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Lage der deutschen Sprache : Sprachpolizei

Leidet die deutsche Sprache unter neuen Wörtern wie „isso“? Oder ist der Wandel einfach zeitgemäß. Bild: dpa

Sprache verändert sich, auch die unsere. Die Gründe dafür sind so vielfältig wie die Sprache selbst. Eine Glosse zur aktuellen Lage der deutschen Sprache.

          Es ist nicht leicht, einen Witz über den „Zweiten Bericht zur Lage der deutschen Sprache“ zu machen, der am Mittwoch vorgestellt wurde. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften, die ihn herausgeben, sind seriöse Institutionen, und seine Verfasser, ein erlauchter Querschnitt – oder soll man sagen: Querschnitt*in? Aber wir nehmen zu viel vorweg – der deutschen Linguistenzunft, alles andere als Hallodris. Andererseits haben die erleuchteten Sprachwissenschaftler bei ihrer Arbeit auch sogenannte Feldforschung getrieben, also beispielsweise in Zeltlager von Jugendlichen hineingehorcht, wo sie etwa folgenden Satz vernahmen: „Tobi, da biste ja noch, alter Granny-Lutscher.“ Oder diesen: „Leute, fuckt mich nicht ab.“

          Es geht also nicht nur um trockene Fakten in dem Sprachlagebericht, sondern auch um das Leben da draußen, das wirkliche, wahre – was das für 29,95 Euro im Buchhandel vorrätige Dokument zu einem Vergnügen nicht bloß für Insider macht. Die Forscher haben beispielsweise herausgefunden, dass viele heutige Migranten und Deutschtürken das komplementär distribuierte Allophon „ch“ nicht aussprechen und statt „ich“ lieber „isch“ sagen. (Aha.) Auch die ortsanzeigenden Präpositionen des Deutschen werden, da sie im Türkischen fehlen, im Smartphone-Alltag zunehmend weggelassen: „Isch bin jetzt Schöneberg.“ – „Isch geh’ Klinik.“ (Genau.)

          Planierung des Sprachgebrauchs

          Auf der anderen Seite nimmt der Einfluss der sogenannten Standardsprache, wie sie zumal durch die Medien verbreitet wird, immer mehr zu, so dass manche alten Dialekte, die selbst die Elektrifizierung und das „Wort zum Sonntag“ überlebt haben, inzwischen vor dem Aussterben stehen. Doch es gibt Hoffnung, denn die „Regiolekte“, ihre leichter verständlichen Schwundstufen, gewinnen an Bedeutung: Sie stiften Vertrauen im Geschäftsleben (weshalb so viele Schwaben ihre Biokost bei schwäbischen Bioläden in Berlin-Mitte kaufen), sorgen für kulturelle Identität („Mia san mia“) und erleichtern die Kontaktaufnahme im Internet.

          So weit wäre also alles im grünen Bereich in der Sprachlandschaft zwischen Rhein und Oder – gäbe es bloß den deutschen Amtsschimmel nicht, der immer wieder verwüstend über die blühenden Wiesen tobt. Seine jüngste Maßnahme zur Planierung des Sprachgebrauchs sind die politisch korrekten Gender-Sternchen, die der Berliner Senat bei offiziellen Schriftstücken sogar zur Norm erklärt hat: Dort gibt es jetzt nur noch Bürger*innen, Bäcker*innen und Bäcker*innenbeauftragte, bloß die jugendlichen Intensivtäter sind weiterhin männlich. Der Linguist Peter Eisenberg, der diese Praxis in Interviews mit den Wortverdrehungen der Diktaturen verglichen hat, spricht in seinem Lageberichts-Aufsatz vorsichtiger von „sprachpolizeilichen Allüren“. Bei der Präsentation des Buches plädierte er dafür, die Sprachentwicklung mehr oder minder sich selbst zu überlassen. „Wenn ein Wort von allein kommt, dann passt es auch.“ Oder wie wir in unserem hessischen Regiolekt sagen würden: Wer babbelt, ist nicht tot.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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