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Berlin Die neue Mondphase Deutschlands hat begonnen

01.07.2005 ·  Angela Merkel und Sabine Christiansen fahren gemeinsam im Fahrstuhl der Macht: Am Vorabend der Regierungskapitulation wechselt die Republik auf der Berliner „Stern“-Feier bereits die Farbe.

Von Christian Geyer, Nils Minkmar und Eberhard Rathgeb
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Der ganz frühe Morgen nach jenem Abend, als in Berlin die letzte große Feier in der rot-grünen Ära zu Ende geht und der junge Tag sich aufmacht, in den schwarzen Freitag des als vermißt gemeldeten Vertrauens hineinzurutschen, ist sanft und weich und lau wie Frauenhände im Badeschaumwasser.

Die Nacht faltet ihre flauschigen Flügel, und unter diesen Flügeln verschwindet das Spreepalais am Dom, wo - nur wenige Minuten sind seitdem vergangen - das weiche und sanfte und laue Sommerfest des „Stern“ zu Ende gegangen ist. Dem „Stern“ hat die Bundesrepublik ja auch eine Reihe von Triumphen des schönen und weichen und sanften Körpers in der Welt der Männer und Mächte zu verdanken.

Als alle zu Legenden wurden

Legenden kommen früh: Als einer der ersten Gäste spaziert Walter Scheel in einem eleganten cognacfarbenen Maßanzug in Richtung eines schönen weichen Lounge-Sessels. Dort hält er Hof, alterslos und aus der deutschen Geschichte herüberragend, ganz wie der „Stern“, der in den späten dreißiger Jahren von Kurt Zentner nach amerikanischen Vorbildern konzipiert worden war, als große Foto- und Unterhaltungsillustrierte.

Henri Nannen hat ihn dann, viel später, politisiert und noch erfolgreicher gemacht. Das war die große Zeit der alten Bundesrepublik, die Zeit, in der alle zu Legenden wurden: Brandt und Scheel, Nannen und der „Stern“, damals, als das Fernsehen nur drei Kanäle hatte, einen Sendeschluß und immer Schwarzweiß: Da kamen die bunten Bilder der Welt aus dem „Stern“. Man las ihn in Wartezimmern, als Lesezirkelexemplar und sprach darüber. Das ganze Land war ein Lesezirkel, so, wie Nannen sich das gedacht hatte.

Lichterregen um Angela Merkel

Als um zwanzig Uhr Angela Merkel durch die Drehtüre kommt, dreht sich alles nur noch um sie. Aus den Ecken der Halle laufen die Fotografen herbei, der Saal hat plötzlich ein Zentrum - wo Frau Merkel auftritt, da ist die Bühne. Die locker gefügte Morphologie der Gesprächsgruppen wechselt, man weiß nun, wohin man zu blicken hat: in den Lichterregen um die Merkel, der niedergeht, wenn die Frau mit dem Wasserglas ein paar Schritte vor-, ein paar Schritte zurückgeht. Ihre sparsame Motorik läßt jede ihrer Bewegung wie eine Gunst erscheinen, und als sie schließlich Sabine Christiansen heranwinkt, die in schlenkernder Formation tausend Grüße hier, tausend Grüße dort verteilt, da wird aus dem Lichterregen ein Lichtergewitter, das minutenlang andauert. Merkel und Christiansen - hier grüßt und winkt die Doppelspitze auf dem nationalen Parcours des Vertrauens.

Der Mond in dieser Sternnacht ist Zartrosa und Fliederlila, und der Mond hat zwei Hälften und ist ohne weitere Worte weiblich und trägt die uralten Namen von Sabine Christiansen und Angela Merkel, die an diesem Abend, als sei das alles ein Stück aus einem geheimen Guß, ein rosa und ein lila Jackett tragen, und die beide ihre Haare blond und volksdurchschittslang und tatenfrisch tragen, und die beide auch Schwarz tragen - die eine den schwarzen Rock der telegenen Beine und die andere die schwarzen Hosen der Männerwelt.

Der Augenschein trügt nicht

Das Schwarz läßt das zarte Rosa und Fliederlila aber nur um so heller leuchten, und wenn man die eine oder die andere in den hohen und luftigen und hauptstädtischen heiligen Hallen des „Stern“ sucht, dann muß man nur nach einer rosa-lila Hälfte des mächtigen rosa-lila Berliner Mondpaares Ausschau halten - einfach die Blicke über die sich luftig verteilenden Hunderte von Körpern auf dieser Party schweifen lassen. Man kann alles sehen. Der Augenschein trügt nicht. Rot tragen die Damen des Empfangs, die nichts zu sagen, aber zu lächeln und die Liste der Gäste zu verwalten haben. Das Rot, das ist kein rauschendes Rot mehr.

Im dicht umringten Drehkreuzbereich wird mit einem Schlag klar, was der abwesende Kanzler übersehen hat, als er anfing, das Vertrauen als die elementare Kategorie des Politischen hochzureden, das Vertrauen plötzlich für eine realpolitische Münze zu nehmen statt weiterhin als das Dekor der politischen Rhetorik. Er nahm in Kauf, daß nach Art kommunizierender Röhren die Ressource Vertrauen, über welche Schröder nicht länger verfügen will, nun ganz von selbst zu Angela Merkel wandert. Neben Sabine Christiansen, die unruhigen Blicks immer etwas zu wollen scheint, ist Frau Merkel tatsächlich die Ruhe und Unangestrengtheit in Person. Heute abend, im Kraftfeld der Vertrauensfrage, Stunden vor Schröders Bundestagserklärung, bekommt ihre Rolle den letzten bezwingenden Schliff: als oberste Vertrauensperson im Vertrauenspark Deutschland.

Die Wichtigen und die Wichtigsten

Das hat auf dem Fest einen paradoxen Effekt: Beim Eintreffen Frau Merkels wird die soziale Komplexität der Anwesenden nicht etwa reduziert, wie es die Vertrauensdefinition Niklas Luhmanns nahelegt, sondern gesteigert. Im Nu wird aus dem Fest für alle Wichtigen ein Zweiklassenfest für die Wichtigen einerseits und die Wichtigsten andererseits. Frau Merkel hat nämlich den Lift entdeckt und verfällt sofort auf eine geniale Idee, um den Distinktionsgewinn, den sie als fotografierte Lichtgestalt erzielte, zügig auszubauen: Sie bittet den Chefredakteur, sich einmal oben sein Arbeitszimmer ansehen zu dürfen - und im Nu sausen die Wichtigsten mit Merkel und Christiansen im Lift nach oben, während die Wichtigen, die Bütikofers, Künasts und Scholzens, unten das Nachsehen haben. Und unter all denen wandelt einsam lächelnd eine schöne Streichholzverkäuferin, die Berliner Schwester des Streicholzmädchens aus Hans Christian Andersens Märchenwelt.

Der Lift mit seinen vier Körben ist eine gigantische Distinktionsmaschine. Schnell spricht es sich herum: Wer hoch darf, ist ein Gewinner, wer unten warten muß, ein Verlierer. Umweltminister Trittin will es wissen. Er steigt in den ersten der vier Fahrstuhlkörbe, drückt die Knöpfe durch, aber der Lift bewegt sich nicht, Trittin mit Troß steigt wieder aus und versucht es - rein in den Lift, raus aus dem Lift - beim zweiten, beim dritten und schließlich beim vierten Fahrstuhlkorb. „Da kann man nichts machen“, sagt der Umweltminister und geht ergeben ins Foyer zurück. Alles Drücken hat keinen Sinn, die Lifte stehen still, sie wurden von „Stern“-Mitarbeitern vorsorglich aus dem Verkehr gezogen, solange Angela Merkel oben ist, und können für anerkannte Sonderfahrten auch nur von Mitarbeitern des Hauses mittels einer elektronischen Karte wieder in Gang gebracht werden.

Allein auf der Dachterrasse

Trittin verfügt über genügend Körpergröße und rhetorische Qualifikation, um die Niederlage im Lift, dieses elektronische Realsymbol des politischen Kursverfalls, nicht noch größer erscheinen zu lassen. Er hat dann doch noch Glück, er kriegt eine Sonderfahrt, aber als er oben ankommt, ist die Show schon gelaufen. Die Gang der Wichtigsten kommt ihm entgegen, will wieder runter und verweigert ihm jede Möglichkeit, sich anzuschließen. Statt dessen wird Trittin allein auf die Dachterasse geschickt.

Dort oben hat Frau Merkel - die Regierungsmetropole zu Füßen - ein Unkraut gezupft, weil kein Unkraut wachsen darf, wo es nicht hingehört. Im Lift nach unten meint Frau Christansen, daß es ja doch ziemlich zugig gewesen sei auf dem großen Balkon, daß aber so ein Unkrautzupfen glatt die Rückentherapie Pilates ersetze. Ja, sagt Frau Merkel, noch ein wenig Unkrauterde am Finger, auch auf ihrem eigenen Balkon sei immer entweder zu viel Wind oder zu viel Sonne - „in Deutschland“ sei das nun einmal so. Vertrauen Sie mir, hörte man heraus, sie wisse über Deutschland Bescheid, jenem Deutschland da unten, dem sie im Lift entgegenschwebt.

Männer auf verlorenem Posten

Während das Fliederlila mit dem schwarzen Rock der Sabine Christiansen aber bald wieder in den Berliner Kosmos verschwindet, harrt das andere Rosa mit der schwarzen Hose Stunden aus. Frau Merkel spricht in die kleinen Trauben der Männer und Frauen hinein, die sich um das mächtige Rosa drängeln, trinkt nun ihren Wein, zeigt mal einen Vogel, wenn von dem oder jenem die Rede ist, und verbreitet eine Wärme, die durch die Hallen flutet und den Kampf gegen die sich hier und dort aufsteigende und ausbreitende Erschöpfung und Mattigkeit der Männer auf verlorenem oder wackeligem Posten aufnimmt.

Die Alten aber brauchen keinen Lift, um über den Dingen zu stehen. Kurz nach Scheel kamen Wolfgang Menge und Rolf Hochhuth. Wie das Magazin beherrschen auch sie die Kunst, heikle Themen ans Publikum zu vermitteln, ohne jemanden zu überfordern oder herablassend zu wirken. Etwas später kommt Egon Bahr. Die älteren Herren, es ist immer noch ihre Zeit. Sie haben zwar den größten Teil ihres Berufslebens in Zeiten verbracht, in denen an so einem entspannten Abend im Domaquaree nicht zu denken gewesen wäre, da herrschten hier die Kommunisten, aber verloren fühlt sich niemand beim „Stern“: Er hebt die Gegensätze zwischen alt und jung, links und rechts, Mann und Frau zwar nicht auf, aber er federt sie ab. Wolfgang Menge ist ohnehin ein Mann, der in die Zukunft blickt: Die Queen Mary werde bald in Hamburg festmachen. So etwas habe man noch nicht gesehen, zweiundvierzig Meter hoch, und seine Augen funkeln, als sei er acht, nicht achtzig.

„Vergegenkunft“ lautet das Wort, das Günter Grass erfunden hat, um solche Momente zu bezeichnen, in denen sich die Epochen ineinanderschieben. Grass ist natürlich nicht da. Die Passagen, die ihm in der von Michael Jürgs verfaßten Biographie nicht gefallen haben, weil er sie indiskret fand, nannte er abschätzig „sternmäßig“. Jürgs war einmal Chef des Magazins gewesen.

Nicht einmal die Zigarren blühen

Die Männer, die noch ihre Anzüge tragen, bilden in dieser rosa Brandung kleine Gruppen - die Gruppen der Jasager und Neinsager, die zu dieser Stunde schon ganz ins Abseits gedrängt sind und deren schlichte Kalküle und Kommentare wie magere Rettungsringe um ihre Hälse liegen. Der ganze neuberliner-bismarckische Habitus, den Gerhard Schröder im Jahre 1998 eingeführt hatte, als er sich für sein Deutschland einkleiden und in Schale werfen ließ und zu den Zigarren griff, sackt in dieser Nacht des Rosa dahin - ja, nicht einmal die potenten Zigarren glühen, die im Mund von jenen getragen werden, in deren Hirnen die verblichenen Bilder der Macht hingen.

Aber das Rosa: Das Rosa spricht sanft und weich und lau von der armen Seele der SPD, die mit den Füßen getreten werde, und läßt sich noch einmal von dem Weißwein nachschenken, der sich aus einer Flasche ergießt, die irgendwie ihren Weg und ihr Ziel durch die kleine enganliegende Traube der Männer und Frauen findet. Hier ist auch ganz deutlich zu hören, daß die Frauen gerne und unverkrampft mit dem Rosa reden, und hier ist es auch ganz deutlich zu sehen, daß die ins Lächeln geschossenen Männer gerne dem Rosa, das eine helle Küchenstimmung verbreitet, ohne Potenzphantasien zuzuhören scheinen.

Das Volk ist draußen

Hier geschieht es auch, daß die Gesichter, die von Angela Merkel beschienen werden, immer mehr die freundlichen und bescheidenen, aber auch pfiffigen Züge der rosa Macht annehmen, als sei jetzt einfach ein physiognomischer Wechsel das Gebot der Stunde - und in diesen Momenten, da hätte man den Mond in seinen schwarzen Hosen gerne: geduzt. Dieses innerliche Du sitzt einem auch in den Gliedern, als Frau Merkel ihre Faust ballt - nicht die, in der das Weinglas lag - und von einer starken Regierung sprach, die das Volk wolle. Das Volk, das ist irgendwo da draußen. Aber hier, da steht ein Du im Raum.

So weit ist es in dieser Nacht in den hauptstädtischen Hallen gekommen. Die Männer schrumpfen und rutschen durch ihre Rettungsringe, und die Frauen wachsen und fassen sich bei den Händen und machen sich auf zu Merkelchens Mondfahrt.

Quelle: F.A.Z., 02.07.2005, Nr. 151 / Seite 37
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