begegnung mit Napoleon in Tilsit beschworen, durch die Luise zur Schmerzensmadonna ihres besiegten Landes aufstieg. Die Aufmachung mit Diadem und Spitzentüchlein in den gefalteten Händen gehört schon zur Mythisierung, aber die Szene ist wahr. Die Königin hat den Franzosenkaiser, der sie von seinen Karikaturisten als Mannweib und Ehebrecherin schmähen ließ, inbrünstig gehasst. Dennoch ließ sie sich auf ein Gespräch mit ihm ein, um mildere Friedensbedingungen für ihr Land zu erbitten. Sie bat vergeblich. Doch die Geste genügte. Dass Luise dem Tyrannen auch noch gefiel, tat ein Übriges. Das Treffen in Tilsit wurde zur Urszene des preußischen Aufstands. Mit ihrem frühen Tod beglaubigte die Königin ihren Opfergang. Als die Truppen der europäischen Verbündeten 1814 in Paris einmarschierten, erklärte Blücher, nun sei Luise endlich gerächt.
Die Phrasen ihrer Verherrlicher
Der Luisenkult, der nach den Befreiungskriegen einsetzte und im Grabmausoleum mit Rauchs Prunksarkophag im Charlottenburger Schlossgarten seine Weihestätte fand, blieb zunächst auf Preußen beschränkt. Erst nach 1870 nahm er nationale Ausmaße an. Jetzt wurde Luise zur Stifterfigur des Kampfes gegen den Erbfeind jenseits des Rheins. Anton von Werner malte Wilhelm I., wie er vor dem Feldzug gegen Frankreich am Grab seiner Mutter betete. Ihr Todestag am 19. Juli wurde zum vaterländischen Pflichttermin, ihr postumes Porträt von Gustav Richter zum Postkartenmotiv. Man sollte nicht, wie heute üblich, zu Popvergleichen greifen, um ein solches Phänomen zu beschreiben. Sein Kern ist Propaganda; die Bilder waren Waffen im Kampf der Völker. Erst als Kinoheldin, dargestellt von Mady Christians, Henny Porten und zuletzt Ruth Leuwerik, wurde Luise zum frei flottierenden Zeichen der Populärkultur. In Veit Harlans „Kolberg“ beschwört ihr Auftritt die auf Preußen zurückgespiegelte Volksgemeinschaft der Nationalsozialisten. Danach war die Ikone zerstört. Der Leuwerik-Film scheiterte an den Kinokassen, das visuelle Erbe der Luisenverehrung verwalten jetzt die Dokumentaristen.
Mehr als von der Verleumdung ihrer Feinde habe sie „von der Phrasenhaftigkeit ihrer Verherrlicher“ zu leiden gehabt, schrieb der nüchterne Patriot Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Wie sehr das stimmt, sieht man in der Charlottenburger Ausstellung. Unter all den Maskeraden wäre eine adlige Musterbiographie der Revolutionszeit zu entdecken gewesen. Doch die Kuratoren der Schlösserstiftung haben sich lieber an den Kostümfundus gehalten. Im Mai und Juli soll das „Luisenjahr“ durch Themenausstellung auf der Berliner Pfaueninsel und im märkischen Schloss Paretz fortgesetzt werden. Vielleicht erfährt man dort ein wenig mehr über Luise, die first lady von Berlin.