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Benedikt XVI. Helle Tage: Die Generation des Papstes

21.04.2005 ·  Fast auf den Tag sechzig Jahre nach Kriegsende wird ein Deutscher Papst. Anders als sein Vorgänger war er nicht auf der moralisch intakten Seite des Planeten geboren - und wurde später zum moralischen Intellektuellen.

Von Frank Schirrmacher
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Der deutsche Papst zwingt den, der Symbole sieht, umgehend zu weltlicher Betrachtung. Fast auf den Tag sechzig Jahre nach Kriegsende wird ein Deutscher Papst. Es ist kein Nachgeborener, sondern einer der letzten, die noch dabei waren.

Joseph Ratzinger ist sich dieses Dabeiseins offenbar sehr bewußt. Er war als knapp Achtzehnjähriger in Gefangenschaft geraten und empfand die Übergangszeit, wie er im Rückblick ausdrücklich sagte, selbst als symbolisch. Vor zehn Jahren fragten wir ihn in dieser Zeitung anläßlich des fünfzigsten Jahrestags des Kriegsendes nach seiner Erinnerung.

Er antwortete: „Am 8. Mai 1945 befand ich mich in dem provisorischen Kriegsgefangenenlager, das die Amerikaner auf dem damaligen Militärflughafen Bad Aibling errichtet hatten. Wir lagen auf bloßer Erde, ohne Dach über dem Kopf... Die amerikanischen Soldaten schossen abends Leuchtraketen in die Luft; am 8. Mai steigerte sich dies zu einem regelrechten Feuerwerk, so daß wir spürten, daß etwas Außerordentliches geschehen sein müsse.

Tags darauf verbreitete sich dann die Nachricht, daß in Berlin die bedingungslose Kapitulation Deutschlands unterzeichnet worden war, die die Alliierten seit langem als ihr Kriegsziel erklärt hatten. Die Erleichterung, die wir über das Ende des mörderischen Wahnsinns dieses immer absurder gewordenen Krieges empfanden, wurde freilich gedämpft durch die schnell aufkommenden Gerüchte, daß die Westalliierten beabsichtigten, nun den Kampf mit der Sowjetunion aufzunehmen...Auch wenn man den Kriegsgerüchten nicht glaubte, blieb einstweilen die Hoffnung auf das Neue gedämpft: Deutschland lag in Trümmern, es mußte im materiellen wie im geistigen Bereich wieder ganz von vorne beginnen.

Wie sollte der Aufbau gelingen?

Unser Land war international isoliert und geächtet - wie sollte da der Aufbau gelingen können? Und wann würde man uns aus der Kriegsgefangenschaft entlassen? Und würde nicht der Entlassung ein längerer Dienst am materiellen Wiederaufbau folgen müssen, ehe das Studium beginnen konnte und damit das eigentliche, das eigene Leben? Trotzdem war die Hoffnung stärker als die Sorge.

Ich hatte ein sehr optimistisches Bild von den westlichen Alliierten und war überzeugt, daß sie aus einem hohen humanen und christlichen Ethos heraus handeln würden und daß nun, da der Nationalsozialismus besiegt war, nach einer doch wohl nicht zu langen Wartefrist die Zukunft offenstehe. Irgendwie hatte der Zustand der Gefangenschaft für mich etwas Symbolisches an sich: Wir waren unbehaust, noch unfrei, die Nächte waren kalt, aber die Tage hell, das Jahr steigend. Wir gingen einer besseren Zukunft entgegen.“

Ein neuer Anfang

Wenn wir und unsere Nachkommen bei Jahrestagen immer wieder die Bilder des Kriegsendes mustern, wird auf den Fotos etwas dazugekommen sein. Die Fotos zeigen nicht mehr nur die Gesichter verängstigter, moralisch gebrochener und hoffnungsloser Menschen in Gefangenenlagern oder zerbombten Städten. Sie zeigen einen Anfang, der über die Bundesrepublik hinausführt. Der junge Mann hier, am 8. Mai 1945 in Aibling, der wird später Papst. Und der gleichaltrige junge Mann dort, der wird später die „Blechtrommel“ schreiben und dafür den Nobelpreis für Literatur erhalten; dort, zwei unwesentlich Jüngere, Jahrgang 1928 und 1929, das sind Hans Magnus Enzensberger und Jürgen Habermas.

Sie alle sind, um es weltlich auszudrücken, bis in die letzten Fasern ihrer Existenz sozialisiert durch die Ereignisse, die vor sechzig Jahren ihr Ende fanden. Sie fühlten sich, wie Joseph Ratzinger schreibt, isoliert und „geächtet“. Immer noch war Strafe möglich, Arbeiten für die Sieger, ein „eigenes Leben“ in weiter Ferne. Das sind die Ausgangsbedingungen dieser Generation und die Herkunft des neuen Papstes. Anders als sein Vorgänger war er nicht auf der moralisch intakten Seite des Planeten geboren. Er ist damit - in einem ganz unpatriotischen Sinne - einer von uns.

Moralische Intellektuelle

Wir Heutigen können uns diese Bedingungen einer intellektuellen Inkubation nur noch abstrakt vorstellen. Sie hat dazu geführt, daß alle Genannten auf ganz unterschiedliche Weise moralische Intellektuelle geworden sind. Sie waren die letzte einheitliche Generation der deutschen Geistesgeschichte; die letzten, die bei allem Dissens, ja sogar Feindschaft sich auf die Urerfahrung jenes Mai 1945 festlegen ließen.

In den folgenden sechzig Jahren mußte der rationalistische Intellektuelle westlicher Prägung mit Erstaunen feststellen, daß die Religionen partout nicht aus unserem Leben verschwinden wollten. Im Gegenteil: In einigen wesentlichen Fragen, wie etwa der bioethischen Debatte, ließ sich ohne den Begriff der Gottebenbildlichkeit des Menschen die neue schöne Welt des Dr.Frankenstein kaum argumentativ angreifen. Das Treffen von Habermas mit Ratzinger im Jahre 2004 galt deshalb vielen als Vorzeichen einer dramatischen Veränderung. Die Grenzen von Philosophie und Religion beginnen sich wieder zu verändern; nur daß diesmal keine Eroberungs- und Annexionskriege stattfinden.

Die künftigen, in einer alternden Gesellschaft mit heute kaum noch zu ahnender Intensität zu debattierenden Fragen der ärztlichen Versorgung, des Patientenwillens, des Wertes des unproduktiven Lebens werden einen Typus des Intellektuellen notwendig machen, der Fragen der Religiosität nicht nur in Kategorien von „konservativ“ und „progressiv“ denkt. „Im operativen Bereich sind wir uns einig“, hatte Ratzinger in seinem legendären Gespräch mit dem Generationsgenossen Habermas gesagt. Die Nächte sind kalt, die Tage werden länger, das Jahr steigt, wie vor sechzig Jahren: Wer möchte da nicht hoffen, daß wir auch intellektuell einer besseren Zukunft entgegengehen?

Quelle: F.A.Z., 21.04.2005, Nr. 92 / Seite 33
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Jahrgang 1959, Herausgeber.

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