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Berg- und Talfilme auf der Berlinale : Vom Kloster durch die Welt zur Hölle

Der Film „Metéora“spielt in den Metéora-Klöstern in der Sandsteinfelsenlandschaft bei Kalambaka in Thessalien Bild: UPL

Das Motiv der Berge ist in vielen Filmen der Berlinale ein Thema. Ob als stummer Begleiter, als unüberwindbare Grenze oder als Szenario einer Kindertragödie.

          Das Kino verwandelt Worte in Bilder, Bücher in Filme, aber manchmal bleibt es auch auf halbem Wege stehen. Dann hallen die Bilder von Buchsätzen wider, und der Zuschauer betritt ein seltsames Zwischenreich, das nicht mehr ganz Literatur und noch nicht ganz Film ist. In Julian Roman Pölslers Panorama-Beitrag "Die Wand", der Adaption des gleichnamigen, 1963 erschienenen Romans von Marlen Haushofer, hört man die Stimme von Martina Gedeck, die lange Zitate aus dem Buch vorträgt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Dazu sieht man die Schauspielerin in einer Alpenhütte sitzen, mit einem Jagdgewehr über der Schulter durch den Hochwald laufen, eine Heuwiese abmähen oder in den nächtlichen Sternenhimmel schauen. Aber obwohl Martina Gedeck eine großartige Schauspielerin ist, kommen die beiden Seiten des Films, die akustische und die visuelle, die philosophische und die konkrete, nie zur Deckung. Die eine spricht in hohem Ton vom Untergang der Menschheit, die andere zeigt einen Menschen in einem Alpental, allein. Irgendwo zwischen beiden liegt der Film, der "Die Wand" sein wollte.

          Dabei hat die Geschichte, die Haushofer erzählt, in den fünfzig Jahren seit dem Erscheinen des Romans nichts von ihrem Zauber verloren. Eine Frau fährt mit Bekannten ins Gebirge; plötzlich, über Nacht, ist das Tal von einer unsichtbaren Mauer umgeben, die nichts und niemand durchdringen kann. Was dann folgt, ist ein Märchen vom Überleben, im physischen wie im emotionalen Sinn, mit Tieren, die man töten, und solchen, die man zur Welt bringen muss, mit Einsamkeit und Trauer, Glück und bitterer Not. Martina Gedeck trägt diesen Film ganz allein, und sie trägt ihn gut. Doch gegen die Manie des Regisseurs Pölsler, den Text und nicht die Bilder sprechen zu lassen, kommt auch sie nicht an. So erklingt minutenlang ihre müde, sanfte Stimme, während die Kamera ihr starr ins Gesicht blickt, und man wünschte sich, sie täte, wovon sie erzählt.

          Verbotene Liebschaften

          Im Wettbewerb lief unterdessen der griechische Beitrag "Metéora", der ebenfalls eine Bergregion ins Visier nimmt, wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen. Die Geschichte, bei der der Regisseur Spiros Stathoulopoulos auch die Kamera geführt hat, spielt in den als Unesco-Weltkulturerbe ausgewiesenen Metéora-Klöstern in der Sandsteinfelsenlandschaft bei Kalambaka in Thessalien. Ein Mönch und eine Nonne, die in zwei gegenüberliegenden Klosterburgen leben, verlieben sich ineinander, was im Kino ja kein unübliches Verhalten ist; sie senden einander über den Abgrund Lichtzeichen, treffen sich heimlich, beten, schmachten, picknicken und werden endlich ein Paar.

          Ungewöhnlich aber ist die visuelle Form, die Stathoulopoulos diesem Stoff gegeben hat. Denn zwischen die einzelnen Episoden der Liebesgeschichte, die anfangs betont schlicht und untouristisch daherkommen, sind Trickfilmsequenzen gestellt, in denen die Ikonenmalerei des orthodoxen Christentums zum Leben erwacht. Da purzeln Mönch und Nonne aus ihren Zellen geradewegs in die Hölle, da weht das Haar der Geliebten über das Felsental bis vor das Fenster ihres Verehrers, da fließt das Blut Christi in Strömen vom Kreuz herab und ergießt sich über die Welt. Der Film muss das Innenleben seiner Figuren dann gar nicht mehr weiter ausbreiten, denn in diesen Animationen, die gleichzeitig naiv und kunstvoll sind, hat man schon alles gesehen.

          Lange Zeit balanciert der Film so mit Geschick auf dem haarfeinen Grat zwischen Können und Kitsch. Dann aber will er körperlich zur Sache kommen, und dabei stürzt er ins Kunstgewerbliche ab. Man könnte Stathoulopoulos zugutehalten, dass er mit seinen Kamerablicken unter Klosterkutten gezielt gegen griechische Tabus verstoßen wollte; aber im restlos aufgeklärten Weltkino gibt es diese Tabus schon lange nicht mehr. Am Ende wirkt "Metéora" wie eine weitere unausgereifte Talentprobe, die sich ins Hauptprogramm dieser Berlinale verlaufen hat.

          Eine Kindertragödie im Skigebiet

          In Ursula Meiers Wettbewerbsfilm "L'enfant d'en haut" (Der Junge vom Berg) wird das Alpenpanorama, das in der "Wand" nur als malerischer Rahmen für die Geschichte dient, zum Schauplatz einer Kindertragödie. Jeden Tag fährt der zwölfjährige Simon (Kacey Mottet Klein) während der Wintersaison mit der Seilbahn in ein Skigebiet, um Kleidung und Ausrüstungsgegenstände der Urlauber zu stehlen und zu Hehlerpreisen weiterzuverkaufen oder an seine Freunde zu verteilen. Und jeden Abend kehrt er in eine heruntergekommene Hochhauswohnung zu einer jungen Frau (Léa Seydoux) zurück, die sich vor ihren wechselnden Liebhabern als seine Schwester ausgibt, in Wahrheit jedoch Simons Mutter ist.

          Der Druck, der von allen Seiten auf Simon lastet, ist derart groß, dass man sich wundert, warum er nicht längst unter ihm zusammengebrochen ist. Aber der Film, und darin liegt die Kunst seiner Inszenierung, macht dieses Durchhalten immer wieder plausibel, er gibt dem Blick des Jungen, der lange keine Schule mehr von innen gesehen zu haben scheint, eine Härte, die erst hinter den schützenden Wänden der Mietwohnung zusammenbricht. In der Schule des Lebens aber, die er seit Jahren besucht, hat Simon gelernt, dass jede Zärtlichkeit bar bezahlt werden muss, und so bietet er seiner eigenen Mutter Geld dafür an, dass sie ihn in ihrem Bett schlafen lässt. Die Szene, in der das geschieht, ist so erschütternd, weil sie sich jeder filmischen Übertreibung enthält; selbst die Musik, die sonst manchmal störende Betonungen setzt, schweigt.

          "L'enfant d'en haut", nach dem vielgelobten "Home" der zweite Spielfilm der französisch-schweizerischen Regisseurin, ist auf der Berlinale am richtigen Ort, auch wenn man ihn nicht unbedingt gleich als Favoriten für den Goldenen Bären betrachten muss. Man brauchte sich nur Zhang Yimous außer Konkurrenz laufendes, mit Sex und Blut um sich schmeißendes pseudohistorisches Schlachtengemälde "The Flowers of War" anzuschauen, um wieder daran erinnert zu werden, wie gut es tut, Bilder aus der heutigen Wirklichkeit zu sehen. Bilder und Worte. Und keine Lügen.

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