Home
http://www.faz.net/-gqz-o7h8
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Berlin Der Palast weicht einem Park

06.11.2003 ·  Es ist beschlossen: Der Palast der Republik im Herzen Berlins wird abgerissen. Weil für den Bau des Stadtschlosses noch das Geld fehlt, soll die DDR-Ruine zunächst durch eine Grünanlage ersetzt werden.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Das Schicksal des seit 13 Jahren geschlossenen DDR-Palastes der Republik in Berlin ist besiegelt: Der Bundestag gab jetzt grünes Licht für den Abriß von „Erichs Lampenladen“, an dessen Stelle zunächst eine Grünfläche angelegt werden soll.

Das teilte das Parlament nach einer Sitzung des Ausschusses für Kultur und Medien am Donnerstag mit. Dafür gab es eine fraktionsübergreifende Zustimmung. Gleichzeitig gab auch der Haushaltsausschuß die entsprechenden Mittel für den Abriß frei. Die Gesamtkosten in Höhe von etwa 20 Millionen Euro werden zu zwei Dritteln vom Bund und einem Drittel vom Land Berlin getragen.

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) begrüßte den Beschluß des Bundestages, der seiner Position entspreche. Bereits im Sommer hatte der Regierungschef gesagt: „So wie der Palast jetzt dasteht, ist er ein Schandfleck in der Mitte Berlins.“ Auch Bausenator Peter Strieder (SPD) äußerte seine Zustimmung und teilte mit, daß bereits Mitte nächsten Jahres mit der Ausschreibung und im Februar 2005 mit dem Abriß begonnen werden könne. Damit stehe die Ruine im gesamten Jahr 2004 für eine kulturelle Zwischennutzung zur Verfügung.

Kultursenator dagegen

Auch der Initiator des Schloßaufbaus, Wilhelm von Boddien, reagierte positiv und zeigte sich „froh und hochzufrieden“, während der Berliner Kultursenator Thomas Flierl (PDS) starke Bedenken gegen die Grünfläche äußerte, ohne daß es konkrete Beschlüsse für die Nutzung eines Nachfolgebaus auf dem Schloßareal gibt. Er werde sein „Nein“ gegen eine Grünanlage notfalls auch als ein Minderheitenvotum im Senat deutlich machen.

Der geplante Wiederaufbau des Stadtschlosses mit den historischen Fassaden solle „so weit vorbereitet werden“, daß bei einer wirtschaftlich besseren Situation der Bundestagsbeschluß zum Aufbau ohne Zeitverlust möglich bleibe, betonte der Kulturausschuß.

Moratorium

Eine Arbeitsgruppe Schloßareal unter Leitung von Kulturstaatsministerin Christina Weiss (parteilos) hatte sich kürzlich wegen der Haushaltsnotlage für ein Moratorium bei den Planungen zum Schloß-Wiederaufbau ausgesprochen. Die Kosten für einen internationalen öffentlichen Architektenwettbewerb für den späteren Schloßaufbau sollen vom Bundesbauministerium vorfinanziert werden, beschloß der Kulturausschuß.

Strieder meinte, mit dem jetzigen Beschluß werde die Mitte Berlins kurzfristig aufgewertet, die bis zum späteren Schloßbau eine attraktive Grünanlage erhalte. Der CDU-Landesvorsitzende Joachim Zeller meinte, „die Richtung stimmt“. Er sprach von einem „positiven Signal, daß es der Deutsche Bundestag in gesamtnationaler Verantwortung mit der Bebauung der historischen Mitte nach dem Vorbild des Berliner Stadtschlosses ernst meint“.

Der alte Palast ist weg

Flierl bezweifelte, daß das Land Berlin angesichts der Haushaltsnotlage seinen Anteil von sieben Millionen Euro für den Abriß aufbringen kann. Außerdem werde mit der Grünfläche der Anspruch auf eine öffentliche Nutzung beseitigt und das von der Preußen-Stiftung geplante wissenschaftliche „Humboldt-Forum“ auf dem Gelände „beerdigt“. Der PDS-Landesvorsitzende Stefan Liebich meinte: „Ich hing mit dem Herzen am alten Palast der Republik. Aber der astbestsanierte Palast ist nicht mehr der alte Palast, und den werden wir auch nie wieder bekommen.“

Der Grundstein zu dem seit 1990 wegen Asbestsanierung geschlossenen Palastes war vor 30 Jahren am 2. November 1973 vom damaligen DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker gelegt worden. Der aufwendigste Neubau Ost-Berlins nach dem Krieg an der Stelle des im Krieg schwer beschädigten und 1950 von der SED gesprengten Hohenzollernschlosses sollte nach seinen Worten ein „Haus des Volkes“ sein und vor allem die Einheit von Volk, Partei und Staat symbolisieren. Der 485 Millionen Ost-Mark teure Palast wurde wegen seiner aufwendigen Ausstattung vom Volksmund auch „Palazzo Prozzo“ genannt. Er nahm die DDR-Volkskammer sowie zahlreiche Restaurants und Säle für die verschiedensten Show-, Tanz-, Theater- und Ball-Veranstaltungen auf. Der Palast wurde bei den Ost-Berlinern schnell populär.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Vorletzte Werte

Von Thomas Thiel

Die Welt hat eine neue Religion: „Kopinismus“ nennt sich der offiziell anerkannte Glaube an das Filesharing als höchsten Lebenssinn. Es geht aber nicht um letzte, sondern um strategische Werte. Mehr