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Ben Beckers Bibeltournee Gott mit Popcorn

 ·  Ben Becker gastiert kurz vor dem Ende seiner Bibeltournee in der Köln Arena. Insgesamt 60.000 Menschen sahen und hörten ihn die Heilige Schrift lesen, begleitet von Popcorn, Wasserfontänen und Dolly Parton. Hatte das etwas mit Religion zu tun? Oder geht es ihm nur um einen gelungenen Abend?

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Ben Becker steht am Pult, das ein goldenes Kreuz ziert. Seine Knie zittern, aber er hat die Arme fest in die Wandung gestemmt wie ein Kapitän, der hinausfährt aufs Meer. Er lehnt den Kopf zur Seite, taucht von unten ans Mikrofon heran, und dann liest er. Seine Stimme erfüllt den Raum. Sie grollt und raunt, sie bebt und wütet, fleht und verflucht. Zwei Stunden liegt sie wie eine schwere Decke über den Leuten. Dann wird sie weggerissen, und es entsteht ein Moment, als solle gleich etwas passieren. Die Frage ist nur, was. Wäre das hier eine Kirche, wüssten die Leute, was sie zu tun hätten. Es ist aber keine Kirche. Es ist die Köln Arena.

Seit mehr als einem Jahr zieht der Schauspieler Ben Becker durchs Land und liest aus der Bibel. Er füllt die großen Hallen der großen Städte, er liest auf dem Deutschen Katholikentag, und wenn er morgen seine Tour in Leipzig vorerst beendet, werden ihn sechzigtausend Menschen gehört haben. Das klingt, als gebe es in diesen unsicheren Zeiten eine Sehnsucht nach Spiritualität, die von den professionellen Institutionen nicht mehr bedient wird und der sich nun ein Laie angenommen hat. Einer, der von Kirche vor allem weiß, dass er sie nicht im Dorf lassen will. Denn danach sehen die Lesungen von Ben Becker nicht aus.

Extroitus mit Dolly Parton

Zu der Bibel, die er als „gesprochene Symphonie“ vorträgt, gehört ein Orchester, das sonst für die Filmstudios in Babelsberg Musik macht. Es gehören dazu eine Leinwand, angeordnet wie ein Triptychon, auf der seine Worte untermalt werden, ein Chor und die „Zero Tolerance Band“, die ihn begleitet, wenn er zwischendurch zu Singen anhebt. Es gehören Stände dazu, an denen T-Shirts von „Judas“ und „Maria Magdalena“ verkauft werden, und die deutsche Stadthallengastronomie mit Asianudeln, Bier und Popcorn und Verkäufern, die vor Beginn und in der Pause durch die Reihen laufen und fragen, ob man einen Eiswunsch habe.

Ben Becker liest aus dem Alten und Neuen Testament. Er beginnt mit der Schöpfung und endet mit der Auferstehung Jesu. Nachdem Kain seinen Bruder Abel erschlagen hat und sich aus dem Angesicht Gottes hinfortstiehlt, ins Land Nod, jenseits von Eden, da tritt Ben Becker vom Pult weg und singt „In the Ghetto“. Und nachdem Jesus ans Kreuz geschlagen ist, der Himmel sich auftut und ein Reiter auf dem weißen Pferd erscheint, König der Könige und Herr der Herren, da singt er „He is alive“ von Dolly Parton, und rechts und links auf der Bühne steigen Wasserfontänen auf.

Es geht nur um einen schönen Abend

Es ist kritisiert worden, dass diese Lesungen nichts mit Religion zu tun haben. Natürlich haben sie das nicht. Darum geht es ja. Die Leute zahlen bei Ben Becker Eintritt für etwas, das sie in der Kirche kostenlos bekommen würden, aber eben nicht umsonst. Dort sollen sie sich als Teil einer Organisation sehen, deren Anschauungen mit den Geschichten der Bibel erklärt werden. Das ist der Sinn, der in ihnen liegt. Dafür wurden sie weitergegeben. Im Rahmen der Kirche ist die Bibel nicht anders zu haben denn als funktionaler Text, der zu Haltungen aufruft, die in diesem Rahmen von Bedeutung sind. Bei Ben Becker dagegen soll nicht mehr herauskommen als ein schöner Abend.

Er fährt sich über die Stirn, wenn Gott an Kains ein Zeichen macht, dass keiner ihn erschlage. Er bebt, als der blinde Samson den Tempel der Philister zum Einsturz bringt und sich rächt für die beiden Augen, die sie ihm ausgestochen haben. Und er weint, wenn Jesus ans Kreuz geschlagen, den Kopf zum Himmel hebt und sagt „mein Gott, Vater, warum hast du mich verlassen?“. Er steigt ein in den Text und fordert die Wirkung heraus, auf die hin er geschrieben ist.

Er will kein Prediger sein

Den ganzen Abend steuert er diesen Moment an, dessen Entstehen ihm darüber Auskunft gibt, ob es ein gelungener Abend war, aber wenn er entsteht, dann kann er nichts anfangen damit. Er ist kein Prediger, er ist Künstler, seine Lesung ist eine kommerzielle, keine religiöse. Er spüre, sagt Ben Becker, jedes Mal, welche Kraft in diesem Text stecke, aber er wolle sie nicht wecken, um zu manipulieren. Trotzdem glaube er, dass er längst das Schloss in Schottland besäße, das er immer wollte, würde er am Ende nur sagen: Lasst uns eine Kirche gründen! So aber verlangt er den Leuten, die am Ende unaufgefordert von den Sitzen aufstehen, nichts ab.

Es war nur ein Zufall, doch zur selben Zeit wie Ben Becker ist dieses Jahr auch sein Vater, der Schauspieler Rolf Becker, mit einem Text unterwegs gewesen. Er las das Kommunistische Manifest, zuletzt vor zweihundertfünfzig Arbeitern von Mercedes in Untertürkheim. Er kam er nur auf Einladung, und ohne Orchester und Wasserfontänen. Aber auch er las einen Text, der geschrieben wurde, eine Gemeinde zu stiften, und an dessen Ende deshalb ebenso ein Moment entstand, dass etwas passieren müsste. Doch wie sein Sohn, so ließ auch Rolf Becker diesen Moment vergehen, und seine Zuhörer schienen froh darum zu sein. Auch das ist eben das Land in der Krise. Die Leute erinnern sich an Texte, von denen sie sich Orientierung erhoffen, aber dann wollen sie keine Verantwortung übernehmen für das, was aus ihnen folgt.

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Jahrgang 1974, Redakteur für das Feuilleton in Berlin.

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