26.05.2006 · Seit Tagen sind die Häuser des Landes mit seinen Fotografien geschmückt: Papst Benedikt XVI. ist im polnischen Bewußtsein angekommen. Und damit verändert er vielleicht das Bild des Deutschen in den Augen der Polen. Von Andrzej Stasiuk.
Von Andrzej StasiukHeute um elf ist er in Warschau gelandet. Ich sitze am Radio und warte darauf, daß er sich äußert, daß man ihn sprechen läßt. Ich höre ihn gern polnisch sprechen. Irgendwie erinnert er dann an seinen Vorgänger, Johannes Paul, in seinen letzten Monaten. Johannes Paul, niedergedrückt vom Alter und von seiner Krankheit, sprach mühsam und immer undeutlicher. Benedikt XVI. müht sich bewundernswert aufopferungsvoll mit der polnischen Sprache ab, und es geht tatsächlich immer besser. Nur seine Stimme ist schwach, furchtsam huscht sie durch das Minenfeld der polnischen Zischlaute. Vorsichtig berührt er die Silben, ungläubig benutzt er die völlig fremden, exotischen Laute. Aber er versucht es. Darin ist er ungeschickt und beinahe kindlich.
Ungeschicktheit und Kindlichkeit, das sind Eigenschaften, die man in meinem Land üblicherweise nicht mit den Deutschen verband. Auf diese Weise verändert Benedikt XVI., vielleicht ungewollt, das Bild des Deutschen in den Augen der Polen. Womöglich weckt er sogar fürsorgliche Instinkte in uns. Bestimmt wird er gleichsam als geistiger Sohn von Johannes Paul wahrgenommen und genießt die Anerkennung und das Verständnis, das wir gemeinhin jungen Leuten entgegenbringen, die gerade erst ins Erwachsenenleben treten.
Held von Volkserzählungen
Die Massenphantasie der Polen nimmt Benedikt XVI. in sich auf. Allmählich wird er zum Helden von Volkserzählungen. In den Fenstern der Häuser, der Dorfkaten, in der Provinz und auf dem Land sieht man seit einigen Tagen seine Fotografien. Wie Altäre in Dorfkirchen sind sie mit Sträußen von Feldblumen geschmückt. Das Volk macht sich den hervorragenden Theologen, den großen Intellektuellen und Wächter des rechten Glaubens zu eigen. Es verziert seine Ebenbilder mit Feldblumen und macht sie zu Kultgegenständen. So wird der Verfechter eines rationalen Glaubens zur Ikone einfacher, irrationaler Frömmigkeit.
Zugleich ist er der erste Deutsche, der in Polen zu einem Helden der Massen werden konnte. Wer vor ihm hätte das geschafft? Beckenbauer? Schumacher? Beate Uhse? Möglich, aber ihre Popularität war auf eine Handvoll Fans beschränkt. Und ihre Erfolge schrieb man eher gesamtdeutschen Nationaleigenschaften zu, als da wären Pünktlichkeit, Solidität und panzerhafte Sturheit bei der Durchsetzung des Zieles. Das waren eher Roboter, konstruiert für ganz konkrete Zwecke.
Menschliches hatten sie nicht. Da war nur Effektivität, und diese Eigenschaft genießt bei den Slawen kein besonders hohes Ansehen. Benedikt dagegen präsentiert den Polen das Menschliche in seiner Fülle: Erstens ist er der Erbe von Johannes Paul, zweitens ist er das Oberhaupt aller Katholiken, und drittens kann er noch nicht gut Polnisch. Größe, Bescheidenheit und eine gewisse Unvollkommenheit finden in seiner Person zusammen.
Massenphantasie der Polen
Die letzte deutsche Gestalt, die sich der Massenphantasie der Polen bemächtigte, war der deutsche Soldat. In seiner Soft-Version war es die Wehrmacht, als Hardcore die Waffen-SS. Diese Gestalt beherrschte die Vorstellung der Polen sehr lange. Man könnte die Behauptung wagen, daß sie das bis heute tut. Nicht mehr so sehr wie früher, schließlich hat die Biologie ihre eigenen Gesetze, und diejenigen, die die Erinnerung hüteten und sie an die nachfolgenden Generationen weitergaben, sterben aus.
Die Massenphantasie, das Unbewußte des Volkes registriert Ereignisse wie den Brief der polnischen Bischöfe an die deutschen Bischöfe nicht; es nimmt weder den Kniefall Willy Brandts vor dem Denkmal im Warschauer Ghetto noch Helmut Kohls Umarmung mit Premier Mazowiecki wahr. Die Massenphantasie lebt von den Erzählungen der Großväter und Großmütter, der Väter und Mütter. Die Erzählung von Willy Brandts Kniefall läßt sich nicht von Generation zu Generation weitergeben. Die Erzählung von der Großmutter oder Mutter, wie sie vor dem Wehrmachtssoldaten oder SS-Mann kniete und um Gnade flehte, sehr wohl.
Wieder einmal ein „guter Deutscher“
Benedikt XVI. ist seit undenklichen Zeiten wieder einmal ein „guter Deutscher“ im polnischen Massenbewußtsein. Vielleicht sogar der erste überhaupt. Ich weiß nicht, ob der Heilige Geist in nationalen, historischen und politischen Kategorien denkt. Vermutlich denkt er doch universal und hat bei Gelegenheit beschlossen, sich dieses merkwürdigen Knäuels von Haß, Angst, Schmerz und Ignoranz anzunehmen, in das zwei große europäische Völker verstrickt sind. Ich finde, das war ein exzellenter Zug des Heiligen Geistes: An die Stelle des „besten aller Polen“ tritt der „gute Deutsche“.
Ich mag seine brüchige Stimme, wenn sie so mannhaft mit der polnischen Sprache ringt. Er wird immer besser sprechen und immer mehr. Wahrscheinlich ahnt er, daß er hier lieber und inbrünstiger aufgenommen wird als anderswo. Ob es gerade diese Art von Inbrunst ist, die er sucht, weiß man nicht so recht. Aber in den heutigen, traurigen Zeiten sollte man nicht die Nase rümpfen über diese oder jene Form von Religiosität. Das gebetsversunkene, „rückständige“ Volk, die Fotografien, die Feldblumen, die mit seinen Porträts geschmückten Bildstöcke am Wegesrand - darin liegen Ironie, Größe und Demut zugleich. Er - Theologe der Theologen, Wächter über die Reinheit der Lehre - kommt hierher, um geistige Unterstützung bei alten Frauen zu suchen, denen oft die Jungfrau Maria als vierte Person der Heiligen Dreifaltigkeit gilt.