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Berlin Alexanderplatz : Die Wahrheit der Türme

Gleiche Kubatur, andere Ästhetik, anderes Lebensgefühl: Arno Brandlhubers Entwurf für das Areal hinter dem Alexanderplatz Bild: Grafik bünck + fehse

Am Berliner Alexanderplatz will man Hochhäuser mit Luxuswohnungen bauen. Dagegen wird protestiert - dabei könnte hier Luxus einmal die soziale Stadt retten.

          Ende der neunziger Jahre drehte der französische Schriftsteller Jean-Philippe Toussaint einen wilden kurzen Film, der „Berlin 10.46 Uhr“ hieß; der Schriftsteller Joachim Sartorius spielt darin einen Galeristen, der beim Pingpongspielen mit seiner Assistentin erschossen wird, Hans Kollhoff spielt den Stadtplaner Hans Kollhoff, wie er am Alexanderplatz steht und mit ausladenden Gesten erklärt, was hier seiner Meinung nach zu entstehen habe: zehn rund 150 Meter hohe Bürotürme, die ein wenig nach Chicago aussehen sollten, nach der schwerkörperhaft-zigarrendunklen Solidität der frühen amerikanischen Hochhäuser, die es Kollhoff so angetan hatte - Hochhäuser, die die leeren Flächen der Ostmoderne besetzen sollten, wie eine siegreiche Armee auf den Plätzen des Gegners aufmarschiert.

          Berlin wurde nicht zu Manhattan

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Diese Pläne waren keine Erfindung von Toussaint, sondern Realität: Kollhoff hatte sie 1993 entworfen, als man noch glaubte, dass Berlin recht bald zu einer manhattanhaft turbulent überverdichteten Kapitale mit bis zu zehn Millionen Einwohnern und unbegrenztem Büroflächenbedarf anwachsen würde. Es gab einen Bebauungsplan, es gab Investoren, die sich die Bebauungsrechte gesichert hatten.

          Es kam dann anders mit Berlin, und gebaut wurden am Alexanderplatz nur die Galeria Kaufhof, der sehr hässliche Saturn-Bau und das Einkaufszentrum Alexa, das man ästhetisch eher in irgendeinem Schurkenstaat am Kaspischen Meer verorten würde und dessen Hässlichkeit sogar dem in Städtebaufragen heiter-indolenten Ersten Bürgermeister unangenehm ins Auge sprang.

          Eine französisch-brasilianische Leichtigkeit

          Die Hochhauspläne holte man erst jetzt wieder heraus, als sich abzeichnete, dass nach der Finanzkrise das Interesse an luxuriösen Wohnungen selbst im vergleichsweise günstigen Berlin geradezu hysterische Ausmaße annahm. Deshalb möchte das amerikanische Unternehmen Hines am Alexanderplatz jetzt ein luxuriöses, 200 Millionen Euro teures Hochhaus mit bis zu fünfhundert Wohnungen bauen, deswegen hat die Unternehmensgruppe Euroboden den Architekten Arno Brandlhuber beauftragt, in der Kubatur eines Kollhoff-Entwurfs ein paar hundert Meter entfernt einen langen Wohnriegel zu zeichnen.

          Das Haus, das Brandlhuber entworfen hat, wirkt, als habe sich der Ort von seinem Steinpanzer befreit und eine überraschende französisch-brasilianische Leichtigkeit angenommen. Fahrstühle bringen die Bewohner direkt in die verglasten Wohnungen, die Atmosphäre in den Apartments kann durch filigrane semitransparente Fassadenelemente verändert werden, im Sockelgeschoss gibt es, unter einem mit südamerikanischer Eleganz die Kollhoffsche Kubatur durchtanzenden Schwungdach, Läden und Cafés.

          Berlin wollte Manhattan werden: So stellte sich Hans Kollhoff vor zwanzig Jahren die neue Hochhausbebauung am Alexanderplatz vor.
          Berlin wollte Manhattan werden: So stellte sich Hans Kollhoff vor zwanzig Jahren die neue Hochhausbebauung am Alexanderplatz vor. : Bild: ullstein bild

          So gelingt es Brandlhuber, der bekannt wurde mit kostengünstigen, intelligenten Um- und Weiterbauten hoffnungslos gescheiterter Projekte, am Ende auch hier, die dichte Stadtatmosphäre zu erzeugen, nach der mit anderen Mitteln auch die Stadtbauer der Stimmann-Ära suchten, und es ist eine feine Ironie der Baugeschichte, dass all jene Architekten, die unter Stimmanns stilistisch ja nun eher monokultureller Ägide wegen ästhetischer oder urbanistischer Differenzen sorgsam von den großen Aufträgen ferngehalten wurden, jetzt jene Matrix füllen sollen, die die Apologeten des neuen steinernen Berlins entwarfen.

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